Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 18.07.2015


Unternehmen

Spe(c)ktakuläre Betriebsansiedelung

Das 120-Millionen-Unternehmen Handl Tyrol wurde bei der Suche nach einem dritten Standort in Haiming fündig. Eine glückliche Fügung macht die Projektierung möglich. Der Gemeinderat sagte vorgestern „Ja“.

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© Dorn



Von Hubert Daum und Agnes Dorn

Haiming – Es ging ein Aufschrei durch die Schützer des Haiminger „Forchet“, als im Mai Pläne vom Parade­unternehmen Handl Tyrol bekannt wurden, zwischen AVE in Ötztal Bahnhof und Umspannwerk auf zehn Hektar Grundfläche einen weiteren Standort errichten zu wollen. Gegen eine Betriebsansiedelung habe man nichts, aber gegen den Standort im Naherholungsgebiet. Schon damals beteuerte GF Karl Christian Handl, die Bedenken der Bürger ernst zu nehmen.

So wurde nach einer Alternative innerhalb der Gemeindegrenzen gesucht und diese auch gefunden: Südlich der Bundesstraße erstreckt sich außerhalb des „Forchet“ ein ähnlich großes Areal, Eigentümer ist zu 99 Prozent die Tiwag. „Die Gespräche über den Ankauf dieser Fläche laufen bereits und sind sehr vielversprechend“, bestätigt Pressesprecher Jürgen Birlmair. Das Problem auf diesem Areal ist jedoch hochspannend: In der Mitte leiten vier Masten den Hauptstrom vom Prutzer Kraftwerk ins Umspannwerk.

Diese mögliche Schwierigkeit wurde auch in der vorgestrigen Gemeinderatssitzung thematisiert. In erster Linie ging es allerdings um das Raumordnungskonzept, das zurzeit im Landhaus begutachtet wird, um die Handl-Fläche von 9,5 Hektar zu ergänzen. Der Antrag auf Ergänzung wurde mehrheitlich angenommen. In puncto Grundstückskauf werden auch in der Amtsstube keine allzu großen Hürden erwartet. Als größten Brocken sieht man die Verlegung beziehungsweise Erhöhung der auf dem Grundstück befindlichen Strommasten. Dazu wäre eine lange andauernde Abschaltung erforderlich. Laut Gemeindeoberhaupt würde diese pro Tag 100.000 Euro verschlingen. Eine glückliche Fügung könnte dieses Problem aber lösen: wegen des Umbaus des Kraftwerks Prutz ist eine Abschaltung von Februar bis Mai 2016 bereits beschlossen. Nun gilt es, bis dahin alle erforderlichen Voraussetzungen und Genehmigungen einzuholen. BM Josef Leitner: „Wir kümmern uns um das Thema Raumordnung und Widmung. Ich habe Signale, dass das Raumordnungskonzept zügig überprüft wird. Dieses kommt dann zu uns retour, wird in einer öffentlichen Versammlung vorgestellt und dem Land zur Genehmigung retourniert. Ich rechne damit, dass wir den Weg zur Widmung bis November geebnet haben.“ Leitner glaubt, dass wegen der geringen Waldflächen keine Umweltverträglichkeitsprüfung nötig sein wird. Fix sei allerdings noch nichts. Für die Gemeinde Haiming wäre die Betriebsansiedelung natürlich ein „dicker Fisch“, winken doch Einnahmen an Kommunalsteuer in der Größenordnung von 300.000 Euro pro Jahr. Handl Tyrol spricht nämlich von 300 bis 350 großteils neuen Arbeitsplätzen, die in der Unternehmensgruppe entstehen. Die bisherigen Standorte blieben nämlich bestehen. Pressesprecher Birlmair: „Der Unternehmenshauptsitz wird nach wie vor in Pians sein. Dort werden die Rohwurstproduktion sowie die Kleinserien und Manufaktur-Spezialitätenproduktion sein. Am aktuellen Logistikstandort in Schönwies ist das zentrale Lager mit Verpackungsdienstleistungen geplant und am Südtiroler Standort in Naturns wird weiterhin der Südtiroler Markenspeck hergestellt. Am neuen Standort werden die Tiroler Speckspezialitäten produziert.“ Dieser Standort soll auf künftige Anforderungen im Bereich Produktionsabläufe und -prozesse, optimale Mitarbeiterbedingungen und Hygienestandards für den Export außerhalb Europas ausgerichtet werden.

Für die Familie Handl sei ein Konsens mit der Bevölkerung sehr wichtig. Die Initiative „Schützt das Forchet“ hatte nämlich im Vorfeld genügend Unterschriften für eine verpflichtende Volksbefragung gesammelt. Das Demokratieinstrument wurde allerdings nicht angewandt, weil sich das Unternehmen kooperativ zeigte. „Die Gesprächs- und Problemlösungskultur der Firma Handl war sehr positiv und unsere Bedenken wurden ernst genommen“, zeigen sich Petra Hofmann und Alexandra Harrasser von der Bürgerinitiative mit der neuen Lösung zufrieden. Nun startet also der Behördenwettlauf, die Stromleitungsverlegung soll im nächsten Frühjahr begonnen werden.