Letztes Update am Fr, 16.10.2015 16:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland

Riesige Datenberge: „Soko VW“ soll Abgasaffäre aufklären

Eine ganze Mannschaft an Sonderermittlern soll Licht in den Dieselskandal von VW bringen. Ermittelt wird gegen mehrere Mitarbeiter des Konzerns.

Beim VW-Konzern dürfte die Stimmung aktuell frostig sein.

© dpaBeim VW-Konzern dürfte die Stimmung aktuell frostig sein.



Braunschweig/Wolfsburg – Der VW-Dieselskandal soll das niedersächsische Landeskriminalamt (LKA) in Mannschaftsstärke auf den Plan rufen. Die Staatsanwaltschaft muss riesige Datenberge sichten, sie wünscht sich 20 Sonderermittler – und hofft, möglicherweise bald erste Verdächtige befragen zu können.

Die 20 Sonderermittler des Landeskriminalamts Niedersachsen sollen der Braunschweiger Staatsanwaltschaft bei der Aufklärung des VW-Abgasskandals helfen. „Unser Wunsch ist es, diese Stärke aufzubauen“, sagte Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe am Freitag der Deutschen Presse-Agentur in Hannover. Zuvor hatte der „Spiegel“ im Voraus über die Personalstärke berichtet. Laut Ziehe sind bisher erst „mehrere“ Ermittler mit dem Fall betraut.

Ermittlungen gegen Mitarbeiter, nicht gegen Konzern selbst

Die gewünschte Größe der Ermittlungsgruppe ergebe sich aus dem umfangreichen Datenmaterial, das die Staatsanwaltschaft in der vergangenen Woche am Konzernsitz in Wolfsburg und in Privatwohnungen sichergestellt hatte. „Wir ermitteln gegen Mitarbeiter, nicht gegen den Konzern“, sagte Ziehe. Sollte sich herausstellen, dass die gewollte Stärke von 20 Ermittlern für die Auswertung nicht ausreiche, müsse das Team womöglich noch weiter vergrößert werden. Entscheidend sei dabei nicht zuletzt die Personalkapazität im LKA.

Als Anfangsverdacht im Raum stehen laut Ziehe Betrug und Verstöße gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb (UWG). Es gehe nun darum, die ursprünglich Verantwortlichen für die Manipulation zu ermitteln und die Wurzeln der Abgas-Software zu ergründen. Außerdem stünden auch mögliche Mitwisser im Fokus der Staatsanwaltschaft, die möglicherweise über Jahre hinweg hätten einschreiten können.

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Weniger als zehn Mitarbeiter derzeit verdächtig

Im Ermittlungsverfahren werden „mehr als zwei, aber deutlich unter zehn“ Mitarbeiter des Autokonzerns beschuldigt, berichtete Ziehe. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte am Mittwoch gemeldet, dass mindestens 30 Mitarbeiter in den Betrug um manipulierte Abgaswerte von Dieselfahrzeugen involviert seien. VW wies den Bericht bereits zurück.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt im Abgasskandal gegen derzeit noch unbekannte VW-Verantwortliche. Vor rund einer Woche ließ sie das VW-Stammwerk und mehrere Privatwohnungen an unterschiedlichen Orten durchsuchen.

Volkswagen hatte im September eingeräumt, bei Umwelttests von Dieselfahrzeugen in den USA die Abgaswerte manipuliert zu haben. Durch eine entsprechende Software wurde bei den Tests ein niedrigerer Schadstoffausstoß gemessen als im Normalbetrieb. Die Software wurde weltweit in elf Millionen Dieselfahrzeuge eingebaut.

Verdächtige noch nicht befragt

Ziehe zufolge hat es bisher noch keine Befragung von Verdächtigen gegeben. Das dürfte sich aber mit der fortschreitenden Auswertung der Dateien und Akten ändern. Der „Spiegel“ berichtete, die Ermittler hätten eine Sonderkommission gebildet namens „Soko VW“. Ziehe sprach dagegen von einer Ermittlungsgruppe. Für die Arbeit und Befugnisse der Kollegen sei dieser behördeninterne Unterschied nicht relevant.

Volkswagen hatte in weltweit elf Millionen Diesel-Fahrzeugen mit dem Motor EA 189 eine Software eingebaut, die die Abgasbilanz bei Tests der Behörden künstlich schönen kann. Das Kraftfahrt-Bundesamt hält die Software für eine „unzulässige Abschalteinrichtung“ und stellt sich damit hinter die Position der Behördenkollegen in den USA, wo der Abgasskandal ab Mitte September seinen Lauf genommen hatte.

Riesenrückruf von 8,5 Millionen Autos allein in Europa

Als Folge muss der Autobauer im größten Rückruf seiner Geschichte allein in Europa 8,5 Millionen Dieselwagen für Nachbesserungen zurück in die Werkstätten rufen. Die VW-Manager versprechen eine lückenlose Aufarbeitung. Ermittelt wird auf VW-Geheiß bereits intern und mit Hilfe einer externen Anwaltskanzlei. Nach Informationen der dpa sind inzwischen schon fünf Top-Manager wegen der Affäre beurlaubt.

Der Skandal hat den langjährigen Volkswagen-Konzernchef Martin Winterkorn seinen Job gekostet. Der 68-Jährige trat Ende September zurück, um die Verantwortung für die Manipulationen zu übernehmen, beteuerte aber seine Unschuld. Er sei „fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“. (tt.com/APA/AFP/dpa)