Letztes Update am Mo, 22.08.2016 14:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Autoindustrie

Lieferstreit legt VW lahm: Fast 28.000 Mitarbeiter ohne Arbeit

Nächste Krise bei Volkswagen: In sechs deutschen Werken stehen derzeit die Bänder still. Auch Daimler liegt mit dem Autozulieferer Prevent im Streit.

Vom Streit mit den Zulieferern betroffen sind sechs deutsche Werke: Wolfsburg, Emden, Zwickau, Kassel, Salzgitter und Braunschweig.

© dpa/Jochen LübkeVom Streit mit den Zulieferern betroffen sind sechs deutsche Werke: Wolfsburg, Emden, Zwickau, Kassel, Salzgitter und Braunschweig.



Braunschweig – Durch den Streit mit zwei Zulieferfirmen können bei Volkswagen fast 28.000 Mitarbeiter nicht wie geplant arbeiten. Die Versorgung der Produktion mit Bauteilen sei in mehreren Werken unterbrochen, teilte der Konzern am Montag in Wolfsburg mit.

Betroffen sind den Angaben zufolge sechs deutsche Werke: Wolfsburg, Emden, Zwickau, Kassel, Salzgitter und Braunschweig. Volkswagen versuche weiterhin, eine Einigung mit den Lieferanten zu erzielen. Mit rund 10.000 Mitarbeitern ist die Golf-Produktion im Stammwerk Wolfsburg am stärksten betroffen.

Die beiden in Sachsen ansässigen Zulieferfirmen ES Guss und Car Trim weigern sich, Getriebeteile beziehungsweise Sitzbezüge an den VW-Konzern zu liefern, da dieser Schadenersatzzahlungen bei einem gestrichenen Auftrag verweigere. Die beiden Unternehmen aus Sachsen werfen Volkswagen Machtmissbrauch vor. Beide Firmen gehören zur Unternehmensgruppe Prevent.

Golf- und Passatfertigung stehen stehen still

Die Passat-Fertigung in Emden mit rund 7500 Beschäftigten steht bereits seit vergangener Woche still. Ab Montag ruht zudem in Zwickau die Produktion von Golf und Passat. Dort sind den Angaben zufolge rund 6000 Beschäftigte betroffen. Als Folge des Streits mit den Lieferanten könnten auch Teile der Fahrwerkproduktion in Braunschweig mit etwa 1300 Mitarbeitern und des Motorenwerks in Salzgitter mit rund 1400 Beschäftigten nicht arbeiten. In Kassel seien wegen ausbleibender Getriebeteile des Lieferanten ES Automobilguss etwa 1500 Mitarbeiter betroffen.

VW klagte Zulieferer

Volkswagen hat bereits eine einstweilige Verfügung gegen Car Trim durchgesetzt, an die sich die Firma jedoch nicht hält. Im Fall von ES Automobilguss will das Landgericht Braunschweig am 31. August über eine Verfügung verhandeln, gegen die das Unternehmen Widerspruch eingelegt hat.

VW hat alle rechtlichen Mittel genutzt, um die Belieferung seiner Werke wieder in Gang zu bringen. Dazu gehört auch die Androhung von Ordnungsgeld und Ordnungshaft gegen die Lieferanten. Zudem streben die Wolfsburger eine Ermächtigung an, die dringend benötigten Bauteile bei ES Automobilguss abholen zu lassen. In der Konzernzentrale von VW werde nach Informationen der Süddeutschen Zeitung allerdings befürchtet, dass die beiden Zulieferer ihre Ware gar nicht auf dem jeweiligen Fabrikgelände in Deutschland haben und Gerichtsvollzieher dort insofern gar nichts pfänden könnten.

Auch Daimler betroffen

Volkswagen ist allerdings nicht der einzige deutsche Autokonzern, der mit der Zulieferer-Gruppe Prevent Ärger hat. Beim Landgericht Braunschweig, wo die beiden Unternehmen streiten, ist nach Informationen der Süddeutschen Zeitung auch eine Millionen-Klage von Prevent gegen Daimler anhängig.

Es geht dabei offenbar um Qualitätsprobleme, Vertragskündigungen und hohe Schadensersatzforderungen. Der Streit zwischen Daimler und Prevent tobt offenbar schon seit mehreren Jahren. Daimler hatte Medienberichten zu Folge, bereits 2013 Aufträge für den Zulieferer gekündigt. Prevent fordert nun einen finanziellen Ausgleich. Es dürfte dabei um mehrere zehn Millionen Euro gehen.

Ökonomen: Ausfall kann Konjunktur dämpfen

Der Streit zwischen Volkswagen und zwei Zulieferern belastet womöglich auch die deutsche Konjunktur. „Es kann durchaus sein, dass im dritten Quartal 0,1 oder 0,2 Prozentpunkte Wachstum fehlen“, sagte der Europa-Chefvolkswirt der Nordea Bank, Holger Sandte, am Montag der Nachrichtenagentur Reuters.

Anders als beim Dieselskandal könne der Produktionsausfall durchaus Spuren im Konjunkturverlauf hinterlassen. Sichtbar werden dürfte dies vor allem im August in der Industrieproduktion, an der die Autoherstellung ein großes Gewicht habe. „Dann kommt alles darauf an, wie lange der Disput dauert und wie schnell der Produktionsverlust aufgeholt werden kann“, sagte Sandte.

Ähnlich bewertet der Deutschland-Chefvolkswirt von UniCredit, Andreas Rees, die Folgen der Auseinandersetzung für die Konjunktur. „Das kann eine kleine Delle in der Industrieproduktion hinterlassen“, sagte Rees. „Allerdings dürfte das nur ein temporärer Effekt sein und kein dauerhafter.“ Werde der Streit rasch beigelegt, könnten die Produktionsrückstände bei VW im September oder spätestens im Oktober aufgeholt werden. (APA, dpa, Reuters,TT.com)

Prevent-Gruppe in Österreich

Die Prevent-Gruppe ist auch mit Zulieferfirmen in Österreich vertreten. 2008 hat Prevent dem Automobilzulieferer Eybl, der Ausgleich anmelden musste, diverse Firmen abgekauft, wie der „Standard“ berichtet. Heute gehört der Kremser Autotextilhersteller Eybl zur Prevent-Gruppe, dieser beliefert unter anderem VW und Audi. Laut einem Bericht der Niederösterreichischen Nachrichten von Anfang August steht bei Eybl in Krems eine Kündigungswelle bevor, bis zu 60 Personen sollen betroffen sein. Bei Eybl war am Montag für die APA vorerst niemand erreichbar. Die Eybl Austria GmbH setzte 2015 laut „FirmenCompass“ 55 Mio. Euro um, bei einem EGT (Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit) von 3,12 Mio. Euro.

Die Prevent-Gruppe hat seinen Hauptsitz in Slowenien, produziert aber hauptsächlich in Bosnien, wo der Konzern rund 5.000 Leute beschäftigt. Haupteigentümer ist der Bosnier Nijaz Hastor. Dieser war laut

Süddeutscher Zeitung

vor dem Jugoslawien-Krieg in Sarajevo in leitender Position in einer Fabrik beschäftigt, die Käfer und Golfs baute. Nach dem Krieg startete er den Betrieb wieder. Durch Zukäufe wuchs das Unternehmen ASA Prevent und beschäftigt eigenen Angaben zufolge heute 12.000 Menschen in aller Welt. Der Umsatz betrug zuletzt, vor zwei Jahren, 529 Mio. Euro.

In Österreich gehört der Prevent-Gruppe laut „FirmenCompass“ weiters die Lederfabrik Mattighofen (Oberösterreich). Hastor hat den Hersteller von Leder für Autos und Möbel 2011 nach deren Insolvenz übernommen. Zwischenzeitlich scheint der Betrieb eingestellt, für das Jahr 2015 wurde kein Umsatz mehr ausgewiesen, der Verlust betrug 15,9 Mio. Euro. Eine weitere Beteiligung der Prevent Austria GmbH ist die Erlenbruch TVG GmbH.