Letztes Update am Fr, 10.02.2017 11:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Abgas-Skandal

VW: Beratung über Zukunftspakt, Streit mit Piech eskaliert

Der Konzern soll vor allem über einen massiven Personalabbau profitabler werden. Indessen artet der Streit, ab wann der Aufsichtsrat bescheid wusste, zur Schlammschlacht aus.

Der ehemalig Aufsichtsratsvorsitzender Ferdinand Piech  Piech habe der Staatsanwaltschaft Braunschweig  nicht nur seinen Ex-Ziehsohn Winterkorn, sondern auch einige engste Mitaufseher schwer belastet.

© imago/Stephan GörlichDer ehemalig Aufsichtsratsvorsitzender Ferdinand Piech Piech habe der Staatsanwaltschaft Braunschweig nicht nur seinen Ex-Ziehsohn Winterkorn, sondern auch einige engste Mitaufseher schwer belastet.



Wolfsburger – Der Streit über den Umbau der Kernmarke Volkswagen ist Insidern zufolge heute, Freitag, Thema bei einer Sitzung der Spitze des VW-Aufsichtsrates in Wolfsburg.

Das Treffen des Präsidiums am Nachmittag zur Umsetzung des Zukunftspakts, mit dem der deutsche Konzern vor allem über massiven Personalabbau profitabler werden soll, sei schon länger geplant gewesen, sagten zwei mit dem Vorgang vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.

Zwischen dem Betriebsrat und VW-Markenchef Herbert Diess ist ein neuer Streit über den Umbauplan entbrannt. Die Arbeitnehmervertretung wirft Diess vor, die Vereinbarung nicht einzuhalten. Insidern zufolge will er den Stellenabbau schneller vorantreiben als geplant. Das Unternehmen erklärte, es gebe zwar Diskussionen, der Pakt werde aber umgesetzt.

Volkswagen hatte sich erst im November nach monatelangen Verhandlungen mit dem Betriebsrat auf einen tiefgreifenden Umbau der ertragsschwachen Hauptmarke VW geeinigt. An den deutschen VW-Standorten sollen 23.000 Arbeitsplätze und damit rund ein Fünftel der Stellen wegfallen, vor allem über Fluktuation und Altersteilzeit. Im Gegenzug sollen 9.000 neue Jobs etwa in der Software-Entwicklung und Elektromobilität entstehen. Die operativen Kosten sollen bis 2020 um 3,7 Mrd. Euro sinken. Zugleich werden 3,5 Mrd. Euro investiert. Mit dem Programm will VW die operative Rendite bis 2020 auf vier Prozent steigern, etwa doppelt soviel wie bisher.

Betriebsratschef Bernd Osterloh verlangt bis Montag eine schriftliche Erklärung, wie sich der Vorstand die künftige Zusammenarbeit vorstellt. Zudem sollen Diess und Personalvorstand Karlheinz Blessing dann an einer Sitzung des Betriebsausschusses teilnehmen.

Schlammschlacht im VW-Debakel

Überschattet wird das Treffen des führenden Aufsichtsratsausschusses auch vom Streit zwischen VW und dem früheren Aufsichtsratschef Ferdinand Piech über die Frage, wer wann über den Abgasskandal Bescheid wusste. Es ist ein ungeheurer Verdacht, der bisher eher ins Reich der Verschwörungstheorien als zur zähen juristischen Aufarbeitung des VW-Abgasskandals zu passen schien. Hatte der innerste Machtzirkel des Aufsichtsrats schon früh Hinweise auf die Diesel-Manipulationen, die im September 2015 die schwerste Krise in der Konzerngeschichte auslösen sollten? Und ließ Auto-Patriarch Ferdinand Piech den zuvor unantastbaren Vorstandschef Martin Winterkorn deshalb fallen, weil dieser womöglich Bescheid wusste?

Solche Spekulationen erhalten nun neue Nahrung - zumal Volkswagen gerade erst wesentliche Kapitel der Spurensuche für beendet erklärt hatte. Bild und Bild am Sonntag meldeten, Piech habe bei Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Braunschweig zur Entstehung der millionenfach gefälschten Abgaswerte nicht nur seinen Ex-Ziehsohn Winterkorn, sondern auch einige engste Mitaufseher schwer belastet. Sollte dies stimmen, bekäme die Affäre eine noch größere Dimension.

Noch ist die Gefechtslage verworren. Auffällig jedoch an den Dementis der Kontrolleure: Die prompten, für VW-Verhältnisse ziemlich scharfen Rechtfertigungen haben teils einen nervös-empörten Ton. „Sämtliche betroffene Mitglieder des Aufsichtsratspräsidiums (haben) unabhängig voneinander alle Behauptungen von Ferdinand Piech nachdrücklich als falsch zurückgewiesen“, erwiderte der Sprecher des heutigen Chefaufsehers Hans Dieter Pötsch. Und: „Der Vorstand wird mögliche Maßnahmen und Ansprüche gegen Herrn Piech sorgfältig prüfen.“

Der frühere VW-Aufsichtsratschef soll Staatsanwälten gesagt haben, man habe ihm im Februar 2015 Informationen zum Abgasproblem über eine Sicherheitsfirma aus Israel zugespielt - worauf er Winterkorn und danach auch den Kern des Aufsichtsrats ins Vertrauen gezogen habe. (APA, dpa, TT.com)