Letztes Update am Do, 12.10.2017 22:29

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nach Insolvenz

Lufthansa nimmt Air Berlin und Niki an Bord, EasyJet pokert noch

Der Marktführer übernimmt große Teile von Air Berlin, darunter auch Niki. Die Lufthansa-Aktie hob ab und Chef Carsten Spohr plant schon den nächsten Deal. Ob der Kauf den Wettbewerb zum Nachteil der Verbraucher beschränkt, prüfen nun die EU-Kommission und das Bundeskartellamt.

Bald ist von der Air Berlin nichts mehr übrig. Die Lufthansa wird große Teile des Unternehmens übernehmen.

© dpaBald ist von der Air Berlin nichts mehr übrig. Die Lufthansa wird große Teile des Unternehmens übernehmen.



Frankfurt, Berlin, Schwechat –Die Lufthansa setzt zum Höhenflug an: Sie übernimmt mehr als die Hälfte der Flotte der insolventen Konkurrentin Air Berlin und will damit ihre Marktführerschaft in Deutschland ausbauen. Wochenlang hatte Lufthansa-Chef Carsten Spohr hinter verschlossenen Türen verhandelt, am Donnerstag konnte er nun den Vertragsabschluss verkünden. Lufthansa will sich so auch gegen weltweite Konkurrenten behaupten.

„Wir müssen dafür sorgen, dass es auch in Europa schlagkräftige, globale Spieler gibt“, erklärte Spohr. Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann betonte: „Heute sind wir einen großen Schritt vorangekommen.“ Zwar liefen die Verhandlungen mit dem britischen Billigflieger EasyJet über andere Maschinen noch. Doch ein großer Teil der Beschäftigten von Air Berlin habe jetzt eine Perspektive.

Stärkung vor allem für Eurowings

Mit dem Deal stärkt die AUA-Mutter Lufthansa vor allem ihre Tochter Eurowings – sofern die Kartellwächter zustimmen. Börsianer jubelten. Die Lufthansa-Aktie kletterte auf den höchsten Stand seit fast 17 Jahren. Mit einem Plus von zeitweise drei Prozent auf 25,34 Euro war das Papier größter DAX-Gewinner. Die Investmentbanken Bernstein und HSBC halten sogar einen Anstieg auf bis zu 30 Euro für möglich. „Der Air-Berlin-Deal macht die Lufthansa in ihrem Heimatmarkt stärker, was in den kommenden Jahren zu steigenden Erträgen führen sollte“, schrieben die HSBC-Analysten. Und Spohr hat schon das nächste Ziel vor Augen. Sollte es einen Neustart bei der ebenfalls Pleite gegangenen Alitalia geben, wäre die Lufthansa an Gesprächen interessiert, sagte er zu Reuters.

Lufthansa-Aktien fliegen auf höchsten Stand seit fast 17 Jahren

Die Aktien der Lufthansa kletterten am Donnerstag um 3,2 Prozent auf 25,34 Euro, das war der höchste Stand seit Anfang 2001. Die Papiere der insolventen Air Berlin schossen um fast die Hälfte auf 23 Cent in die Höhe.

Analysten der Investmentbank Bernstein stuften die Titel der größten deutschen Fluggesellschaft auf „outperform“ von „market-perform“ nach oben und hoben das Kursziel von 22 auf 30 Euro an. Auch die Experten der Bank HSBC legten ein neues Kursziel von 29 Euro nach zuvor 25 Euro fest und bestätigten ihr „buy“-Rating.

Die Konsolidierung im deutschen Flugmarkt werde der Lufthansa Rückenwind geben, erklärten die Bernstein-Analysten. Zudem würden dadurch die Margen im kommenden Jahr weniger stark fallen und die Ergebnisse 2017 und 2018 positiv beeinflussen.

Die seit Jahren dahinsiechende Air Berlin ist seit Mitte August insolvent. Spohr hatte schon länger mit Teilen der Rivalin geliebäugelt und dann auch als erster ein Angebot vorgelegt. Jetzt sollen insgesamt 81 Maschinen, darunter die der österreichischen Air-Berlin-Tochter Niki und der Regionalfluggesellschaft LGW, übernommen werden. Der Kaufpreis von 210 Mio. Euro könne sich bis zum endgültigen Vollzug, der erst nach dem grünen Licht der Kartellbehörden möglich ist, noch ändern, erklärte Air Berlin.

1,5 Mrd. Euro für Eurowings-Ausbau

Spohr hatte angekündigt, mit den Air-Berlin-Maschinen bis zu 3000 neue Stellen zu schaffen. Die rund 1700 Beschäftigten von Niki und LGW haben ihre Jobs sicher, da es hier einen Betriebsübergang gibt. Alle anderen können sich auf offene Stellen bewerben und haben dies zum Teil schon getan. „Das sind tolle Leute, deswegen will ich auch möglichst viele von denen zu uns holen“, sagte Spohr insbesondere mit Blick auf die Crews. Insgesamt stecke die Lufthansa 1,5 Mrd. Euro in den Ausbau von Eurowings.

Die Gewerkschaften pochen auf Garantien für Air Berliner, ohne Einbußen den Arbeitgeber wechseln zu können. „Es kann nicht sein, dass sich Piloten nach der Übernahme auf ihre eigenen Arbeitsplätze bewerben und dann auch noch Gehaltsabschläge von bis zu 40 Prozent hinnehmen müssen, so wie es Lufthansa im Moment von den Piloten fordert“, erklärte Markus Wahl, Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit. „Die Mitarbeiter können leider alles andere als aufatmen.“ Auch Verdi-Vorstandsmitglied und Lufthansa-Aufsichtsrätin Christine Behle warf dem DAX-Konzern vor, durch die Neueinstellungen gezielt vorzugsweise jüngere, billigere Arbeitskräfte übernehmen zu wollen. Die Lufthansa sei nur auf Profitsteigerung aus, entziehe sich aber der Verantwortung für die Mitarbeiter.

600 Mitarbeiter seit Insolvenz von Air Berlin gegangen

Aktuell beschäftigt Air Berlin noch 6200 Vollzeitmitarbeiter. Seit der Insolvenz seien schon 600 gegangen, sagte ein Sprecher.

Auch Bedenken, die Lufthansa-Gruppe werde angesichts ihres Marktanteils von 34 Prozent an allen Buchungen in Deutschland zu stark, wurden laut. Es sei ein schlechter Tag für den Wettbewerb in der Luft, erklärte Tomaso Duso vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Auf einigen innerdeutschen Strecken wie Berlin-Frankfurt werde nun fast ein Monopol entstehen. „Das wird nicht ohne Preissteigerungen vonstattengehen“, ergänzte Duso.

Ob der Kauf den Wettbewerb zum Nachteil der Verbraucher beschränkt, prüfen die EU-Kommission und das Bundeskartellamt. „Die Wettbewerbsbehörden werden ein mögliches Monopol verhindern“, sagte der Chef der Monopolkommission und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Achim Wambach. Die EU müsse dabei alle Strecken einzeln überprüfen. Der Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter forderte, im Falle eines Verbots durch die Kartellaufsicht dürfe die Bundesregierung keine Ministererlaubnis erteilen, um den Deal durchzuboxen. Konkurrent Ryanair kündigte umgehend an, sich bei der EU über den Verkauf zu beschweren.

Bundeswettbewerbsbehörde startet Überprüfung

„Jetzt beginnt unsere Arbeit“, sagte in Wien der Chef der österreichischen Bundeswettbewerbsbehörde (BWB). „Es geht darum, eine gute Lösung für den Standort Wien und die Konsumenten zu finden und Monopole zu verhindern“, so Theodor Thanner laut „Kurier“.

Die Verhandlungen mit EasyJet konnten anders als geplant noch nicht abgeschlossen werden. Die Briten waren an rund 30 Flugzeugen interessiert, zögerten zuletzt aber. Die Zeit drängt allerdings, weil Air Berlin zum Schutz der Gläubiger bis zum 28. Oktober den Flugbetrieb mit dem Teil der Flotte einstellen muss, der nicht zur Lufthansa wechselt. Zu den Gläubigern, die vorrangig bedient werden müssen, gehört die deutsche Bundesregierung mit ihrer Kreditlinie von 150 Mio. Euro.

Air Berlin war vor rund 40 Jahren gegründet worden. Dem Unternehmen wurde ein zu rasanter Expansionskurs zum Verhängnis. Zuletzt hielten nur noch Finanzspritzen vom Großaktionär Etihad die Flieger in der Luft.

(APA/Reuters)