Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 11.11.2017


Exklusiv

Albrecht: Top 5 sind Stada-Ziel ist

Seit Kurzem ist Claudio Albrecht Konzernchef beim deutschen Arzneimittelhersteller Stada. Im Gespräch mit der TT nennt der Tiroler dabei ehrgeizige Expansionspläne.

© Stada„Mit Volldampf“ will Claudio Albrecht mit Stada sowohl in Europa als auch im Mittleren Osten zulegen.



Von A. Vahrner und V. Langegger

Innsbruck, Frankfurt – Der Pharmakonzern mit Sitz in Bad Vilbel bei Frankfurt hat turbulente Zeiten hinter sich: Es gab eine wilde Schlammschlacht zwischen Management und Aufsichtsräten, binnen 15 Monaten wurde gleich viermal der Chef ausgetauscht. Nach der Mehrheitsübernahme durch die Finanzinvestoren Bain und Cinven und dem Engagement von Albrecht soll nun bei Stada wieder Ruhe einkehren und ein offensiver Vorwärtskurs eingeschlagen werden.

Albrecht kommt als Feuerwehrmann und gleichzeitig als Visionär. Der Tiroler begann seine Pharma-Karriere einst bei Sandoz in Kundl und war dann erfolgreicher Konzernchef bei Ratiopharm und Actavis, wo er dann nach einer Milliarden-Wertsteigerung den Verkauf managte.

Stada mit seinen 11.000 Mitarbeitern und mehr als 2 Mrd. Euro Jahresumsatz sei ein hervorragender Konzern, der aber auch durch „teamfähige Fehlentscheidungen“ viel Reformbedarf habe. Und hier versuche er mit hohem Tempo die Weichen neu zu stellen, so Albrecht. Stada soll über ein so genanntes Squeeze-out bis zum 3. oder 4. Quartal 2018 von der Börse genommen werden. Personalabbau solle es keinen geben, aber Umschichtungen bei frei werdenden Aufgaben. Bei den Kosten sei man teils nicht konkurrenzfähig, hier brauche man effizientere Prozessketten.

Geplant ist aber auch „mit Volldampf“ eine große Offensive – von Großbritannien und Polen, wo Albrecht noch großes Marktanteilspotenzial sieht, bis hin in den Mittleren Osten und Nordafrika sowie Asien. Besonders großes Potenzial sieht der Stada-Chef, den die FAZ als „James Bond der Pharmaindustrie“ und die Wirtschaftswoche als „Aufputschmittel für Stada“ titulierte, etwa vor allem im Iran. Auch dank der neuen Eigentümer sei genügend Geld für Expansion da („Wir stehen besser da denn je“). Die in etlichen Zielländern erforderlichen Produktionen sollen vor allem auch durch Übernahmen oder Partnerschaften forciert werden. In den etablierten Ländern soll der Vertrieb stark ausgebaut werden. Derzeit hat Stada 19 Produktionen, davon auch eine in Tulln, aber auch drei in Vietnam und eine in China. „Als deutscher Konzern haben wir überall einen guten Ruf.“

Stada sei derzeit unter den Generikaherstellern in Europa auf Platz 4 und weltweit in etwa auf Rang 10. Weltweite Nummer 1 ist die israelische Teva vor Sandoz. Albrecht erwartet große Umwälzungen in der Pharmabranche, mittelfristig sei ein Vorstoß auf Platz 5 der Welt in vier bis fünf Jahren das erklärte Ziel. Dass er dann noch an der Spitze sein werde, sei fraglich, so Albrecht, der sein Engagement an der Konzernspitze eher kürzer sieht, um dann in den Aufsichtsrat zu wechseln. Ob und wann die neuen Eigentümer wieder Anteile abgeben wollen (etwa über einen Börsegang oder Verkauf), stehe noch nicht fest.

In Österreich setzt Stada jährlich etwa 25 Mio. Euro um. „Das ist sicher um einiges steigerungsfähig.“ Sehr schlecht für die Generikahersteller und mindestens ebenso für die Sozialversicherungen sieht er die halbjährige Chefarzt-Pflicht auch für Generika in Österreich. „Das ist einmalig in Europa, ein völliger Humbug, der die Versicherten letztlich einige hundert Millionen im Jahr kostet.“

Bekannte Stada-Produkte sind unter anderem Grippostad oder Mobilat. Dass unter dem früheren Management Deutschlands führendes Sonnenschutzmittel Ladival verkauft wurde, sieht Albrecht als „großen Fehler“. Er werde versuchen, das Mittel (ab 2021 hätte man ein Vorkaufsrecht) möglichst rasch zurückzukaufen. Gewinne verspricht sich Albrecht auch vom gut verträglichen Anti-Läuse-Mittel Hedrin. Forciert werden soll zudem der Absatz von Biopharmazeutika, so genannten Biosimilars. Zwei davon habe man schon auf dem Markt, fünf weitere stünden bereits für die nächsten Jahre in der Pipeline, sagt Albrecht. Schwerpunkte seien Krebs-Mittel (Onkologie) sowie das zentrale Nervensystem. Albrecht will auch einen neuen Geschäftszweig für Stada aufmachen. Produkte sollen künftig nicht nur in Apotheken, sondern auch über Kliniken vertrieben werden. Albrecht will dafür einen eigenen Außendienst einrichten.