Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 23.06.2018


Exklusiv

ÖBB-Chef sieht Umfärbung gelassen

Generaldirektor Andreas Matthä zu Privilegien, dem Zwölf-Stunden-Arbeitstag und selbstfahrenden Autos.

© Österreichs Milliarden-Tunnelprojekte sind für ÖBB-General Andreas Matthä sinnvoll.Foto: Die Presse/Mirjam Reither



Wien – „Die ÖBB sind niemandem wurscht.“ Deshalb kann Matthä damit leben, dass er als Bahnchef einem durch und durch politisierten Unternehmen vorsteht. Die Staatsbahn war im Februar eines der ersten prominenten Objekte der Umfärbung von Rot auf Blau. Doch der Herr über 40.000 Eisenbahner sieht die Machtspiele gelassen, wie er im Gespräch mit den Chefredakteuren der Bundesländer-Tageszeitungen betont. „Wenn in Ihrem Unternehmen der Eigentümer wechselt, bekommen Sie vermutlich auch einen neuen Aufsichtsrat.“

Mit Infrastrukturminister Norbert Hofer gebe es eine „gute Zusammenarbeit“ – was angesichts der früheren FPÖ-Attacken gegen die Bahn überraschen mag. Umgekehrt will sich der SPÖ-nahe Bahnboss auch nicht in aktuelle Politdebatten einmischen. Aber: „Ich darf festhalten, dass bei uns im Betriebsbereich die Zwölf-Stunden-Schichten Standard sind.“ Auch im Büro wird „in Sonderfällen“ auf zwölf Stunden ausgeweitet, über die Gleitzeit oder als Überstunden mit Zuschlägen. Das sei im Kollektivvertrag geregelt. Aber: „Die Gewerkschaften sprechen über Kranken­pfleger und Kellner. Über deren Arbeitssituation traue ich mir kein Urteil zu.“

Was macht eigentlich die Bahn zum politisch heißen Thema? Natürlich die „vermeintlichen“ Privilegien für ihre Mitarbeiter. Aber die seie­n doch Geschichte: „Wir haben vor 25 Jahren aufgehört zu pragmatisieren – was die Franzosen jetzt erst in Angriff nehmen.“ Früher war „mit 53 Schluss“, heute gingen die Mitarbeiter im Mittel mit 60,8 Jahren in Pension, „nur mehr ein paar Monate“ unter dem ASVG-Schnitt. Allerdings scheidet „die größte Anzahl“ krankheitsbedingt früher aus, im Schnitt mit gut 56 Jahren. Man könne ja nicht jemanden „auf die Lok setzen“, der beim jährlichen Gesundheitscheck „die Betriebstauglichkeit verliert“, sagt Matthä.

Ein Dauerbrenner sind auch die vielen Milliarden für die Tunnelprojekte, durch Semmering, Koralm und Brenner. Sie könne man ja im Vorfeld „gern diskutieren“. Nur: „Wenn man sich zum Bau entschlossen hat, muss man es möglichst rasch durchziehen, sonst wird es teuer.“ Auch der Koralmtunnel („zu 90 Prozent fertig“) sei zwar „solo wirtschaftlich nicht darstellbar“, aber dass „gerade die Südstrecke“ für die Volkswirtschaft Potenzial habe, lässt sich der gebürtige Villacher nicht ausreden. Die Südautobahn habe mit 11 Prozent die höchste Zuwachsrate beim Lkw-Verkehr.

Auch an andere Konkurrenten denkt der ÖBB-Chef nicht gerne. Er hält es für falsch, dass ein Fernverkehrsanbieter wie die Westbahn von den S-Bahn-Stationen Praterstern und Wien Mitte losfahren und sich die Gleise mit Vorort­zügen teilen darf. An manchen Tagen funktioniere das gut, aber „sobald eine Kleinigkeit passiert, hast du einen Domino­effekt und die ganze Pünktlichkeit ist perdu“.

Keine Angst macht Matthä eine andere Konkurrenz der Zukunft: Die selbstfahrenden Autos seien „mehr Chance als Risiko“. Kleine, selbstfahrende Busse könnten die Passagiere zum Bahnhof bringen. Auf große Distanzen bleibe der Zug im Vorteil. Denn selbst wenn das autonome Fahren die Kapazität auf der Autobahn erhöht: „Am Ende stehen auch die selbstfahrenden Autos im Stau.“ (kg, mz)




Kommentieren


Schlagworte