Letztes Update am Di, 05.03.2019 15:41

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wirtschaftskriminalität

Russische Milliarden im Westen gewaschen, auch Raiffeisen betroffen

Rund 634 Mio. US-Dollar aus dem Zeitraum 2005 bis 2013 sollen über Konten bei der Raiffeisenbank International geflossen sein.

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Wien, Moskau – Mehrere Milliarden Euro sollen nach Berichten eines internationalen Recherchenetzwerkes über ein kompliziertes Geldwäschesystem aus Russland in den Westen gelangt sein. Die Spur führt auch zu österreichischen Bankkonten, wie die Rechercheplattform Addendum und das Nachrichtenmagazin profil berichten. An der Börse sorgten die Berichte für Nervösität, so sackte am Dienstag die Aktie der Raiffeisenbank International (RBI) vorübergehend um elf Prozent ab. Addendum zitierte am Dienstag aus einer Anzeige des US-Investmentfonds Hermitage Capital, die Zahlungen von umgerechnet rund 967 Millionen US-Dollar (853 Millionen Euro) gefunden haben will, die von verdächtigen Konten bei der Danske-Bank-Tochter in Estland und der Ukio Bankas aus Litauen stammen sollen. Das Geld landete laut Anzeige auf insgesamt 1055 österreichischen Bankkonten bei 78 Banken, so Addendum. Der größte Teil – rund 634 Milliaden US-Dollar – floss laut Dokumenten aus dem Zeitraum 2005 bis 2013 auf Konten bei der RBI, die eine sogenannte Korrespondenzbank der Ukio Bankas gewesen ist.

Noch kein Ermittlungsverfahren eröffnet

Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) erklärte auf APA-Anfrage, man prüfe, ob ein Anfangsverdacht vorliegt. Ein Ermittlungsverfahren sei bisher nicht eröffnet worden. Die WKStA-Sprecherin bestätigte, dass vor kurzem eine Anzeige gegen unbekannte Täter eingelangt sei. Eine Raiffeisen-Sprecherin erklärte, die Compliance-Abteilung der RBI prüfe den Sachverhalt nun Fall für Fall. Details dazu könne man auf Grund des österreichischen Bankgeheimnisses nicht nennen. Gegenüber Reuters hieß es seitens der Raiffeisen Bank International (RBI), ein Teil dieser Vorwürfe sei schon Gegenstand behördlicher Untersuchungen gewesen, die bestätigt hätten, dass diese Vorwürfe unbegründet sind.

Die Aktien der RBI stürzten an der Wiener Börse am Dienstagvormittag zwischenzeitlich um mehr als 11 Prozent ab. Auch in den Niederlanden drückte ein Magazinbericht über den Verdacht auf Geldwäsche bei den größten niederländischen Banken Händlern zufolge die Aktienkurse von ABN Amro und ING. ABN-Titel gaben 4,6 Prozent nach, ING fielen um 2,4 Prozent. Laut dem finnischen Fernsehsender Yle könnte weiters die Nordea Bank in den Geldwäsche-Skandal verstrickt sein. Wie Yle berichtete, erhielt das Institut zwischen 2005 und 2017 verdächtige Zahlungen in einem Volumen von rund 700 Mio. Euro. Das Geldhaus wollte den Bericht nicht kommentieren.

200 Milliarden Euro gewaschen

Auch die Hypo Vorarlberg taucht in einem Bericht auf. Laut Addendum soll für eine Luxuswohnung in Wien Geld von vier Firmenvehikeln mit Konten bei der estnischen Tochter der dänischen Danske Bank gekommen sein. Die Danske Bank steht in Estland im Zentrum eines der größten Geldwäscheskandale in Europa mit einem Volumen von rund 200 Milliarden Euro. Die Hypo Vorarlberg erklärte gegenüber der APA, wegen des Bankgeheimnisses keine Auskünfte geben zu können. „Wir sind jedoch überzeugt davon, dass wir die geltenden gesetzlichen Vorgaben und Verpflichtungen – auch in Bezug auf die Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung – jederzeit erfüllt haben“, so eine Sprecherin.

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Der Fall des im August 2012 bei Königstetten in Niederösterreich tot aufgefundenen Wiener Wirtschaftsanwalts Erich Rebasso könnte durch die Recherchen ebenso in einem neuen Licht erscheinen. Demnach soll Rebasso als Geld-Maultier („Money Mule“) für russische Kriminelle fungiert haben und an der Wäsche großer Summen beteiligt gewesen sein.

1,3 Millionen Banküberweisungen ausgewertet

In Deutschland sind rund 190 Millionen Euro an gewaschenem Geld gelandet, wie die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf die „geleakten“ Bankunterlagen und Dokumente am Montag berichtete. Die Unterlagen seien unter anderem dem Recherchenetzwerk „Organized Crime and Corruption Reporting Projekt (OCCRP)“ zugespielt worden. Die Dokumente seien von insgesamt mehr als 20 Medienhäusern mit dem Titel „Troika Laundromat“ ausgewertet worden. Neben Addendum, profil, SZ waren auch der britische Guardian und der Schweizer Tages-Anzeiger an den Recherchen beteiligt.

Ausgewertet wurden demnach 1,3 Millionen Banküberweisungen, Verträge und Rechnungen. Sie betreffen zu großen Teilen die litauischen Banken Snoras und Ukio. Laut den Unterlagen ging ein zweistelliger Millionenbetrag auf einem Firmenkonto des Cellisten Sergej Roldugin ein, eines der besten Freunde von Russlands Präsident Wladimir Putin. Eine Anfrage der „SZ“ ließ Roldugin, der auch in den „Panama Papers“ auftauchte, unbeantwortet. Die angeführten Fälle sollen schon einige Jahre zurückliegen. Es ist auch nicht die erste Anzeige von Hermitage in Österreich.

Das Recherchenetzwerk hatte bereits 2014 den Fall „Russian Laundromat“ - zu Deutsch der „russische Waschsalon“ - öffentlich gemacht. Dabei sollen in den Jahren 2012 bis 2014 Milliardenbeträge aus Russland ins Ausland geschafft worden sein. Damals soll ein leitender Manager einer lettischen Bank eine zentrale Rolle gespielt haben. Die Affäre hat höchste Kreise erreicht.

Russische Investmentfirma im Visier

Im aktuellen Fall seien unter anderem innerhalb weniger Tage zahlreiche Verträge mit anderen Firmen geschlossen worden, hieß es in dem Bericht. Diese seien jedoch widerrufen und Entschädigungen in Millionenhöhe gezahlt worden. In anderen Fällen sei Geld an angebliche Briefkastenfirmen oder andere Bankkonten überwiesen und wieder zurückerstattet worden.

Involviert sei vor allem eine russische Investmentfirma, die vor einigen Jahre von einer Bank übernommen wurde. Der damalige Leiter dementierte dem Onlineportal Meduza zufolge, illegale Geschäfte getätigt zu haben. Man habe alle Regeln befolgt, die damals auf dem globalen Finanzmarkt existiert hätten, sagte er nach Angaben des Portals Ende Februar zu Journalisten in Moskau.

Englisches Königshaus betroffen

Dem Bericht der „Süddeutschen“ zufolge ist auch eine Wohltätigkeitsorganisation des britischen Thronfolgers Prinz Charles, namens Prince of Wales‘ Charities betroffen. Prinz Charles soll in die Entscheidung über die Annahme der Spenden nicht eingebunden gewesen sein: Ein Sprecher des Palastes in London teilte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit, die Organisation agiere hinsichtlich sämtlicher Fundraising-Entscheidungen unabhängig vom britischen Thronfolger.

Ein Sprecher der Wohltätigkeitsorganisation sagte, die betreffenden Stiftungen hielten sich bei ihren Prüfungsabläufen an entsprechende Richtlinien und gesetzliche Vorgaben wie Anti-Geldwäschegesetze. „Im Fall der genannten Beispiele gab es während dieser Abläufe keine Warnsignale.“ Vorwürfe gegen einzelne Personen seien erst lange nach der Beendigung ihres Engagements aufgekommen und hätten daher nicht berücksichtigt werden können. (APA, dpa, AFX)