Letztes Update am Mi, 13.03.2019 20:37

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Luftfahrt

Boeing-Flugverbote: Das sind die Auswirkungen für Urlauber

Weltweit haben zahlreiche Länder ihren Luftraum für Flugzeuge des Typs Boeing 737 Max 8 gesperrt, Reisende sind zunehmend verunsichert. Nach Einschätzung von Experten dürfte es jedoch keine größeren Störungen im Flugbetrieb geben.

© AFP



Berlin — Nach dem weitgehenden Flugverbot für das Mittelstreckenflugzeug Boeing 737 Max können Passagiere in Europa auf geringe Beeinträchtigungen im Flugverkehr hoffen. Reisende weltweit waren zunächst stark verunsichert, nachdem am Sonntag in Äthiopien bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate ein Boeing-Jet vom Typ 737 Max 8 abgestürzt war.

Ausreichend Ersatzflugzeuge und Reserven vorhanden

Nach Einschätzung von Experten sind derzeit ausreichend Ersatzflugzeuge und Reserven vorhanden, so dass größere Störungen im Flugbetrieb verhindert werden dürften. Das erst 2017 eingeführte Modell sei noch nicht so stark im Markt vertreten, sagte Airline-Berater Gerd Pontius.

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"Wir befinden uns noch in der Wintersaison, in der es ausreichend Flugzeuge gibt", meinte auch Gerald Wissel von der Airborne-Beratung. Es komme jetzt darauf an, wie schnell der Unfall aufgeklärt und die richtigen Folgerungen daraus gezogen werden könnten. Sollte sich das Flugverbot bis in die Osterferien ziehen, werde es jedoch erste spürbare Kapazitätsprobleme geben, meinte der Experte.

Betroffene Flüge

Die zunächst widersprüchlichen Airline- und Behörden-Entscheidungen dürften die Verunsicherung bei Passagieren erhöht haben. Annullierungen von Flügen sind in Europa jedoch eher unwahrscheinlich: An Flughäfen in Deutschland gab es am Mittwoch nur geringe Einschränkungen. In Frankfurt am Main waren von dem Flugverbot lediglich zwei Flüge betroffen. Bei anderen deutschen Flughäfen gab es bisher keine Auswirkungen.

Der TUI-Konzern will den Ausfall seiner Boeing-737-Max-8-Flotte infolge von Flugverboten vor dem Oster-Reiseverkehr auch durch das Fremdchartern von Flugzeugen kompensieren. „Für Deutschland ist das Thema ja irrelevant, weil wir hier noch keine Maschinen dieses Typs haben — in den anderen Ländern werden wir jedoch die Kapazitäten anpassen müssen", sagte Tuifly-Sprecher Aage Dünhaupt am Dienstag.

Geplant seien zudem der Rückgriff auf Ersatzkapazitäten sowie Umbuchungen von Passagieren auf andere Flüge, sagte Dünhaupt der Deutschen Presse-Agentur. Erschwerend sei aber die Unklarheit über die Dauer der erlassenen Flugverbote für diesen Boeing-Typ.

Zur Flotte des weltgrößten Reisekonzerns TUI gehören 15 Boeing 737 Max 8, die in Großbritannien und den Benelux-Staaten auf Strecken zu den Kanaren oder den Kapverden im Einsatz sind. Die Einführung der jüngsten Version des Boeing-Verkaufsschlagers in Deutschland ist nun fraglich — ursprünglich sollte die erste Übergabe des ersten Jets an die Tuifly Deutschland diese Woche erfolgen.

Zur Frage möglicher Kompensationszahlungen für den Ausfall wollte sich TUI zunächst nicht äußern. Die vom Hersteller Boeing in Aussicht gestellten Updates für eine möglicherweise problematische Steuerungssoftware der Boeing 737 Max 8 werden in den nächsten Tagen erwartet und sollen dann auf die Bordcomputer geladen werden. Eine eigene Schulung der TUI-Besatzungen dafür sei nicht nötig.

Norwegian pocht auf Schadenersatz

Die hoch verschuldete norwegische Fluggesellschaft Norwegian pocht hingegen auf Schadenersatz. Es sei offensichtlich, dass die Kosten, die durch das vorübergehende Startverbot für brandneue Flugzeuge entstünden, von denjenigen getragen werden müssten, die diese Maschinen hergestellt hätten, sagte ein Unternehmenssprecher. Norwegian versuche, die Ausfälle mit anderen Flugzeugen, Umbuchungen und möglichst wenig Unzulänglichkeiten für die Passagiere aufzufangen.

Ein Wrackteil der abgestürzten Boeing 737 Max 8 von Ethiopian Airlines.
Ein Wrackteil der abgestürzten Boeing 737 Max 8 von Ethiopian Airlines.
- AFP

Der internationale Flugverkehr wird aus Furcht vor weiteren Zwischenfällen zunehmend in Mitleidenschaft gezogen. Am Dienstagabend verfügte die europäische Luftfahrtbehörde EASA eine Sperrung des kompletten Luftraums. Das Verbot gelte als "Vorsichtsmaßnahme" für den ganzen europäischen Luftraum für die Typen Boeing 737 Max 8 und Boeing 737 Max 9, erklärte die EASA. Vorher hatten bereits Länder rund um den Globus mit China an der Spitze Flugverbote erteilt, am Mittwoch folgten weitere Länder.

Start- und Landeverbote für Boeing 737 Max

Mindestens 200 der rund 350 seit 2017 ausgelieferten Flugzeuge bleiben infolge des Absturzes in Äthiopien am Sonntag mit 157 Toten inzwischen am Boden. Ein Überblick:

Die europäische Luftfahrtbehörde EASA hat den gesamten europäischen Luftraum für Maschinen des Typs Boeing 737 Max gesperrt. EASA ist für den Luftraum der 28 EU-Mitgliedsstaaten und für jenen von Island, Norwegen, Liechtenstein und der Schweiz zuständig.

Auch die USA, Indien, Neuseeland, Hongkong, China, Kanada, Indonesien, Malaysia, Singapur, Australien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, der Oman und der Libanon haben ein Startverbot gegen den Flugzeugtyp Boeing 737 Max 8 oder die gesamte Serie der 737 Max-Flieger verhängt.

Die US-Luftfahrtbehörde FAA, in deren Aufsichtsbereich 74 der Boeing 737 Max 8 im Einsatz sind, hat kein Startverbot ausgesprochen.

Allein in China sind von dem Verbot knapp 100 Flugzeuge betroffen, in Europa mindestens 40 Maschinen.

Zu den Airlines außerhalb Chinas, die besonders betroffen sind gehören: Norwegian (18 Flugzeuge), der Reisekonzern Tui (15), Turkish Airlines (12), Flydubai (11), die brasilianische Gol (7), Ethiopian Airlines (4) und Polens Lot (5).

Die US-Fluggesellschaften Southwest Airlines, American Airlines und auch die kanadische Air Canada halten bisher an den Flugzeugen fest.

Lediglich in Nordamerika stellten sich die zuständige US-Luftfahrtbehörde FAA sowie Kanada hinter den Boeing-Konzern und sprachen zunächst keine Startverbote aus. Bisher hätten die Überprüfungen der Behörde keine "systemischen Leistungsprobleme" bei dem Flugzeugtyp und keine Grundlage für ein Startverbot ergeben, teilte der FAA-Chef Daniel Elwell am Dienstag auf Twitter mit. Auch hätten Luftfahrtbehörden anderer Länder der FAA keine Daten zur Verfügung gestellt, die Maßnahmen erforderlich machten.

Boeing CEO Dennis Muilenburg versuchte im Gespräch mit Donald Trump, den Schaden wenigstens in den USA abzuwenden.
Boeing CEO Dennis Muilenburg versuchte im Gespräch mit Donald Trump, den Schaden wenigstens in den USA abzuwenden.
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Laut US-Medienberichten soll es ein Telefonat zwischen Boeing-Chef Dennis Muilenberg und US-Präsident Donald Trump gegeben haben, in dem das Unternehmen sich gegen ein Startverbot ausgesprochen habe. Eine offizielle Bestätigung gab es zunächst nicht. Flugbegleiter und Politiker protestierten und warben dafür, baugleiche Maschinen vorsichtshalber auf dem Boden zu lassen. Die Gewerkschaft APFA, die die über 27.000 Flugbegleiter von American Airlines vertritt, forderte die größte US-Fluggesellschaft zu diesem Schritt auf. Auch die Gewerkschaft der Transportarbeiter (TWU), in der unter anderem die Flugbegleiter von Southwest Airlines organisiert sind, verlangte ein Startverbot.

Hofer: "Ich würde in dieses Flugzeug nicht einsteigen"

Die Rufe nach Konsequenzen der Luftfahrtbehörde nehmen zu. Auch in Österreich trat um Mitternacht ein Flugverbot in Kraft. Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ), der auch Hobbypilot ist, sagte am Dienstagabend: „Ich würde in dieses Flugzeug nicht einsteigen."

In Europa, Australien und weiten Teilen Asiens erteilten Luftfahrtbehörden bereits Flugverbote für alle baugleichen Maschinen. Zahlreiche Airlines legten die Flugzeuge am Dienstag wegen Zweifeln an der Sicherheit der Baureihe ebenfalls zunächst still.

Am Mittwoch zogen dann auch die USA und Kanada nach. US-Präsident Donald Trump erteilte die Anweisung für ein Flugverbot für Boeing-Maschinen vom Typ 737 MAX 8 und MAX 9 an alle Fluggesellschaften.

Tiefe Imagekrise für das Unternehmen

Das stürzt Boeing nicht nur in eine tiefe Imagekrise: Die 737-Max-Serie ist der gefragteste Flugzeugtyp des Airbus-Rivalen. Bei andauernden Problemen mit dem Kassenschlager könnten auch massive Umrüstungskosten und Geschäftseinbußen drohen. Der Aktienkurs des Unternehmens sackte den zweiten Tag in Folge ab. Boeing beharrt indes auf der Verlässlichkeit der in die Kritik geratenen Baureihe. „Wir haben volles Vertrauen in die Sicherheit", teilte der Konzern mit. (APA/dpa, TT.com)

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Trimmsystem MCAS von Boeing im Fokus

Nach dem Absturz der Ethiopian-Airlines-Maschine am Sonntag untersuchen Ermittler das Boeing-Trimmsystem MCAS. Es ist möglicherweise dafür verantwortlich, dass die Boeing 737 MAX 8 kurz nach dem Start in Addis Abeba verunglückte. Dabei starben 157 Menschen - ein ähnlicher Absturz des gleichen Modells der Gesellschaft Lion Air kostete im Oktober 189 Menschen das Leben.

Beide Flugzeuge stiegen nach dem Start mit äußerst unregelmäßiger Flugkurve und -geschwindigkeit, sanken anschließend unkontrolliert ab und schlugen steil auf den Boden auf. Die US-Luftfahrtbehörde FAA erkannte die Ähnlichkeit beider Unfälle an, wollte aber keine verfrühten Schlüsse ziehen.

Der Flugdatenschreiber des Lion-Air-Flugs 610 liefert eine Vorstellung des Absturzverlaufs: Demnach kämpften die Piloten um Kontrolle über das Flugzeug, während MCAS die Flugzeugnase nach dem Start immer wieder nach unten drückte. Die Piloten des Ethiopian-Airlines-Jets berichteten vor dem Absturz per Funk über ähnliche Probleme.

Boeing hatte das Trimmsystem wegen der neuen, verbrauchseffizienteren Triebwerke eingeführt. Diese verändern aufgrund ihres erhöhten Gewichts die Aerodynamik und den Schwerpunkt des Flugzeuges. Besonders im Steigflug kann der Schub der Triebwerke so stark werden, dass sich die Maschine nicht mehr gerade ausrichten lässt.

MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System) soll genau das verhindern. Sensoren, die den Flugwinkel messen, melden dem System, wenn das Flugzeug zu übersteuern droht. Dann drückt ein Stabilisierungs-Mechanismus am Heck der Maschine die Nase wieder nach unten.

Eigentlich soll sich das System nur in außergewöhnlichen Situationen einschalten. Im Fall des Lion-Air-Fluges war laut einem ersten Unfallbericht ein fehlerhafter Sensor dafür verantwortlich, dass es aktiviert wurde.

Einen Tag vor dem Absturz der indonesischen Maschine im Oktober hatten Piloten es geschafft, das MCAS im selben Flugzeug außer Kraft zu setzen. Dafür ist es jedoch nötig, die gesamte automatisierte Flugkontrolle abzuschalten.