Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 02.04.2019


Exklusiv

400 Novartis-Millionen, Ruf nach internationaler Schule

Die beiden neuen Tiroler Novartis-Chefs Mario Riesner und Michael Kocher wollen „die Erfolgsgeschichte fortschreiben“.

Kundl (Bild) und Schaftenau sind mit über 4000 Beschäftigten der größte Produktionsstandort des gesamten Novartis-Konzerns.

© Sandoz GmbHKundl (Bild) und Schaftenau sind mit über 4000 Beschäftigten der größte Produktionsstandort des gesamten Novartis-Konzerns.



Von Alois Vahrner

Schaftenau, Kundl – Mit 1. März haben der Tiroler Riesner (ist seit 27 Jahren im Konzern) und der gebürtig­e Deutsche Kocher das Ruder von Daniel Palmacci, der die österreichische Novartis-­Gruppe verlässt, übernommen. Kocher wird sich auf die externen Wirtschafts- und Industriebelange fokussieren, Riesner auf die interne Steuerun­g der Produktion sowie Forschung und Entwicklung. „Wir sind quasi Außen- und Innenminister“, sagen Kocher und Riesner.

Für die Tiroler Standorte Kundl und Schaftenau („Wir sehen das als einen Gesamt­standort“) gebe es einen „sehr optimistischen Ausblick“, betont die neue Doppelspitze gegenüber der TT. „Wir wollen jedenfalls die Erfolgsgeschichte fortschreiben.“ In Tirol hat Novartis mehr als 4000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Kundl und Schaften­au sind der weltweit größt­e Produktionsstandort des Schweizer Pharmariesen (130.000 Beschäftigte).

Novartis will in Tirol jedenfalls um- und ausbaue­n, nachdem man hier seit 2010 insgesamt bereits 900 Mio. Eur­o investiert habe. Heuer und dann 2020 würden jeweils 200 Mio. Euro in Tirol investiert. Eines der Investitionsprojekte sei die nächste Generation der biotechnologischen Produktion namens „Advanced Integrated Biologics Manufacturing“ in Schaftenau, ein weiteres der Ausbau der bestehenden „BioInject“-Anlage mit einer zusätzlichen Produktionslinie für sterile Fertigspritzen. Der biopharmazeutische Bereich solle deutlich ausgebaut werden. Gleichzeitig wird in der Produktpalette aber auch umgebaut, teilweise werden Produkte und Rohstoffe in anderen Ländern wie China oder Indien, das etwa bei Antibiotika riesige Produktionskapazitäten habe, produziert bzw. zugekauft. Bei Generika (nach der Patentphase quasi nachgebaute Medikamente) will man sich auf weniger Produkt­e mit höheren Stückzahlen konzentrieren, kündigen Kocher und Riesner „einen Shift, eine Transformation“ an. Die Biochemie Kundl sei 1946 aus einer Brauerei hervorgegangen, daher sei Wandel immer auch eine große Chance. In Summe solle der Personalstand in Tirol auch in Zukunft weiter etwas ansteigen.

Dass Novartis trotz stärkster internationaler Konkurrenz derart kräftig in Tirol investier­e und auch verstärkt globale Aufgaben nach Tirol hinverlagert und gebündelt würden, zeige die hohe Leistungskraft in Kundl und Schaftenau, betonen Riesner und Kocher. Bei Arbeitskosten oder Umweltauflagen werde Tirol nie am günstigsten sein können, sehr wohl aber bei Innovationen, bei Standortbedingungen, Forschungsförderung und starken Unis.

Dringenden Bedarf gebe es aber an einer internationalen Schule in Tirol. Bei Novartis habe man hochqualifizierte Beschäftigte aus etwa 50 Ländern. Wenn Topleute nach Tirol kommen sollen, sei eine internationale Schule, ob privat oder öffentlich geführt, wirklich essenziell. „Jedes Jahr, das hier weiter ungenützt vergeht, ist vergeudet, weil wohl nicht nur wir Spitzenkräfte deshalb nicht bekommen.“ Hier sei die Politik dringend gefordert. Wichtig wären laut den Novartis-Spitzen auch raschere Zulassungen für ausländische Topkräfte. Tirol sei ein wunderbares Land, die Integration sei aber oft gar nicht leicht. „Ich war in sechs Ländern, bisher war es selbst für mich als Deutschen in Tirol am schwersten“, so Kocher.

Der Novartis-Konzern gab gestern die Übernahme von IFM Tre in den USA bekannt. Damit erhalte man ein klinisches und zwei präklinische Programme für das NLRP3-Inflammasom, eine Schlüssel­komponente des angeborenen Immunsystems. Der Deal ist bis zu 1,27 Mrd. Dollar schwer.

Die neue Doppelspitze Michael Kocher (links) und Mario Riesner.
Die neue Doppelspitze Michael Kocher (links) und Mario Riesner.
- Novartis