Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 13.04.2019


Interview

„Likes spielen eine immer kleinere Rolle“

In welchem Wandel und Umbruch Social Media gerade sind, beleuchtet Natascha Zeitel-Bank von der Uni Innsbruck im TT-Gespräch.

Im Trend liegt Inhalt, der einen Blick „hinter die Kulissen“ zeigt und ein Unternehmen greifbarer macht.

© wundervisualsIm Trend liegt Inhalt, der einen Blick „hinter die Kulissen“ zeigt und ein Unternehmen greifbarer macht.



Innsbruck — Datenmissbrauch, Fake News, Fake Accounts und allgemeiner Betrug, beispielsweise im Influencer-Marketing, haben das Vertrauen in Social-Media-Kanäle beeinträchtigt. Das bedeutet, künftig steht weniger die Maximierung der Reichweite als vielmehr die Glaubwürdigkeit und Relevanz des Inhaltes im Mittelpunkt, erklärt Natascha Zeitel-Bank vom Institut für Medien, Gesellschaft und Kommunikation der Universität Innsbruck.

Wohin geht der Social-Media-Trend?

Natascha Zeitel-Bank: Da Likes gekauft werden können, spielen sie eine immer kleinere Rolle. Es geht in Richtung Qualität vor Quantität, mehr geschlossene Communitys und direkte Kommunikation. Diese Kommunikation kann in Gruppen, Foren oder via Nachrichten-Apps erfolgen. WhatsApp wird auch für Unternehmen immer wich- tiger.

Wie soll denn hochwertiger Inhalt aussehen?

Zeitel-Bank: Informationen sollten in Form eines Erlebnisses verpackt werden. Im Trend liegen Storys und Live-Videos, zum Beispiel mit Experten oder für Produktdemo-Zwecke.

Wenn Social Media mehr Aufwand wird, können sich das kleine Unternehmen mit wenig Ressourcen überhaupt noch „leisten"?

Zeitel-Bank: Ein Tischler beispielsweise kann sein Produkt interessant und unterhaltsam präsentieren und den Herstellungsprozess in einem kurzen Clip zeigen. Das ist möglicherweise auch mit wenig Aufwand möglich.

Was raten Sie Unternehmen, deren Social-Media-Seiten stagnieren?

Zeitel-Bank: Die Zeit des Herumexperimentierens ist vorbei. Facebook und Co. sind erwachsen geworden, jetzt braucht es klare Strategien und Überlegungen. Ansonsten verschwenden Unternehmen nur Zeit und Geld. Denn Social Media „schnell schnell" oder von Praktikanten machen zu lassen, geht nicht mehr, da geht man inzwischen gnadenlos unter.

Welche Überlegungen sollten Unternehmen anstellen?

Zeitel-Bank: Wer ist meine Zielgruppe? Auf welchem Kanal finde ich meine Zielgruppe? In der Generation der unter 25-Jährigen spielt Facebook beispielsweise keine Rolle mehr. Weitere Fragen sind: Was will ich erreichen? Was erwartet meine Zielgruppe auf dem ausgewählten Kanal? Schnöde Unternehmenswerbung wird sofort durchschaut. Was kann ich der Zielgruppe stattdessen liefern, das interessant ist und einen Mehrwert bietet? Wichtig ist es in jedem Fall für Unternehmen, Ruhe zu bewahren und zu beobachten. Was machen andere? Zuerst braucht es Ideen und dann geht es erst ans Umsetzen. Empfehlenswert ist, erst einmal einen Kanal auszuprobieren und dann eventuell einen weiteren hinzuzunehmen oder auszutauschen.

Was ist ein No-Go für Unternehmen in einem sozialen Netzwerk?

Zeitel-Bank: Anfragen erst nach Tagen zu beantworten, bedeutet den Kunden zu vergraulen, und kann zu Reputationsverlust führen. Schnelligkeit und Kompetenz sind gefragt. Zunehmend wichtig wird auch der Einsatz von sogenannten „Chatbots", der Kunde führt eine virtuelle Konversation mit einem Roboter, der bestimmte Aufgaben ausführen bzw. auf Fragen antworten kann.

Das Gespräch führte Denise Neher