Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 19.04.2019


China

Huawei öffnet seine Tür — aber nur einen kleinen Spalt

Der chinesische IT-Riese geriet durch die Spionage-Vorwürfe seitens der USA aus dem Tritt. Mit einer Transparenz-Offensive will man Vertrauen herstellen. Und gibt deshalb ausgewählte Einblicke.

Das Headquarter von Huawei in Shenzen wurde – offenbar zum ersten Mal – für österreichische Journalisten geöffnet.

© HuaweiDas Headquarter von Huawei in Shenzen wurde – offenbar zum ersten Mal – für österreichische Journalisten geöffnet.



Von Cornelia Ritzer

Shenzen – Im von hellem Marmor dominierten Erdgeschoß des Huawei-Hauptquartiers in der südchinesischen 13-Millionen-Einwohner-Megacity Shenzen werden Besucher durch eine Exhibition Hall gebracht. Joe Kelly ist Konzernsprecher des chinesischen Tech-Konzerns Huawei und führt durch die Ausstellung der von Huawei entworfenen und angewendeten künstlichen Intelligenz. Kelly zeigt harmlosere Anwendungen wie intelligente Mülltonnen, die Alarm geben, wenn sie voll sind. Und wenige Schritte entfernt die Szene in einer U-Bahn, in der ein Gesichtserkennungssystem läuft. „Wir machen nur die Technologie zur effizienten Verbrechensbekämpfung, nicht die Gesetze“, kommentiert Kelly mögliche Datenschutzbedenken.

Ähnlich routiniert pariert Konzernsprecher Kelly das Thema, das ihm und seinen Kollegen in den letzten Monaten viele Überstunden beschert hat: Mögliche Sicherheitsmängel der Netzwerktechnik des chinesischen Konzerns. Die kommunistische Partei sei im Hintergrund und habe ein Mitspracherecht oder gar das Recht, Daten zu verlangen, meinen Kritiker. Beweise dafür können sie freilich nicht auf den Tisch legen. „Wir haben keine Daten, wir verkaufen Technologie“, kontert Kelly. Huawei will jedenfalls Vertrauen herstellen und startet eine Transparenz­offensive. Österreichische Journalisten (unter anderem die TT) durften in Begleitung des Huawei-PR-Teams (fast) ins Innerste der Konzernzentrale und diverser Abteilungen in China vordringen – „erstmals“, wie betont wird.

Mit dem Shuttlebus geht es – vorbei an konzerneigenen Gärten und üppigen Grünanlagen mit Coffeeshops und Kantinen für die Mitarbeiter in Shenzen (weltweit sind es 188.000) – zu einem entfernteren Teil des weitläufigen Huawei-Campus. Ein schmuckloser Raum, in dem sich wie in vielen Büros dieser Welt Computer an Computer und Mitarbeiter an Mitarbeiter reihen, führt zu jenen Labors, in denen an millionenschweren Forschungen gefeilt wird. „Hallo, ich bin Jason“, stellt sich ein Huawei-Mitarbeiter mit seinem westlichen Namen als Techniker in der Abteilung Mechanik vor. „Keine Fotos erlaubt“, sagt er, während er ein seit fünf Jahren dauerndes Experiment über die Abnützung bzw. Wasserresistenz von Hardware erklärt.

Geforscht werde außerdem daran, das verwendete Material für die diversen Telekommunikations-Ausrüstungen so leicht wie möglich zu machen. Oder Schrauben langlebiger zu halten. In der Abteilung, die sich um die Hitzeregulierung der Geräte kümmert, zeigt Huawei-Mitarbeiter Robert die Hitzedurchlässigkeit verschiedener Materialien. Raum und vorgeführte Experimente haben den Flair einer Unterrichtseinheit für Schüler, weniger den Glanz der Forschungsabteilung eines globalen Lieferanten von Zukunftstechnik. Es sind schließlich doch nur ausgewählte Türen, die geöffnet werden, jene zur Top-Forschung des privat geführten chinesischen Konzerns bleiben fast naturgemäß geschlossen.

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Auch Huaweis Cybersecurity-Chef John Suffolk hat eine pragmatische Antwort auf die Sorge um den Verlust der Privatsphäre durch mögliches Abhören parat. „Kunden kaufen von Unternehmen, denen sie vertrauen, und sie vertrauen uns.“ Die Zahlen dazu: Der Mobilfunkausrüster hat seinen Gewinn 2018 kräftig gesteigert. Insgesamt stieg der globale Umsatz demnach um 19,5 Prozent auf 95,5 Milliarden Euro. Überhaupt seien vielmehr mangelnde Updates das größere Risiko, sagt der Brite Suffolk, der vor 2011 für die UK-Regierung gearbeitet hat. Sein Wort zählt, er hat ein Veto-Recht bei Software und Hardware, die den Sicherheitstests der weltweit 1500 Sicherheitsmitarbeiter nicht standhielt. 2018 war es drei Mal der Fall, dass eine Anwendung abgelehnt wurde, im Jahr 2013 sagte Suffolk gar 58-mal „Nein“.

Seit einem Monat gibt es auch in Brüssel ein Cybersecurity-Zentrum von Huawei, um Transparenz und Vertrauen zu schaffen, wie es heißt. Währenddessen führt Huawei seine Kampagne fort: Delegationen aus dem Westen sind bereits unterwegs.

Rare Fragestunde mit dem Konzern-Chef

Shenzen — Öffentliche Auftritte von Guo Ping, dem Verwaltungsratschef von Huawei, sind rar. Im September 2018 gab es ein Treffen zwischen Ping und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in Wien. Brisante politische Themen wurden bei dem Treffen nicht besprochen, lässt die Presse-Aussendung damals wissen. Huawei-Chef Ping lobte die lange Tradition Österreichs bei Entwicklung und Forschung und kündigte Investitionen an. Details blieben offen. Auch Interviews mit Ping sind selten, angesichts des Politikums um Huawei hat sich die Konzernpolitik geändert. „Das gibt es das erste Mal", sagte Ping diese Woche bei einer einstündigen Fragerunde mit österreichischen, polnischen und türkischen Journalisten. Bei der Begrüßung freute er sich über die „Möglichkeiten in Österreich" rund um die Digitalisierung. Vor allem die Neutralität anlässlich der Spionagevorwürfe werde sehr geschätzt, hört man von Huawei-Mitarbeitern. „Nicht-diskriminierend" seien auch die EU und allen voran Deutschland, was im chinesischen Konzern für Wertschätzung sorgt. Dass das Thema Datensicherheit derart diskutiert wird, hat für Ping weniger technische als politische Gründe. Deshalb seine Kernbotschaft: „Unsere Aufgabe ist es, keine Hintertür in unseren Produkten zu erlauben und niemand anderem zu erlauben, Hintertüren einzubauen." Er hoffe jedenfalls auf „unabhängige Entscheidungen" der Unternehmen, die den Kunden ihre Dienste anbieten. Beim 5G-Ausbau habe man bereits mit 23 europäischen Ländern 40 Verträge abgeschlossen — welche Länder das sind und ob Österreich darunter ist, „sei nicht zu veröffentlichen", heißt es von Huawei. Bekannt ist, dass der Tech-Konzern in Österreich Partnerschaften mit A1, T-Mobile und Drei hat. Und das Wichtigste für Ping sei ohnehin, das Vertrauen der Kunden zu haben. Damit das so bleibe, investiert Huawei viel Geld: Zu den jährlichen fixierten Mitteln für Forschung und Entwicklung will der Konzern in den nächsten fünf Jahren zusätzliche 2 Mrd. US-Dollar in die Sicherheit stecken. Eine Zahl, die Guo Ping noch öfter nennen wird. (ritz)