Letztes Update am Mo, 03.06.2019 09:39

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fachkräftemangel

Ganzheitliches Personalmanagement wird immer wichtiger

Zufriedene Mitarbeiter sind heute die wichtigste Voraussetzung für die Suche nach „Nachwuchs“ auf einem fast leergefegten Markt.

Symbolfoto

© iStockSymbolfoto



Wels — Personalmanagement ist schon seit geraumer Zeit einem grundlegenden Wandel unterworfen. Das ist zum Einen dem immer größer werdenden Fachkräftemangel geschuldet, aber auch einem generellen Wertwandel. „Nachhaltiges Personalmanagement funktioniert nur über einen ganzheitlichen Ansatz", meint dazu Jasmin Holter-Hofer, Geschäftsführerin des Sanitärgroßhändlers Holter, der in Tirol mit 107 Mitarbeitern vier Standorte betreibt.

Das Familienunternehmen hat schon vor vielen Jahren begonnen sein „Recruiting" umzustellen. So wurde 1997 die Holter-Akademie gegründet, die für die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter verantwortlich zeichnet. Dabei sollte die Möglichkeit zu Weiterbildung aber nicht als Belohnung gesehen werden, sondern als laufendes Programm für alle Mitarbeiter, egal welchen Alters, schreibt Peter Rieder, Gründer der Unternehmensberatung „Arbeitswelten Consulting" zum Thema nachhaltiges Personalmanagement. Denn nachhaltiges Personalmanagement wisse, dass in Zukunft alle länger arbeiten müssen, zu wenig Junge nachkommen und wir es uns daher nicht leisten können, auf das Know-How und die Leistungen älterer Arbeiternehmer zu verzichten. Ein anderes Schlagwort bei der Mitarbeitersuche ist heute die sogenannte „Work-Life-Balance". In diesem Kontext hat Holter Programme entwickelt, die eine bestmögliche Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit ermöglichen. „Es geht darum, dass man als Unternehmen möglichst flexibel auf die unterschiedlichen Lebensphasen seiner Mitarbeiter eingeht", erklärt Holter-Hofer.

Als Arbeitgeber positionieren

Benefits allein genügen nicht Dazu würden neben flexiblen Arbeitszeiten und Kinderbetreuung auch Angebote für die Persönlichkeitsbildung sowie Unterstützung der Mitarbeiter bei der Krankheitsprävention gehören. „All diese Aktivitäten helfen uns natürlich auch bei der Suche nach Lehrlingen", erläutert Holter-Hofer. Denn Benefits für Lehrlinge würde viele Unternehmen anbieten. In Wahrheit gehe es darum sich als Arbeitgeber zu positionieren, der neben vielen Extras, — die Holter seinem „Nachwuchs" natürlich auch anbiete — für seine Mitarbeiter einen ihren individuellen Bedürfnissen,Fähigkeiten und Lebensumständen entsprechenden Arbeitsplatz zu bieten. Dass dies alles sehr viel Geld kostet, stellt Holter-Hofer nicht in Abrede, lässt dies aber als Argument so nicht gelten. „Der Mehrwert, den wir durch zufriedene, herausgebildete und langjährige Mitarbeiter generieren ist in Wahrheit ungleich höher", betont die Unternehmerin. Zudem müsse inzwischen allen klar sein, dass der Markt derzeit und vermutlich auch in der Zukunft solche hochqualifizierten Mitarbeiter kaum mehr hergebe.

Geänderte Berufswünsche

Indessen scheint die Talsohle bei der Zahl der Lehranfänger überwunden zu sein. Die Lehrlingszahlen sind in Tirol wieder gestiegen, und dies nicht nur aufgrund der aktuell stabilen demografischen Entwicklung bei den 15-Jährigen. Derzeit absolvieren in Tirol 10.574 Jugendliche im dualen Bildungssystem eine Berufsausbildung, das sind um 1,6 Prozent mehr als vor einem Jahr. Dass das Buhlen um den Nachwuchs wohl weiter notwendig sein wird, untermauern die Zahlen aus der aktuellen Lehrlinksstatistik. Zum Stichtag am 28. Februar 2019 standen in Tirol laut Zahlen des Arbeitsmarktservice (AMS) 472 Lehrstellensuchenden fast fünfmal so viele offene Lehrstellen gegenüber, nämlich 2257.Was sich auf jeden Fall geändert haben dürfte sind die Berufswünsche der Jugendlichen. Wurde früher Berufe wie Kfz-Mechaniker und Friseuse am meisten nachgefragt, sind es heute Bürokaufmann/frau, Elektrotechniker und Berufe im Bereich Mechatronik. Darauf verweisen zumindest die Nachfragen auf dem Tiroler Lehrlingsportal karrieremitlehre.tirol. (hu)

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.


Holter-Geschäftsführerin Jasmin Holter-Hofer
Holter-Geschäftsführerin Jasmin Holter-Hofer
- Holter

Die Geschäftsführerin der Firma Holter, Jasmin Holter-Hofer über lebenslanges Lernen, die schwierige Suche nach Fachkräften und die digitale Transformation im TT-Interview.

Die Situation am Arbeitsmarkt ist nicht wirklich rosig — Stichwort Facharbeitermangel. Wie geht ihr Unternehmen damit um?

Jasmin Holter-Hofer: Natürlich ist das auch für unsere Branche ein Thema. Allerdings haben wir schon sehr früh damit begonnen die Ausbildung des „Nachwuchses" auf eine breite Basis zu stellen. Viele unserer Führungskräfte habe bei uns als Lehrling begonnen. Wir haben eigene, speziell geschulte Lehrlingsbetreuer, die auch eine wirklich individuelle Betreuung ermöglichen. Auf was wir zudem besonders Wert legen ist, dass wir unsere Lehrlinge teamfähig machen. Deshalb haben wir viele Trainings, auch außerhalb des Hauses.Dann bieten wir eine Reihe von Sozialleistungen. Und unsere Lehrlinge — aktuell bilden wir 44 junge enschen aus — haben die Möglichkeit zur „Job-Rotation", damit sie zum einen den ganzen Betrieb kennenlernen, aber auch die Möglichkeit haben herauszufinden, was sie wirklich wollen bzw. wo ihre Stärken liegen.

Nun bieten heute eigentlich alle Unternehmen ihren Lehrlingen verschiedene Benefits.

Holter-Hofer: Nachhaltiges Personalmanagement funktioniert in Wahrheit nur über einen ganzheitlichen Ansatz. Das heißt ich muss meinen Mitarbeitern Karrieremöglichkeiten bieten, aber gleichzeitig auch im Sinne von Vereinbarkeit von Beruf, Familie und natürlich auch Freizeit darauf schauen, dass man als Unternehmen möglichst flexibel auf die unterschiedlichen Lebensphasen der Mitarbeiter eingeht. Das ist bei den Lehrlingen so und das gilt auch in allen anderen Bereichen. Das Monetäre steht bei Vielen heute nicht mehr so im Vordergrund. Natürlich wollen auch die Jungen anständig bezahlt werden. Aber sie fragen heute viel mehr danach , was ein Unternehmen für ihre Lebensqualität bieten kann. Dazu gehören eine hohe Wertschätzung, Perspektiven und andere sogenannte „Soft-Faktoren". Zentral ist für uns unser „Holter-Akademie", die wir 1997 gegründet haben. Dort bieten wir unseren Leuten eine Vielzahl an Weiterbildungsmaßnahmen, aber auch Angebote für die Persönlichkeitsbildung, Krankheitsprävention, Work-Life-Balance und nicht zu vergessen unsere unternehmensbindende Aktivitäten, wie Rafting, Wander oder Ski-Tage.

Sie wurden unter anderem vom Familienministerium als „familienfreundliches" Unternehmen zertifiziert.

Holter-Hofer: Das war eine sehr spannende Sache. Es ist ja nicht so, dass man ein paar „Sachen" einführt und dann bekommt man ein „Label" aufgepappt. Wir mussten hier ein intensives Audit durchlaufen. Und dabei — sozusagen durch den Blick von außen — haben wir auch sehr viel über uns selbst gelernt.

Ein anderes Thema das sozusagen „unter den Nägel brennt" ist die Digitalisierung, die rasend schnell voranschreitet. Wie geht ihr Unternehmen damit um?

Holter-Hofer: Grundsätzlich haben wir schon sehr früh damit begonnen . So haben wir vor 22 Jahren Holter-Online gegründet. Damals haben wir noch ISDN-Leitungen zu unseren Kunden einrichten müssen. Heute laufen rund 70 Prozent unseres Geschäfts über unsere Online-Plattform. Hier sind wir im Laufe der Jahre sozusagen sozusagen organisch gewachsen.

Inwieweit verändert diese digitale Transformation ihr Geschäftsmodell.

Holter-Hofer: Zum einen hat sich die Zusammenarbeit mit unseren Installateur-Partnern sehr intensiviert. Wir verkaufen nicht mehr „nur" Produkte. Über die digitalen Möglichkeiten können wir unsere Installateure umfassend betreuen. Und zum anderen haben wir heute die Möglichkeit unser Angebot und das Angebot unserer Partner auch gemeinsam für die Kunden aufzubereiten. Dazu haben wir in ganz Österreich neun Ausstellungen eingerichtet, wo wir Kunden zum Thema Bad und natürlich Sanitärbereich beraten. Das ist sozusagen der „analoge" Teil. Die Anforderungen der Kunden an Installations- und Sanitärbetriebe wachsen stetig. Viele Kunden möchten eine effiziente Komplettlösung und einen Ansprechpartner für alles. Das ist sind für einen Betrieb — speziell da die meisten unserer Partner im KMU-Bereich zu Hause sind — heute allein oft nicht mehr bewältigbar. Hier kommt unser Online-Plattform" Holter Home" ins Spiel. Denn damit können wir den „digitalen Kunden" wieder in den dreistufigen Vertriebsweg zurückzuholen. Hersteller, Großhandel und Handwerk können so im Zusammenspiel ihre jeweiligen Stärken einsetzen. Davon profitieren schlussendlich alle Seiten und insbesondere die Konsumenten.

Das Interview führte
Hugo Müllner

Unternehmensportrait

Holter ist ein Familienunternehmen im Sanitär- und Heizungsgroßhandel mit Sitz in Wels. Das Unternehmen hat 20 Standorte in Österreich und beschäftigt derzeit 837 Mitarbeiter, davon 107 in Tirol. 2017/18 erwirtschaftete Holter einen Umsatz von 261 Mio. Euro.