Letztes Update am Fr, 12.07.2019 13:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Unternehmen

Condor-Verkauf auf Eis: Chinesen schnappen sich Thomas Cook

Thomas Cook, der älteste Reiseveranstalter der Welt, könnte bald mehrheitlich einem chinesischen Mischkonzern gehören. Was bedeutet das für die deutsche Fluglinie Condor, die zur Airline-Gruppe des Touristikkonzerns gehört?

Der Reiseveranstalter Thomas Cook hatte in diesem Sommer weniger Kunden als erwartet.

© ReutersDer Reiseveranstalter Thomas Cook hatte in diesem Sommer weniger Kunden als erwartet.



London/Hongkong/München – Der britische Reiseveranstalter Thomas Cook soll von dem chinesischen „Club Med“-Eigentümer Fosun vor dem Aus gerettet werden. Die Fosun Tourism Group aus Hongkong und die Gläubigerbanken wollen 750 Millionen Pfund (835 Mio. Euro) frisches Geld bereitstellen, damit der 178 Jahre alte Traditionskonzern die Wintersaison 2019/20 übersteht, wie Thomas Cook am Freitag mitteilte.

Die Gespräche darüber seien weit fortgeschritten. Fosun ist seit vier Jahren mit 18 Prozent an Thomas Cook beteiligt und damit größter Aktionär. Im Gegenzug soll das Unternehmen drastisch entschuldet werden. Die übrigen Aktionäre werden weitgehend verdrängt. Fosun ist in Österreich Mehrheitseigentümer der Vorarlberger Strumpfkonzerns Wolford. Die Thomas-Cook-Aktie stürzte an der Londoner Börse um 37 Prozent auf 8,41 Pence ab.

Ein Verkauf der Ferienfluggesellschaft Condor, an der die Lufthansa Interesse gezeigt hatte, ist damit zumindest vorerst vom Tisch. Der Verkaufsprozess werde ausgesetzt, teilte Thomas Cook mit. Wegen der Eintrübung des Touristik-Marktes in Europa hätte der Verkauf des Fluggeschäfts und der Skandinavien-Sparte nicht genug eingebracht, um das Kerngeschäft zu retten. Bis zu einer Entscheidung über die Rekapitalisierung werden die im Februar verkündeten Verkaufspläne für die Airline-Sparte ausgesetzt. Zuvor hatte die AUA-Mutter Lufthansa bereits signalisiert, ihre Übernahmepläne für Condor nicht mehr weiter zu verfolgen

Fosun übernimmt allerdings nur die Mehrheit an der Reise-Sparte, am Ferienflug-Geschäft sollen die Chinesen einen „signifikanten Minderheitsanteil“ erhalten. Denn mit einem nicht-europäischen Eigentümer würde Condor der Verlust der Start- und Landerechte drohen. Ein Fosun-Sprecher verwies darauf, dass der Konzern schon beim Feriendorf-Betreiber Club Med gezeigt habe, dass er Unternehmen sanieren könne.

Von rund 9000 Beschäftigten der drei Thomas-Cook-Airlines arbeiten etwa 4.000 bei der deutschen Gesellschaft Condor mit Hauptsitz in Frankfurt. Die Fluggesellschaften haben zusammen gut 100 Flugzeuge in Deutschland, Großbritannien und Skandinavien stationiert und arbeiten seit Jahren im Konzern vergleichsweise eigenständig und profitabel. Den angestrebten Schuldenschnitt und die geplante Selbstständigkeit mit engen Geschäftsbeziehungen zum Veranstalter würde man als „Befreiungsschlag“ empfinden, hieß es in Airline-Kreisen.

Das Angebot von Fosun sei das beste gewesen, das auf dem Tisch des Vorstands gelandet sei, sagte Vorstandschef Peter Fankhauser in einer Telefonkonferenz. „Das ist zwar nicht das Ergebnis, das wir uns für unsere Aktionäre gewünscht hätten, aber der Vorschlag ist eine pragmatische und verantwortliche Lösung, die uns die Mittel gibt, die Zukunft von Thomas Cook zu sichern“, erklärte der Schweizer.

Das Unternehmen kam schon vor dem Kurssturz am Freitag nur noch auf einen Börsenwert von gut 200 Mio. Pfund, der Schuldenberg summiert sich auf mehr als 1,25 Mrd. Pfund. Die Gläubigerbanken seien bereit, auf einen Großteil der Kredite zu verzichten; im Gegenzug sollen sie Aktien erhalten.

Es seien grundsätzlich gute Nachrichten für die Beschäftigten, die Kunden und die Zulieferer des Unternehmens, so Fankhauser. Thomas Cook ist auch im deutschen Touristikmarkt mit Marken wie Neckermann stark vertreten.

Fankhauser ließ offen, ob Thomas Cook nach Abschluss von der Börse genommen wird. Inklusive der notwendigen Genehmigungen rechne er mit einem Abschluss des Geschäfts bis Jahresende. Mit der Finanzspritze würde man auf einer ganz neuen Kapitalgrundlage stehen, erklärte der Thomas-Cook-Chef. Wegen der hohen Schulden habe man seit 2012 rund 1,2 Mrd. Pfund an Zinsen und Kreditkosten zahlen müssen. Jedes Jahr habe man rund 3 Millionen Reisen verkaufen müssen, um allein die Zinslast zu begleichen.

Thomas Cook hatte im ersten Halbjahr 1,5 Mrd. Pfund Verlust ausgewiesen, zum Großteil wegen einer Abschreibung von 1,1 Mrd. Pfund auf die Tochter MyTravel. Das Unternehmen war 1841 von Baptisten-Prediger Thomas Cook gegründet worden, der Zug-Reisen von Leicester nach Loughborough veranstaltete. Ende 2006 übernahm KarstadtQuelle die restlichen Anteile der Lufthansa. Durch die Übernahme der britischen MyTravel wurde Thomas Cook 2007 an die Londoner Börse gebracht – damals mit einem Börsenwert von vier Milliarden Pfund.

Das Sommergeschäft läuft schleppend. Die Reise-Buchungen lägen neun Prozent unter Vorjahr, die Flug-Buchungen um drei Prozent, teilte Thomas Cook mit. Das operative Ergebnis werde deshalb im zweiten Halbjahr noch schlechter ausfallen als im ersten. 2018 reisten elf Millionen Kunden mit Thomas Cook.




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