Letztes Update am Fr, 23.08.2019 12:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Forum Alpbach

Führungskräfte: Mit „Fußball-Idee“ gegen sozial verzerrte Talentsuche

Wirtschaft, Wissenschaft und Bildungssystem könnten vom Scouting im Fußballbereich einiges lernen. Noch immer gelte hierzulande in hohem Maße: Ausgewählt wird nach sozialer Ähnlichkeit.

Symbolfoto

© istockSymbolfoto



Alpbach – Nachdem die Europameisterschaft 2000 für Deutschlands Fußball-Nationalmannschaft desaströs endete, ging man neue Wege in der Talentsuche. Das breit eingeführte Scouting ohne Blick auf soziale oder ethnische Herkunft inklusive einem „Exzellenzprogramm“ hat das Blatt gewendet. Davon könnten Wirtschaft, Wissenschaft und Bildungssystem einiges lernen, sagte die Autorin Julia Friedrichs in Alpbach.

Ist man etwa in Österreich oder Deutschland auf der Suche nach Talenten, gelte immer noch in hohem Maße: Ausgewählt wird nach sozialer Ähnlichkeit. Das heißt: Sucht man etwa nach Führungskräften - egal ob in Forschung oder Unternehmen -, rekrutieren Leute, die Eliten angehören, wiederum Leute, die ähnliche Hintergründe haben, so der Tenor bei einer Diskussion mit dem Titel „Führungskräfteentwicklung in Wissenschaft und Wirtschaft“ im Rahmen der Alpbacher Technologiegespräche am Freitagvormittag.

„Frust, Wut und Elitenverachtung“

Um das gesellschaftlich enorm wichtige Versprechen möglichst großer Chancengleichheit halbwegs einzulösen, müsse man Bildungs-, Wirtschafts- und Wissenschaftssysteme radikal auf Mechanismen durchleuchten, die verhindern, dass ethnisch und sozial unterschiedlicher zusammengesetzte Gruppen und Organisationen entstehen, so Friedrichs. Gelinge es nicht, die Gesellschaft so durchlässiger zu gestalten, führe das zu „Frust, Wut und Elitenverachtung“ auf der einen und zu homogenen Gruppen auf der anderen Seite, so die Journalistin.

Das Zeitfenster, um hier wichtige Veränderungen etwa in den chronisch reformresistenten Schulsystemen Österreichs und Deutschlands vorzunehmen, bleibe vermutlich nicht mehr lange offen, bevor die Gesellschaft weit auseinanderdrifte. Auch er habe das Gefühl, dass diese Schulsysteme gerade versagen, Voraussetzungen zu schaffen, um den Problemen des 21. Jahrhunderts zu begegnen, so der Personalentwickler und FDP-Bundestagsabgeordnete Thomas Sattelberger. Man produziere die „gleichen Ungleichheiten wie in den Sechzigerjahren“. Auch die mittlerweile sehr „gestreamlineten“ Universitäten böten vielfach nicht genug Chancen, Neues auszuprobieren und gleiches gelte vor allem für börsennotierte Unternehmen, denen die Kennzahlen ständig im Nacken sitzen. Abhilfe würde mehr Experimentierfreude, die Etablierung von „Biotopen“ mit mehr Freiheiten und neue Wege in der Personal- oder Studentenauswahl bringen, zeigte sich Sattelberger überzeugt.

„Leute die uns ähnlich sind“

Auch Wissenschaftsinstitutionen würden „gerne Leute anstellen, die uns ähnlich sind“, sagte der Präsident des Weizmann Instituts in Rehovot (Israel), Daniel Zajfman. Man achte aber mittlerweile stark darauf „hinauszugehen“ und andere Gesellschaftsschichten für Forschung zu interessieren und in Schulen zu gehen.

Die Wissenschaft leide durchaus auch unter einem Matthäus-Effekt - nach dem Motto: „Wer hat, dem wird gegeben“ -, so auch die frühere Präsidentin des Europäischen Forschungsrates, Helga Nowotny. Es zeige sich immer mehr, dass beispielsweise multikulturell zusammengesetzte Forschungsteams Probleme tendenziell umfassender angehen. Das verstünden jene Unternehmen, die die Digitalisierung federführend vorantreiben. In diesem Bereich tobe auch der „neue ‚Krieg um die Talente‘“, so Nowotny. Viele Forschungsinstitutionen und Firmen im deutschen Sprachraum hätten das aber noch nicht verinnerlicht, kritisierte Sattelberger. (APA)