Letztes Update am Mi, 23.10.2019 08:36

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Unternehmen

737-Max-Debakel: Boeing-Krise ohne Ende?

Heikle Textnachrichten bringen den ohnehin schon heftig kriselnden US-Flugzeugriesen Boeing weiter unter Druck. Ausgerechnet jetzt muss der Konzern auch noch Zahlen vorlegen. Die nach zwei Abstürzen mit Flugverboten belegte 737 Max dürfte die Bilanz erneut stark belasten.

Beim Absturz einer Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines im März und einer Maschine gleichen Typs der indonesischen Fluglinie Lion Air im Oktober waren 346 Menschen ums Leben gekommen.

© AFPBeim Absturz einer Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines im März und einer Maschine gleichen Typs der indonesischen Fluglinie Lion Air im Oktober waren 346 Menschen ums Leben gekommen.



Von Hannes Breustedt, dpa

Chicago/Washington – Brisante Mitarbeiter-Chats, Streit mit der Flugaufsicht, Kursabsturz an der Börse: Boeing versinkt immer tiefer in der Krise um seinen einstigen Bestseller 737 Max. Der Unglücksjet – seit März wegen zwei verheerenden Abstürzen mit Startverboten belegt – wird immer mehr zum Verhängnis für den bis vor kurzem noch größten Flugzeugbauer der Welt. Ausgerechnet jetzt muss der Airbus-Rivale Einblick in seine Bilanz gewähren – viel Grund für Optimismus gibt es nicht.

Ende der Misere nicht in Sicht

Am heutigen Mittwoch will Vorstandschef Dennis Muilenburg, dem gerade erst der Verwaltungsratsvorsitz aberkannt wurde, Aktionären die Zahlen für das jüngste Quartal vorlegen. Es ist ein unangenehmer Termin, denn die Rechnung für das 737-Max-Debakel geht bereits in die Milliarden und dürfte noch kräftig weiter steigen. Ein Ende der Misere ist nicht in Sicht. Zuletzt gab es weitere Hiobsbotschaften.

Im Zentrum der Krise steht das für die 737 Max entwickelte Steuerungsprogramm MCAS, das eine entscheidende Rolle bei den Abstürzen mit insgesamt 346 Toten gespielt haben soll. Boeing hatte bereits nach dem ersten Unglück in Indonesien versprochen, die MCAS-Probleme per Software-Update zu beheben. Wenig später stürzte eine 737 Max in Äthiopien ab. Am Update tüftelt Boeing noch immer.

„Ungeheuerlich“ – Boeings technischer Chefpilot Mark Forkner fand bereits im November 2016, Monate vor der Zulassung der 737 Max, klare Worte für das MCAS-Programm. Im Flugsimulator gerate die Automatik geradezu außer Kontrolle, klagte Forkner gegenüber einem Boeing-Kollegen in Textnachrichten, die am Freitag in US-Medien veröffentlicht wurden. MCAS soll eigentlich in kritischen Situationen den Flugwinkel korrigieren. Doch laut Unfallberichten brachte das Programm die Unglücksmaschinen durch falsche Sensordaten zum Absturz.

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Erklärungen gefordert

Für den US-Konzern sind Forkners Nachrichten hochbrisant: Boeing steht ohnehin schon im Verdacht, der US-Flugaufsicht FAA bei der im Nachhinein äußerst kontroversen Zertifizierung der 737 Max wichtige Informationen unterschlagen zu haben. Die Veröffentlichung des Chatverkehrs kommt zur Unzeit. Zumal Forkner darin sogar einräumt, die FAA angelogen zu haben – wenngleich angeblich unwissentlich, da ihm selbst die Wirkung des MCAS-Programms zunächst nicht klar war.

Die FAA reagierte ausgesprochen ungehalten. Behördenchef Steve Dickson forderte in einem Brief an Muilenburg eine „sofortige Erklärung“. Besonders erzürnte Dickson, dass Boeing das „beunruhigende Dokument“ den Aufsehern angeblich erst mit Monaten Verspätung vorlegte. Das Unternehmen ging zunächst auf Tauchstation, veröffentlichte dann ein dürres Statement, wonach Muilenburg den FAA-Chef nun wie in dessen Brief gefordert angerufen habe.

Erst am Sonntag legte Boeing mit einer ausführlicheren Stellungnahme nach und bemühte sich, die Nachrichten in einen nicht ganz so peinlichen Kontext zu setzen. Zwar sind die Ausführungen recht verklausuliert – doch das Unternehmen zitiert Aussagen von Forkners Anwalt, die sich so deuten lassen könnten, dass der Flugsimulator technische Probleme hatte. Boeing bedauere die Textnachrichten und sei selbst noch dabei, ihre genaue Bedeutung zu erforschen.

Aktien stürzten ab

Da war der Schaden allerdings ohnehin schon längst angerichtet. Boeings Aktien fielen am Freitag um fast sieben Prozent. Am Montag ging es um weitere fast vier Prozent abwärts, nachdem Analysten pessimistische Einschätzungen abgaben und einen Verfall des Börsenwerts um mehr als 50 Milliarden Dollar in Aussicht stellten. Damit ist die 737-Max-Krise nun endgültig auch an der Börse angekommen, wo Boeing bislang noch erstaunlich resistent wirkte.

Dass die Nachrichten von Pilot Forkner den Konzern so arg in die Bredouille bringen, hat auch noch einen weiteren Grund. Boeing gab in der Reaktion auf die Kritik von FAA-Chef Dickson an, den Chatverlauf tatsächlich schon früher in diesem Jahr vorgelegt zu haben, allerdings „Regierungsermittlern“. Nähere Angaben, um wen es sich dabei konkret handelt, wollte Boeing nicht machen. Doch angesichts des erbosten Briefs Dicksons kann es wohl nicht die FAA sein.

Da auch die US-Justizbehörden ermitteln sollen, ob bei der Zulassung der Unglücksflieger alles mit rechten Dingen zuging, dürfte das brisante Dokument zuerst dort gelandet sein. Kein Wunder, dass der FAA das nicht passt: Die Behörde steht selbst massiv in der Kritik, sie soll wesentliche Teile der Zertifizierung Boeing selbst überlassen haben. Sollte Boeing sich nun uach noch mit der Aufsicht überwerfen, würde dies nichts Gutes verheißen und könnte die erhoffte 737-Max-Wiederzulassung womöglich noch weiter ausbremsen.

In jedem Fall sind die Vorwürfe der FAA für Boeing sehr heikel. Der Konzern ist wegen der Abstürze mit einer Klagewelle konfrontiert. Sollten bei der Zertifizierung der 737 Max falsche Angaben gemacht worden sein, könnte dies schwere Konsequenzen nach sich ziehen. Zudem kosten die Flugverbote viel Geld, und jede weitere Verzögerung verschlimmert die Lage. Mitte des Jahres betrugen die Sonderkosten wegen des 737-Max-Debakels bereits mehr als acht Milliarden Dollar - im dritten Quartal dürfte es kaum Entlastung gegeben haben.