Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.11.2019


Kfz-Industrie

Fusion von Fiat und Peugeot bringt Autowerke in Gefahr

Laut Experten ist der Automarkt bereits seit Jahren gesättigt. Nach dem Zusammenschluss werden wohl Werkschließungen folgen.

In französischen und italienischen Werken produzieren Fiat und PSA seit 1978 gemeinsam Pkw.

© AFPIn französischen und italienischen Werken produzieren Fiat und PSA seit 1978 gemeinsam Pkw.



Frankfurt, Hamburg – Der Zusammenschluss von Fiat Chrysler und Peugeot zum weltweit viertgrößten Autokonzern bringt nicht nur die Kräfteverhältnisse in der Branche in Bewegung. Mit dem neuen Autoriesen steigt in Europa auch der Druck, die hohen Überkapazitäten anzugehen, unter denen die Industrie ächzt.

Experten warnen schon seit Jahren, dass in einem gesättigten Markt zu viele Fahrzeuge gebaut und zu Preisen verkauft werden, die kaum auskömmlich sind. „Zehn Prozent der Kapazitäten sind in Europa überflüssig“, sagt Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB. „Gerade in Zeiten rückläufiger Nachfrage ist das zu viel.“

„Der Druck auf die Werke wird in den nächsten Jahren steigen“, ist Stefan Bratzel überzeugt, der das Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach leitet. „Wenn die Verträge erst mal unterzeichnet sind, wird Carlos Tavares auf diese Tatsache hinweisen.“ Der Autoexperte glaubt, dass der als harter Sanierer bekannte Peugeot-Chef, der auch den gemeinsamen Konzern mit Fiat Chrysler leiten soll, das Produktionsnetzwerk trimmen wird. „Dann muss die Frage nach den Standorten auf den Tisch.“ Dabei werde auch Opel wieder ins Blickfeld rücken. Allerdings hätten die Rüsselsheimer nach der erfolgreichen Sanierung durch Peugeot inzwischen eine bessere Ausgangsposition und könnten nun ihrerseits Ansprüche anmelden.

Schon nach der Finanzkrise vor zehn Jahren war die Rede davon, dass in Europa eigentlich zehn bis zwölf Automobilwerke dichtgemacht werden müssten. Das ist auch ein Grund, warum sich der italienisch-amerikanische Autobauer Fiat Chrysler (FCA) und PSA verbünden wollen. Denn zusammen kommen die beiden auf einen Jahresabsatz von 8,7 Millionen Fahrzeuge, verfügen weltweit aber über Produktionskapazitäten von 14 Millionen Einheiten. Damit läge die Auslastung rechnerisch bei rund 60 Prozent, was in der Branche allgemein als viel zu niedrig angesehen wird. Als profitabel gelten Werke ab einer Auslastung von 80 Prozent.

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Sowohl Fiat als auch Peugeot wollen Schließungen vermeiden. Allerdings erhöht sich in den kommenden Jahren der Druck, die Klimaziele der EU zu erreichen. Wegen der schärferen Umwelt-Vorgaben steht das Kleinwagen-Segment unter Druck, in dem vor allem Fiat, aber auch Peugeot stark vertreten sind. Denn selbst Einstiegsmodelle müssen mit aufwändiger Technik zur Abgasreinigung ausgestattet werden. Die höheren Kosten können die Hersteller kaum an die Kundschaft weitergeben, wodurch solche Wagen wenig profitabel sind.

PSA hat es durch seine Plattformstrategie aber geschafft, die Kosten zu senken, und glänzt mit einer hohen Ertragskraft. Von der Strategie, mit der Tavares bereits Opel in die Spur gebracht hat, dürfte künftig auch Fiat profitieren. (APA, Reuters)