Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 07.12.2015


Exklusiv

„Auch künftig nicht mehr Jobs im Handel“

ÖGB-Vizepräsidentin Renate Anderl fordert im TT-Interview eine Arbeitszeitverkürzung, um die vorhandene Arbeit besser aufzuteilen. Auch über eine Wertschöpfungsabgabe müsse man diskutieren.

Zielpunkt war buchmäßig überschuldet, weshalb eine Fortbestehensprognose erstellt werden musste bzw. diese laufend überprüft werden musste.

© APAZielpunkt war buchmäßig überschuldet, weshalb eine Fortbestehensprognose erstellt werden musste bzw. diese laufend überprüft werden musste.



Die Pleite der Handelskette Zielpunkt ist in Österreich kein Einzelfall. Innerhalb weniger Jahre mussten Schlecker, Dayli und Baumax schließen. Tausende Arbeitnehmer verloren ihr­e Jobs. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für diese Pleiteserie im Handel?

Renate Anderl: Ein Grund dafür ist sicher, dass die Arbeitgeber auf Gewinne aus sind. In Zeiten wie diesen mit hoher Arbeitslosigkeit und schwachem Wirtschaftswachstum sollte es mehr ein Miteinander geben.

Sie orten also fehlende Solidarität der Unternehmer mit den Mitarbeitern?

Anderl: Ich vermisse bei manchen die Solidarität. Wenn Zielpunkt-Besitzer Pfeiffer sagt, er wird versuchen, 200 der knapp 3000 Mitarbeiter, die ihren Job verloren haben, in seinem Unternehmen unterzubringen, ist das zu wenig. Wir brauchen mehr Miteinander. Das beginnt bei den Arbeitsplätzen. Bei der Frage, wie kann man die Arbeit, die da ist, besser aufteilen. Die Steuerreform ist sicher ein erster Schritt um die Wirtschaft anzukurbeln. Dabei kann es aber nicht bleiben. Ich erwarte mir auch mehr Solidarität von den Unternehmen, wenn es um Frauenarbeitsplätze geht. Zu viele sind in einer prekären Beschäftigung. Und auch bei älteren Arbeitnehmern. Hier brauchen wir mehr altersgerechte Arbeitsplätze. Auch wenn die Unternehmer sagen, sie beschäftigen viele ältere Arbeitnehmer. Da frag­e ich mich, warum gerade diese von der Arbeitslosigkeit betroffen sind.

Eine Zuspitzung der Situation am Arbeitsmarkt droht laut einigen Studien auch von der Digitalisierung.

Anderl: Mehr Arbeitsplätze im Handel haben wir sicher auch in Zukunft nicht. Die Digitalisierung ist ein Thema, mit dem wir uns innerhalb der Gewerkschaft auseinandersetzen. Das wird wahrscheinlich den Handel massiv betreffen. Da kann man davon ausgehen, dass in ferner Zukunft weniger Arbeitsplätze da sein werden. Auch in der Produktion könnten Arbeitsplätze wegfallen. Da müssen wir uns fragen, mit welchen Maßnahmen man reagiert. Hierzu müssen wir uns mit der Wirtschaft an einen Tisch setzen. Auch fragen, was mit den Gewinnen gemacht wird. Dividendenausschüttungen an die Aktionäre können hier nicht funktionieren. Zu überlegen wäre dann etwa die Wertschöpfungsabgabe die sogenannte Maschinensteuer von Alfred Dallinger. Ein massives Umdenken ist sicher notwendig.

Sprechen die Sozialpartner darüber miteinander?

Anderl: Thema ist es immer wieder. Das beschlossene Bonus-Malus-System ist sicher ein Punkt, um ältere Arbeitnehmer in der Beschäftigung zu halten. Auch wenn wir uns hier mehr gewünscht hätten. Ein weiterer Punkt ist sicher unsere Forderung nach 1700 Euro Mindestlohn. Das würde den Konsum ankurbeln und die Wirtschaft stärken. Die Arbeit, die wir haben, müssen wir auch besser aufteilen. Arbeitszeitverkürzung ist darum sicher ein Thema, über das wir diskutieren müssen.

Beispiele für generelle Arbeitszeiten unter 38,5 oder 40 Stunden gibt es aber kaum. Hier wäre Österreich Vorreiter.

Anderl: Ja, das wären wir.

Ist nicht auch eine Entlastung der Unter­nehmen nötig, damit sie mehr Handlungsspielraum bekommen, um Arbeitsplätze zu schaffen?

Anderl: Sie werden jetzt ja auch entlastet. Es gibt eine geringe Senkung der Lohnnebenkosten als Ergebnis des Arbeitsmarktgipfels. Wir versuchen ja, gemeinsam Lösungen zu finden. Hier wird ein gewisser Teil nicht mehr in den Familienlastenausgleichsfonds eingezahlt. Das ist eine heikle Situation. Da müssen wir schauen, ob nicht Leistungen daraus gekürzt werden. Besonders wir Fraue­n haben da ein Auge drauf. Es gibt trotzdem viele Firmen, die Gewinne machen. Das sind die, die in Wirklichkeit am meisten raunzen. Arbeitszeitverkürzung war immer eine heiße Diskussion. Es war nicht leicht, auf die 40 Stunden zu kommen. Das ist nichts, was von heute auf morgen passiert.

Die Diskussionen zwischen den Sozialpartner werden immer härter geführt. Befindet sich die Sozialpartnerschaft in einer Krise?

Anderl: Ich bin überzeugt, dass es keine Krise gibt. Es gibt Bereiche, die intensiv diskutiert worden sind. Beim Arbeitsmarktgipfel haben wir gemeinsam Entlastungen beschlossen. Aber es ist legitim, dass bei einer Sozialpartnerschaft die Meinungen auseinanderklaffen. Jeder hat seine Klientel zu verteidigen. Das Ergebnis des Arbeitsmarktgipfels zeigt, dass die Sozialpartnerschaft lebt. Auch Zielpunkt ist ein Beispiel dafür. Wirtschaftskammerpräsident Leitl, Sozialminister Hundstorfe­r sowie ÖGB-Präsident Foglar haben sich hier sehr bemüht, dass den Arbeit­nehmern schnell geholfen wird.

Das Gespräch führte Stefan Eckerieder