Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 13.12.2015


USA

US-Leitzinsen vor Erhöhung

Lange haben die Märkte auf eine Anhebung der Leitzinsen in den USA gewartet – in dieser Woche könnte die Zinswende nun tatsächlich kommen.

Der Hauptsitz der Federal Reserve in Washington.

© Der Hauptsitz der Federal Reserve in Washington.



Washington – Eine Anhebung des Leitzinses in den USA in der kommenden Woche wäre nach Einschätzung der Chefvolkswirtin der französischen Großbank Société Générale, Michala Marcussen, der Auftakt für weitere Zinsschritte. Die Expertin rechnet zunächst mit einer Erhöhung des US-Leitzinses, der seit der Finanzkrise 2008 praktisch bei null liegt, um 0,25 Prozentpunkte.

Bis 2018 könnten anschließend weitere Anhebungen bis auf ein Niveau von 2,75 Prozent erfolgen. „Dann hat der US-Konjunkturzyklus seine Reife erreicht“, sagte Marcusse­n. Für die Eurozone geht sie hingegen in den nächsten fünf Jahren von keinen höheren Leitzinsen aus.

Die amerikanische Notenbank Fed entscheidet am Mittwoch über ihre weitere Zinspolitik. Zuletzt hatte sie die wegen sinkender Arbeitslosenzahlen seit Längerem in Aussicht gestellte Anhebung mehrfach aufgeschoben. „Aber inzwischen fühlt sich die Fed immer unwohler mit dem Gedanken, dass sie möglicherweise zu spät die Zügel anzieht“, meinte Marcussen.

Derzeit liegen die Zinsen in wichtigen Wirtschaftsräumen wie den USA, der Eurozone und Japan auf historischen Tiefständen. Ein Kurswechsel der Fed wird daher angesichts der schwer einzuschätzenden Folgen für die globalen Finanzmärkte mit besonderer Spannung erwartet.

Für den Euroraum hatt­e die Europäische Zen­tralbank (EZB) Anfang Dezember eine weitere Lockerung der Geldpolitik beschlossen. Die Erwartungen vieler Analysten wurden jedoch nicht erfüllt, an den Aktienmärkten kam es zu deutlichen Verlusten. Marcussen betonte, die Anleger würden die fortgesetzte Geldschwemme inzwischen nicht mehr uneingeschränkt begrüßen, sondern zunehmend das schwache Wachstum und die hohe Arbeitslosigkeit in vielen Ländern der Euro­zone mit in Betracht ziehen. Deswegen sei auch 2016 mit Schwankungen an den Börsen zu rechnen.

Die jahrelange locker­e Geldpolitik – Niedrig­zinsen in Verbindung mit massiven Anleihe­käufen der EZB und anderer Zentral­banken – gilt als problematisch, weil im Fall einer überraschenden Krise klassische Gegenmittel wie Zinssenkungen nicht zur Verfügung stehen würden. (TT)