Letztes Update am Mi, 24.08.2016 12:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


HIntergrund

Branchentreffen der Notenbanken: Ausweg aus der Sackgasse gesucht

Am Donnerstag reist Fed-Chefin Janet Yellen zum legendären Branchentreff der Notenbanken in Jackson Hole. Die Weichen für globale Geldpolitik könnten neu gestellt werden

Fed-Chefin Janet Yellen.

© REUTERS/Mary SchwalmFed-Chefin Janet Yellen.



Von Tobias Schmidt/dpa-AFX

USA, Jackson Hole – Seit der Finanzkrise sind die führenden Notenbanken der Welt im Ausnahmezustand. Mit Negativzinsen und einer beispiellosen Geldflut versuchen sie, die schwächelnde Wirtschaft und Inflation anzukurbeln. Doch die erhoffte Wirkung bleibt aus, und selbst die US-Notenbank Fed schafft den Ausstieg aus dem Krisenmodus kaum.

Am Donnerstag wird Fed-Chefin Janet Yellen zum legendären Währungshüter-Treffen im amerikanischen Jackson Hole reisen. Dort könnten die Weichen für die globale Geldpolitik gestellt werden.

USA könnten Zinsen weiter anheben

Wenn die führenden Notenbanker der Welt ab Donnerstag im malerischen Jackson Hole zusammenkommen, mitten in der Wildnis der Rocky Mountains, dann gibt es einiges zu besprechen. Denn die Währungshüter haben verschiedene Auffassungen über den künftigen Kurs der Geldpolitik. Auf der einen Seite steht die mächtigste Notenbank der Welt. Die US-Zentralbank Fed hat im Dezember als einzige führende Notenbank erstmals seit der Finanzkrise die Zinsen angehoben, ein kleines Stück von der Nulllini; immerhin.

Seither lag die sogenannte Zinswende zwar auf Eis. Aber kurz vor dem Treffen in Jackson Hole lösten Äußerungen von Fed-Vizechef Stanley Fischer Spekulationen auf eine baldige Fortsetzung aus. „Wir haben unsere Ziele fast erreicht“, sagte Fischer. Die amerikanische Wirtschaft werde an Fahrt aufnehmen. Der Weg für Zinsanhebungen wäre damit frei, so das Kalkül vieler Anleger an den Finanzmärkten.

Spekulationen über „Helikoptergeld“

Auf der anderen Seite stehen alle anderen großen Notenbanken. Zinswende der Fed hin oder her: Die Europäische Zentralbank (EZB) und die japanische Notenbank haben ihre Geldpolitik immer weiter gelockert. Sie haben sogar Negativzinsen eingeführt, fluten die Märkte mittels milliardenschweren Anleihekäufen mit Geld und wollen im Zweifel noch nachlegen. Sogar über die Einführung von „Helikoptergeld“ wird spekuliert, also über direkte Geldgeschenke der Notenbanken an Bürger oder den Staat. Seit dem Brexit-Votum ist die Bank of England auf Lockerungskurs, in Australien und Neuseeland sieht es nicht anders aus.

Aus Sicht der Fed ist das ein Problem, denn im Alleingang kommt sie mit ihrer Abkehr vom Krisenmodus nicht voran. In einer globalisierten Welt hängen die Währungshüter voneinander ab. Eine Zinssenkung in der Eurozone beispielsweise schwächt den Euro und stärkt den Dollar. Ein zu starker Dollar aber ist schlecht für die US-Exportindustrie, da amerikanische Produkte auf den Weltmärkten teurer werden. So gilt er als Hindernis für die Fed, die Zinsen anzuheben. Denn dadurch würde sie den Dollar noch weiter stärken.

„Für länger niedrig oder für immer niedrig“

Umso wichtiger sind für die Notenbanker Gelegenheiten zum Austausch wie in Jackson Hole. Möglich ist, dass Fed-Chefin Yellen mit klaren Worten die Notwendigkeit einer baldigen Abkehr von den Niedrigzinsen betonen wird. Aber die meisten Experten rechnen eher damit, dass man dem Trend der lockeren Geldpolitik weiter folgen wird. Die Niedrigzinsen könnten gar auf lange Zeit festgestampft werden, sagt Peter Kinsella, Experte bei der Commerzbank. „Im Wesentlichen fragen sich die Anleger, ob bei den Zinsen „für länger niedrig“ bald „für immer niedrig“ heißt.“

Dabei ist die lockere Geldpolitik bisher alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Denn die Geschäftsbanken geben das viele Geld der Zentralbanken nicht in erhofftem Umfang in Form von Krediten an Unternehmen weiter. Es wird zu viel gespart, zu wenig investiert, die Produktivität, die Inflation und das Wirtschaftswachstum bleiben schwach. „Das Wachstum zieht zwar an, aber nicht so stark wie gewünscht“, räumte etwa EZB-Ratsmitglied Benoit Coeuré kurz vor seiner Abreise nach Jackson Hole ein.

Negativzinsen sind „kontraproduktiv“

Gleichzeitig warnen Experten vor Nebenwirkungen. Übertreibungen an den Finanzmärkten und gefährliche Blasenbildungen seien möglich. Michael Hüther, Ökonom beim Kölner Institut der deutschen Wirtschaft, hält die Negativzinsen der EZB sogar für kontraproduktiv, da sie die Banken belasten. „Dadurch, dass sie das Zinsergebnis der Banken schmälern, bremsen Negativzinsen die Kreditvergabe“, so Hüther.

Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, rechnet damit, dass nach dem Treffen in Jackson Hole Forderungen an die Politik lauter werden dürften. Denn wenn die Geldpolitik mit ihrem Latein am Ende ist, dann könnte der Staat mit Konjunkturprogrammen versuchen, die Wirtschaft anzukurbeln.

Aber selbst das sei keine Lösung, meint Schmieding. Denn dadurch könne man höchsten kurzfristig das Wachstum ankurbeln. Wenn es nach einigen Notenbankern wie EZB-Chef Mario Draghi geht, dann können langfristig ohnehin nur tiefgreifende Reformen die Wirtschaft stützen, etwa am Arbeitsmarkt oder im Rentensystem. Das aber ist der langwierigste, der schwierigste und vor allem der umstrittenste Weg. Und er liegt außerhalb des Gestaltungsspielraums der versammelten Währungshüter in Jackson Hole.