Letztes Update am Mi, 28.12.2016 13:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Landwirtschaft

Preiskämpfe und alte Maschinen: Bauern weltweit haben es schwer

Dürre in Kenia, Billigimporte in Lateinamerika, verseuchte Ackerflächen in China. Landwirte rund um den Globus haben im vergangenen Jahr zahlreichen Problemen getrotzt. Mancherorts könnte es 2017 schlimmer werden - doch es gibt Lichtblicke.

In Kenia sind nahezu drei von vier arbeitenden Menschen im Landwirtschaftssektor tätig und produzieren etwa ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts.

© Hannes SchlosserIn Kenia sind nahezu drei von vier arbeitenden Menschen im Landwirtschaftssektor tätig und produzieren etwa ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts.



Peking, Mexiko-Stadt – Geflügel und Wild, Hülsenfrüchte und Obst. Zwischen den Jahren kommt vielerorts mehr und besseres Essen auf den Tisch als üblich. Doch wie geht es eigentlich denen, die maßgeblich dafür sorgen, dass bei anderen etwas auf dem Teller landet - den Bauern? Eine wirtschaftlich-kulinarische Rundreise um die Welt.

Lateinamerika

Mexikos Kleinbauern treibt die Sorge vor zunehmendem Freihandel um. Angesichts bestehender und geplanter Freihandelsabkommen fürchten sie einen ruinösen Preiskampf bei Agrarprodukten. Bereits mit dem nordamerikanischen Freihandelsabkommen Nafta haben die mexikanischen Kleinproduzenten schlechte Erfahrungen gemacht, jetzt soll auch noch die Transpazifische Partnerschaft (TPP) kommen und die EU will künftig ihre Überproduktion in Lateinamerika losschlagen.

„Die Kleinbauern können mit den subventionierten Importen preislich nicht konkurrieren“, sagt Víctor Suárez, geschäftsführender Direktor des mexikanischen Kleinbauernverbands Anec. „Vom Freihandel profitieren nur die Großbetriebe.“ In Mexiko arbeiten insgesamt 5,5 Millionen Menschen in der Landwirtschaft. Die Branche trägt vier Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Ähnlich sieht es in Kolumbien aus. Hier gibt es sogar immer wieder heftige Proteste gegen Freihandelsabkommen. Die Bauern blockieren Landstraßen und liefern sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Ein Grund: Die EU will beispielsweise Teile ihrer Milchüberproduktion in dem südamerikanischen Land verkaufen. Die Bauern haben Angst, im Preiskampf gegen die billigen Importe nicht mithalten zu können. Nach Angaben des Verbands der Viehzüchter leben in Kolumbien rund 400 000 Familien von der Milchwirtschaft.

In Argentinien ist die Landwirtschaft ein Motor des Exports: Sie lieferte 2015 etwas mehr als die Hälfte des Exporteinkommens. Allein die Ausfuhr von Soja und Soja-Produkten brachte knapp 18 Milliarden Dollar ein. Argentinien gehört zu den größten Soja-Produzenten der Welt, wie die USA und Brasilien. Den Export treiben dort aber nicht kleine Bauern an, sondern Großbesitzer und High-Tech-Unternehmen. Und die Tendenz hält an: Der Anteil der Agrargüter an den Exporten ist auch im ersten Halbjahr 2016 gestiegen.

China

Für Chinas Landwirte stehen in den nächsten Jahren große Reformen an, die auch dringend notwendig sind. Mit weniger als sieben Prozent der weltweiten Anbaufläche muss das Land ein Fünftel der Weltbevölkerung versorgen. Selbst wenn die gesamte Fläche zur Verfügung stünde, wäre das keine leichte Aufgabe. Allerdings: Ein Fünftel der Felder, eine Fläche etwa von der Größe Belgiens, ist laut Regierungsangaben mittlerweile so stark verseucht, dass dort nichts mehr angebaut werden kann. Jahrelanger einseitiger Massenanbau und zu viel Pestizid haben die Ackerflächen ausgelaugt.

Durch Industriemüll und Abgase wurden die Böden zusätzlich mit Schadstoffen wie Kadmium, Nickel und Arsen vergiftet. Um die Qualität seiner Lebensmittel zu erhöhen, will China zunächst die Produktionsweisen ändern. Ein Aktionsplan des Staatsrates soll dafür sorgen, dass China nach dem Vorbild Europas den Schritt zu einer verträglicheren Landwirtschaft schafft.

Bauern sollen über alternative Anbaumethoden aufgeklärt werden, damit Ackerflächen nicht mehr übermäßig belastet werden. Allerdings stellen sich wichtige Interessengruppen gegen die Reformen. Viele Staatsbetriebe fürchten, nicht mehr wettbewerbsfähig zu sein, wenn sie strengere Auflagen erfüllen müssen. Kleinbauern klagen zudem, dass sie nicht genug Geld haben, um ihre veralteten Betriebe zu modernisieren. 

Russland

Den Bauern in Russland geht es vergleichsweise gut. Das Land erwartet für 2016 eine Rekordernte. Im laufenden Jahr könnte das Riesenreich zwischen 114 und 118 Millionen Tonnen Getreide einfahren, schätzt der Getreideverband der Zeitung „Wedomosti“ zufolge - eine Bestmarke seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor 25 Jahren. Das Landwirtschaftsministerium geht davon aus, dass davon 72 Millionen Tonnen Weizen sind. Damit könnte Russland den Rang als weltgrößter Weizenexporteur verteidigen - vor Kanada und den USA.

Als einen Hauptgrund für die gute Ernte nennen Experten das günstige Wetter 2016 in Russland. Die Erntefläche nahm im vergangenen Jahr zudem um 3,4 Prozent auf nun 8,8 Millionen Hektar zu.

Um die Preise stabil zu halten, kauft die russische Regierung Getreide auf. Zuvor hatte der Fachverband über sinkende Preise unter anderem durch Ausfuhrzölle geklagt. Anfang September setzte die Führung in Moskau aber die Abgabe für vorerst zwei Jahre aus.

Der internationale Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen ist in Russland hingegen seit den EU-Sanktionen sowie einem russischen Importverbot für europäische Agrarprodukte im Zuge der Ukrainekrise deutlich eingeschränkt. Die heimischen Landwirte müssen zwar nicht mit Importen konkurrieren, allerdings ist das Sortiment in dem Riesenreich dadurch eingeschränkt. Die dortigen Landwirte haben zudem teilweise mit veraltetem Gerät zu kämpfen.

USA 

In den USA hat die Landwirtschaft einen sehr hohen Stellenwert, doch Bauern leiden in diesem Jahr unter fallenden Rohstoffpreisen. Das ist nach Auskunft des zuständigen Ministeriums Hauptgrund für landesweit sinkende Einnahmen. Die Rentabilität im Agrarbusiness soll im dritten Jahr in Folge sinken. Die Einkommen sollen in diesem Jahr um rund 17 Prozent auf 66,9 Milliarden US-Dollar zurückgehen - verglichen mit dem Vorjahr wäre das der niedrigste Wert seit 2009.

Besonders betroffen sind Erzeuger von tierischen Rohstoffen wie Milch, Fleisch und Eiern: Ihre Einnahmen sollen um rund 23 Milliarden US-Dollar sinken, mehr als 12 Prozent. Dagegen sollen die Einnahmen aus den Ernten im Vergleich zum Vorjahr nahezu unverändert bleiben. Soja bringt etwas mehr Geld ein, die Preise für Futtergetreide wie Mais sind gefallen.

Afrika

In Kenia sind nahezu drei von vier arbeitenden Menschen im Landwirtschaftssektor tätig und produzieren etwa ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Ein Großteil davon sind Kleinbauern, die mit schlechter Infrastruktur, behördlichen Herausforderungen und Folgen des Klimawandels kämpfen.

Seit der Jahrtausendwende haben extreme Wetterverhältnisse in Ostafrika stark zugenommen, zuletzt etwa in Folge des Klimaphänomens El Niño. Regenzeiten - davon gibt es in Kenia zwei pro Jahr - waren unregelmäßig oder fielen schwach aus. Vor allem die lange Regenzeit von März bis Mai ist ausschlaggebend für die landwirtschaftliche Produktion. Die meisten Bauern sind stark vom Wetter abhängig. Mit wenig oder keiner Technologie beim Anbau - wie etwa künstlichen Bewässerungsanlagen - und einem Mangel an beispielsweise dürreresistentem Saatgut, sind sie zumeist den Folgen direkt ausgesetzt.

Nach den schwachen Regenfällen zum Jahresende leiden vor allem im Norden des Landes Weideflächen und Wasserstellen - und damit die Viehhirten. Die Welternährungsorganisation FAO sagt für Anfang 2017 erneut eine Dürre voraus. In anderen Teilen des Landes zerstören hingegen übermäßige Regenfälle mit Überflutungen und Erdrutschen ganze Ernten. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind bereits rund 1,3 Millionen der etwa 46 Millionen Kenianer von einer Lebensmittelknappheit bedroht.

Die Europäische Union unterstützt die kenianische Regierung derzeit mit rund 14 Millionen Euro bei Straßenprojekten in ländlichen Gegenden. Davon sollen Zehntausende Bauern profitieren, die dadurch Zugang zu städtischen Märkten und dem Großhandel bekommen sollen. (dpa)