Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 19.02.2017


Exklusiv

„Kollektivvertrag für Erntehelfer ist Sensation“

Nach zähen Verhandlungen liegt nun ein eigener Kollektivverttrag für Erntehelfer im Gemüse- und Obstbau vor. 1100 Erntehelfer sind in Tirol tätig.

Österreichweit wurde erstmals ein eigener Kollektivvertrag für Feldarbeiter ausgearbeitet, sie arbeiten flexibler für mehr Lohn.

© boehmÖsterreichweit wurde erstmals ein eigener Kollektivvertrag für Feldarbeiter ausgearbeitet, sie arbeiten flexibler für mehr Lohn.



Von Alexandra Plank

Innsbruck – Während die Einheimischen bei zunehmend höheren Temperaturen dem Frühlingsskilauf frönen, starten die Tiroler Gemüsebauern in die Saison. Vergangene Woche wurden Radieschen und Kresse ausgebracht, kommende Woche folgen die ersten Salatpflänzchen, die unter Schutzfleece gedeihen sollen. Auch die Saisonarbeiter sind schon da. Pro Jahr helfen rund 1000 Personen im Gemüsebau in Tirol. „Ohne diese Leute wäre es unmöglich, Gemüse in diesem Umfang anzubauen“, sagt Josef Schirmer, Obmann der Tiroler Gemüsebauern.

Viel war in den vergangenen Jahren über Fälle von Ausbeutung der Ernte­helfer die Rede. Das Engagement der Gewerkschaft, der Landarbeiterkammer, die eigentliche Vertretung der Erntehelfer, aber auch eine Reihe handfester Skandale (siehe rechts) und das Bestreben der bäuerlichen Vertreter, sich von diesen „schwarzen Schafen“ abzugrenzen, haben dazu geführt, dass ab 1. März ein eigener Kollektivvertrag für Arbeitskräfte im Obst- und Gemüseanbau in Kraft tritt. „Nach zähen Verhandlungen mit der Landarbeiterkammer und zwei Erntehelfern ist es gelungen, diesen Kollektivvertrag zu fixieren. Er ist eine Sensation und österreichweit einmalig“, so Schirmer. Bisher wurden diese Feldarbeiter laut dem Kollektivvertrag für Gärtner entlohnt. Schirmer trat dafür ein, den Obstbau von vornherein an Bord zu nehmen, da dort noch großes Wachstumspotenzial möglich sei. TirolObst-Obmann Hermann Kuenz, der 80 Betriebe vertritt, bestätigt diese Einschätzung. „Derzeit ist der Obstanbau vor allem eine Familiensache. Wir beschäftigen rund 100 Erntehelfer.“ Er hoffe, dass nicht nur die bestehenden Betriebe ihre Produktion ausbauen, sondern auch neue dazukommen. „In guten Jahren können wir 30 Prozent des Tiroler Bedarfs an Tafelobst, vor allem Äpfel, decken“, so Kuenz. Da sei noch viel möglich, ein eigener Kollektivvertrag sinnvoll.

Laut Schirmer kommen Verbesserungen für die Helfer: „Wir Bauern lassen uns diesen Vertrag viel kosten. Die Saisonarbeiter bekommen eine Lohnsteigerung von 7,5 Prozent. Andererseits werden deren Arbeitszeiten flexibler.“ Beispielsweise sei jetzt auch wochenweiser Zeitausgleich für vorher geleistete Mehrarbeit möglich. Durch die Aufnahme eines Schichtbetriebs können künftig, erforderliche Kultur- oder Erntearbeiten innerhalb der Normalarbeitszeit durchgeführt werden. So können etwa im Sommer Arbeiten in die kühleren Morgen- oder Abendstunden verlegt werden. Sein Engagement für die Regelung begründet Schirmer auch damit, dass „schwarze Schafe“ der Branche großen Schaden zugefügt hätten. „Wenn es künftig einen Skandal geben sollte, können wir klar sagen, es gibt den Kollektivvertrag, daran müssen sich alle halten. Sanktionen müssen von den Behörden wie Finanz und Krankenkasse kommen.“ Neben der Erhöhung des Stundenlohns gibt es eine Lohntafel, die den Anforderungen der Sparte gerecht wird (etwa für Meister, Facharbeiter, Erntehelfer). Es wurde die Möglichkeit eines Akkordlohns eingeführt – die Entlohnung muss zumindest 10 Prozent über dem Zeitlohn liegen. „Wir hoffen, dass unser Modell Nachahmer findet“, so Schirmer. Das Gros der Bauern sei schon bisher fair zu den Helfern gewesen: „Es gibt Leute, die kommen seit Jahrzehnten. Die Rumänen könnten auch am Bau arbeiten. Sie arbeiten bei uns, weil es ihnen nicht so schlecht geht.“

Skandal?&?Strafe

Steuer. Ein Tiroler Biobauer soll mittels „schwarz" geführter Erntehelfer-Lohnlisten über Jahre die Finanz um mehrere Millionen Euro geprellt haben. Das Verfahren ist anhängig.

Vergleich. Im Mai vergangenen Jahres gab es einen richtungsweisenden Entscheid im Absamer Erntehelferskandal: Man einigte sich auf Vergleichszahlungen in der Höhe von 8750 bzw. 3600 Euro Netto als „freiwillige Abfertigung des Dienstgebers". Der Fall war im Herbst 2014 publik geworden. Laut Gewerkschaft mussten zwei Rumänen sieben Tage in der Woche arbeiten, die wöchentliche Arbeitszeit reichte bis zu 83 Stunden für 660 Euro in bar.

Nachspiel. Wegen Sozialdumpings hat die Gebietskrankenkasse 2014 die Höchststrafe für einen Landwirt beantragt. Zuvor waren rund 50 bei einem Gemüsebauern angestellte ausländische Erntehelfer in Streik getreten. Es folgten Nachzahlungen an die Arbeiter und das dicke Ende seitens der Kasse.