Letztes Update am Di, 11.04.2017 08:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sachbücher

Ist der wachstumsorientierte Kapitalismus am Ende?

Zwei Aufsatzsammlungen beschäftigen sich mit neuen Modellen für Wirtschaft und Gesellschaft und fordern einen Paradigmenwechsel zur Postwachstumsgesellschaft.

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Von Wolfgang Huber-Lang/APA

Wien – Postwachstum, Degrowth, Konvivialismus, Non-Financial Reporting, Gemeinwohlökonomie: Noch sind Begriffe wie diese Exoten im ökonomischen Diskurs, doch bald werden sie notwendiger Weise ebenso Teil der Debatte über die Wirtschaftspolitik der Zukunft sein wie Grundeinkommen und Ökosteuern.

Davon sind jedenfalls die Autoren zweier Aufsatzsammlungen überzeugt, die einen guten Überblick über die Vielfalt kursierender Alternativmodelle zum wachstumsorientierten Kapitalismus bieten.

Doktrinen „radikal verändern“

So divers, teilweise auch kontroversiell die diskutierten Denkansätze auch sind - einig sind die beteiligten Ökonomen und Soziologen, Politologen und Philosophen in zweierlei Hinsicht: Es wird kein Weg daran vorbeiführen, die in der Weltwirtschaft vorherrschenden Doktrinen radikal zu verändern, und es wird ein ganzes Stück Arbeit, dafür Mehrheiten bei Entscheidungsträgern und Stimmbürgern zu gewinnen.

„Ob die nicht geringen Hürden auf dem Weg in eine Postwachstumsgesellschaft demokratisch überwunden werden können, ist unseres Erachtens maßgeblich davon abhängig, dass eine breite Allianz von sehr unterschiedlichen Akteuren dafür entsteht und politisch handlungsfähig wird“, schreiben Frank Adler und Ulrich Schachtschneider, die in „Postwachstumspolitiken“ verschiedene „Wege zur Wachstumsunabhängigen Gesellschaft“ skizzieren lassen.

Es sind vor allem wirtschafts- und demokratiepolitische Fragen, die in dem kürzlich erschienenen Band von 30 Autoren diskutiert werden - von der Initiierung eines gesellschaftlichen Wertewandels bis zu einer „sozialethisch orientierten Wirtschaftsförderung 4.0“, von der künftigen Rolle von Gewerkschaften und Unternehmern bis zum Aufzeigen von Anknüpfungspunkten bei unterschiedlichsten sozialen Bewegungen.

Letzteres ist das Hauptanliegen der im Rahmen eines umfassenden multimedialen Projekts entstandenen Textsammlung „Degrowth in Bewegung(en)“.

Traum für ein „gutes Leben“ selbst in die Hand nehmen

„32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation“ haben Corinna Burkhart, Matthias Schmelzer und Nina Treu vom Leipziger „Konzeptwerk Neue Ökonomie“ hier versammelt. In diesem „Mosaik der Alternativen“ finden sich theoretische wie praktische, akademische wie aktivistische Ansätze in Selbstdarstellungen der jeweiligen Gruppen.

Das Spektrum reicht von großen politischen Playern wie Attac oder der spanischen „15M-Bewegung“ (benannt nach dem 15. Mai 2011, dem Datum der ersten Massenproteste gegen die herrschende politische Klasse) bis zu Öko-Dörfern, Urban Gardening und der auf solidarischen Austausch zielenden Commons-Bewegung. Über 300 „Geschichten des Gelingens“ hat die deutsche Stiftung „FUTURZWEI“ bisher gesammelt - als Mutmacher für alle, die den Traum für ein „gutes Leben“ selbst in die Hand nehmen wollen.

Nüchterne, objektive Analysen leisten beide Aufsatzsammlungen nicht. Sie sind Partei und machen kein Hehl daraus. Aber sie erfüllen ihre selbstgestellte Aufgabe gut: Sie setzen der vermeintlichen Alternativlosigkeit des Neoliberalismus einiges entgegen. So bunt, unübersichtlich und bisweilen verworren bis verschroben das alles auch aussieht - viele interessante Ansätze sind bereits da. Und man sollte sie nicht übersehen.

Buchtipp

Frank Adler und Ulrich Schachtschneider (Hg.): "Postwachstumspolitiken - Wege zur Wachstumsunabhängigen Gesellschaft"
Oekom Verlag, 324 S., 25,70 Euro, ISBN 978-3-86581-823-2;

Corinna Burkhart, Matthias Schmelzer und Nina Treu: "Degrowth in Bewegung(en) - 32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation"
Oekom Verlag, 414 S., ISBN 978-3-86581-853-2)