Letztes Update am Mi, 19.04.2017 13:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


E-Control

Neue Stromnetztarife: Systemumstellung ab 2019

Die Höhe der Netztarife soll künftig von der Leistung abhängig sein. Laut E-Control zahle ein Standardhaushalt künftig gleich viel wie bisher.

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© Keystone(Symbolfoto)



Wien – Die Energieregulierungsbehörde E-Control stellt angesichts der massiven Änderungen in der Stromwelt das System der Stromnetztarife um. Basis wird künftig nicht mehr der Stromverbrauch sein, sondern die aus dem Netz bezogene Leistung. Ein Standardhaushalt werde künftig in etwa gleich viel zahlen wie bisher, so die Vorstände Wolfgang Urbantschitsch und Andreas Eigenbauer.

Wer das Netz mehr benutze, müsse künftig mehr zahlen. In Kraft sein soll das neue System Anfang 2019. Voraussetzung für ein leistungsgemessenes Netzentgelt sind digitale Stromzähler (Smart Meter).

Arbeiterkammer befürchtet höhere Belastungen

Die Netztarife sind ein Teil der Stromrechnung und machen zwischen einem Viertel und einem Drittel der Gesamtrechnung aus, in Wien sind es beispielsweise 27,7 Prozent. Die anderen Komponenten sind der reine Energiepreis - nur hier ist Wettbewerb möglich - sowie Steuern und Abgaben wie beispielsweise die Ökostromabgabe. Für die Netztarife ist die E-Control zuständig, die heute ein Positionspapier zu den neuen Netztarifen vorgelegt hat, das nun mit der Branche und den Sozialpartnern diskutiert wird. Die Arbeiterkammer (AK) befürchtet, dass den Haushalten höhere Stromrechnungen drohen.

AK-Energieexperte Josef Thoman bezeichnete in einer Aussendung das Positionspapier als „fehlgeleitet“. Die privaten Haushalte würden bereits jetzt fast die Hälfte der Netzkosten, obwohl sie nur ein Viertel des Stroms verbrauchten. Bei Umsetzung der E-Control-Vorschläge, die sich „weitgehend an den Wünschen der Strombranche orientieren“, könnte sich diese Schieflage verstärken. „Den Haushalten drohen dann höhere Stromrechnungen“, so Thoman.

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Dass künftig für einzelne Leistungsspitzen bezahlt werden soll, führt nach Ansicht der AK zu Intransparenz und schlechterer Vorhersehbarkeit der Stromkosten. Zudem seien Haushalte mit geringen Einkommen und alten Geräten tendenziell von höheren Kosten bedroht.

für Vielentnehmer rund 10 Prozent höhere Kosten

Es gehe um eine faire Verteilung der Netzkosten von insgesamt unverändert 2 Mrd. Euro, betonten hingegen die E-Control-Vorstände am Mittwoch in einer Pressekonferenz. Jene, die mehr an Leistung beziehen und in kurzer Zeit viel aus dem Stromnetz entnehmen, müssen künftig mehr bezahlen, beispielsweise bei Schnellladestationen für Elektroautos. Lädt man das Elektroauto aber langsam auf, wird man nur geringfügig mehr zahlen.

Für Vielentnehmer könnte es durchschnittlich zu Erhöhungen um rund 10 Prozent kommen. Es werde aber auch Entlastungen geben. Nicht vorgesehen sind zeitvariable Netztarife, also beispielsweise Tarife mit stündlichen Intervallen. Der unterbrechbare Tarif, wie er schon jetzt beispielsweise für Wärmepumpen eingesetzt wird, soll ausgebaut werden.

Bereits per Jahresbeginn eingeführt wurde als Zwischenlösung eine Anhebung der Netzpauschale auf einheitlich 30 Euro netto, die nach Abschluss der Systemumstellung wieder entfallen wird.

Geplant sind mit den neuen Netztarifen auch Vereinfachungen. Sobald die Smart-Meter-Installierung österreichweit abgeschlossen ist, könnte etwa das Messentgelt (maximal 28,8 Euro im Jahr) abgeschafft werden. Das Netzzutrittsentgelt soll durch ein neues Anschlussentgelt ersetzt und im Gegenzug auch das Netzbereitstellungsentgelt abgeschafft werden. Damit soll es künftig nicht mehr zu Nachverrechnungen beim Netzbereitstellungsentgelt kommen.

Sozialnetzentgelte festlegen

Für einkommensschwache Haushalte liege es beim Gesetzgeber, eigene Sozial-Netzentgelte festzulegen. Einkommensschwachen Haushalten könne über das Sozialsystem geholfen werden, wobei die Finanzierung gesetzlich verankert werden könnte. Eigenbauer sieht hier die Politik gefordert. Die soziale Ausgewogenheit sei beim Vorschlag der Neugestaltung der Netzentgeltstruktur berücksichtigt worden.

Teil des Gesamtpakets seien auch aktive Endkunden. Auch Haushalte sollen künftig wie bereits jetzt Großkunden von der Digitalisierung profitieren können. So könnten sie laut E-Control beispielsweise in Zeiten, in denen wenig Strom vorhanden ist, ihren Verbrauch teilweise zentral steuern lassen und Teile des Vorteils von dadurch erzielten geringeren Gesamtkosten erhalten.

Sollte jemand den Smart-Meter im Rahmen der gesetzlich vorgesehen Opt-Out-Möglichkeit (für den Strombezug, nicht aber Einspeisungen) ablehnen, könne er auch nicht von den leistungsbezogenen Netztarifen profitieren. Die Netztarife sollen dann statistisch ermittelt werden. Durch die digitalen Stromzähler würden die Netzbetreiber genauere Daten, aber nicht kundenbezogen, über die Beanspruchung des Netzes gewonnen werden können.

Notwendig sei die Umstellung des rund zwanzig Jahre alten Systems wegen der massiven Änderungen in der neuen Stromwelt wie beispielsweise dezentrale Erzeugung und Digitalisierung. Der Netzbetreiber müsse vorhalten, dass jederzeit - Tag und Nacht - Strom entnommen werden kann, wodurch er auch Vorhaltekosten habe. Ziel sei es, die vorgehaltene Leistung stärker zu bepreisen, das sei verursachergerecht, so Urbantschitsch. (APA)