Letztes Update am Do, 08.06.2017 10:23

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Privatkonkurs Neu

KSV: „Viele Zahlungsunfähige in Tirol warten auf billige Entschuldung“

Die Insolvenzzahlen bei Privatpersonen sind in Tirol im 1. Halbjahr 2017 mit einem Minus von 49,2 Prozent komplett eingebrochen. Die Unternehmenspleiten reduzierten sich um 8,2 Prozent.

Tirol-Chef des KSV 1870  Klaus Schaller

© Thomas Böhm / TTTirol-Chef des KSV 1870 Klaus Schaller



Innsbruck – In Tirol gab es im ersten Halbjahr 2017 gerade einmal 154 Schuldenregulierungsverfahren. Über das gesamt Bundesgebiet kam es zu einem Rückgang bei den Privatinsolvenzen um 30,7 Prozent. Diese Reduktion sei aber nicht darauf zurückzuführen, dass es in Tirol kaum mehr überschuldete Haushalte gibt, kritisiert der Kreditschutzverband von 1870 (KSV). Vielmehr würde eine Vielzahl von zahlungsunfähigen Personen derzeit mit der Stellung eines Insolvenzantrages zuwarten, um bei Inkrafttreten der angekündigten Gesetzesnovelle in den Genuss einer „billigen“ Entschuldung zu kommen.

KSV: Zuwarten gesetzwidrig

Im Privatbereich werden nahezu alle Insolvenzverfahren auf Initiative der Schuldner hin eröffnet. Sie versuchen im Rahmen eines Schuldenregulierungsverfahrens ihre finanzielle Situation in den Griff zu bekommen. „Die Hoffnung, dass sie in naher Zukunft ihren Schuldenrucksack binnen drei Jahren und ohne große Anstrengung loswerden können, lässt viele Schuldner entgegen bestehender gesetzlicher Verpflichtungen mit der Stellung eines Insolvenzantrages zuwarten“, schreibt der KSV in einer Aussendung am Mittwoch.

Es bliebe aber abzuwarten wie die Gerichte in Zukunft dieses gesetzwidrige Zuwarten werten würden. Aus Gläubigersicht würden redliche Schuldner, die sich um eine Minimierung des von ihnen verursachten Schadens bemühen, wahrlich anders aussehen, so der KSV.

Dazu meint Klaus Schaller, KSV1870-Niederlassungsleiter in Tirol: „Heute haben wir ein sehr gut funktionierendes Privatinsolvenzrecht, welches die Interessen der Schuldner und der Gläubiger jeweils mit Augenmaß berücksichtigt.“ Die Novellierung des Insolvenzrechts die seit Jänner 2017 im Raum steht, komme Konsumschuldnern auf Kosten der Allgemeinheit sehr entgegen und das sei aus gesellschaftspolitischer Sicht mehr als bedenklich.

Ausblick für das Gesamtjahr 2017

Der KSV1870 erwartet, dass ab der Jahresmitte 2017 – unabhängig davon ob die geplante Gesetzesnovelle in Kraft tritt oder nicht – eine Flut an Insolvenzeröffnungsanträgen eingebracht wird. In Tirol hätten die Interessensvertreter der Schuldner bewusst eine Vielzahl von Insolvenzanträgen in den ersten sechs Monaten des Jahres 2017 zurückgehalten. Diese Strategie sei aber mit einem Ablaufdatum versehen und folglich erwarten die Gläubigerschützer ab dem Spätsommer einen regelrechten Ansturm auf die Gerichte.

„Über den Jahresverlauf 2017 gehe ich davon aus, dass in Tirol letztlich aber doch ein recht deutlicher Rückgang bei den Privatinsolvenzzahlen stehen bleiben wird“, so Schaller. Dies deshalb, da angenommen werden könne, dass die Gerichte recht bald ihre Kapazitätsgrenzen erreichen würden.

Firmeninsolvenzen in Tirol leicht über Österreich-Schnitt

Im 1. Halbjahr 2017 gingen die Firmeninsolvenzen in Tirol um 8,4 Prozent zurück, wobei insgesamt 141 Insolvenzen von Unternehmen registriert wurden. Im ersten Quartal 2017 fiel der Rückgang doch deutlich (es waren 14,9 Prozent) aus, wobei bis zum Ende des ersten Halbjahrs 2017 dieser Trend eine Abschwächung erfuhr.

Es kam im Jahr 2015 zu einem historisch niedrigen Stand bei den Unternehmenspleiten in Tirol. Diese Talsohle ist zwischenzeitlich durchschritten. Im 1. Halbjahr 2016 lagen die Insolvenzzahlen etwa 20 Prozent über dem Rekordniedrigstand von 2015. „Es verwundert aufgrund der statistischen Gegebenheiten nicht, dass es im Jahr 2017 wieder zu einem Rückgang der Insolvenzen – im Vergleich zum Vorjahr - kommt“, so der KSV in seiner Aussendung. Betrachte man das Insolvenzniveau über einen Zeitraum von fünf Jahren, seien die Pleitezahlen in unserem Bundesland immer noch sehr niedrig.

Großpleiten blieben 2017 - wie bereits in den letzten Jahren - in Tirol aus. „Diese positive Entwicklung stützt den Tiroler Arbeitsmarkt entsprechend. In den ersten sechs Monaten 2017 fiel die von Pleiten betroffene Dienstnehmeranzahl mit 234 erfreulich niedrig aus“, schreibt der KSV.

Ausblick für 2017

Der KSV1870 geht davon aus, dass es in Tirol über den Jahresverlauf 2017 ähnliche Insolvenzzahlen wie im Vorjahr geben wird. Die wirtschaftliche Entwicklung sei in Tirol sehr stabil, ein „Besser“ gehe natürlich immer. Wünschenswert wäre für den KSV eine nachhaltige Unterstützung der Unternehmen bei anstehenden Innovationen. Nur wer in die Zukunft proaktiv investiere, würde langfristig Erfolg am Markt haben können. Hier gelte es die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Erfreulich sei auch, dass im 1. Halbjahr 2017 die Zahl der nicht eröffneten Insolvenzverfahren im Vergleich zu 2016 um über 17 Prozent zurückgedrängt werden konnte. (TT.com, hu)