Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 25.11.2017


TT-Interview

„Regulierung in Österreich ist grotesk“

Christoph Boschan, Chef der Wiener Börse, spricht im TT-Interview über die positiven Effekte des Brexit, das Fehlen von heimischen KMU an der Börse und warum Aktien immer noch eine elitäre Anlageform sind.

Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse

© APAChristoph Boschan, CEO der Wiener Börse



Die Wiener Börse war heuer klar im Aufwind, plus 26,6 Prozent in den ersten drei Quartalen. Bildet sich darin ausschließlich der Aufschwung in der heimischen Wirtschaft ab oder steckt mehr dahinter?

Christoph Boschan: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen den Börsen-Indizes und dem Wachstum. Aber auch das Osteuropa-Geschäft, bei dem die österreichischen Unternehmen sehr exponiert sind, trägt zur Performance bei. Dort ist das Wachstum teilweise doppelt so hoch wie in Österreich. Die weltwirtschaftliche Lage ist natürlich auch einigermaßen stabil. Die großen Kapitalmärkte entwickeln sich und natürlich kriegen die kleineren Märkte, wenn die großen schon entwickelt sind, auch mehr Aufmerksamkeit. Dazu kommt, dass Österreich einen Aufhol­effekt gehabt hat. Der ATX hinkte ja doch etwas hinterher. Die Orders kommen vor allem von internationalen Anlegern.

Die Privatanleger in Österreich haben aber relativ wenig vom Anstieg des ATX, weil sie im Vergleich mit anderen Ländern kaum auf Aktien setzen. Sind Aktien eine elitäre Anlageform?

Boschan: Ja, leider. Es wird damit auch zu einer Verteilungs- und Gerechtigkeitsfrage. Wir haben tatsächlich die Lage, dass so gut wie alle Menschen am oberen Ende der Vermögensverteilung Aktien haben und von den fantastischen Renditen des ATX von durchschnittlich sieben Prozent profitieren können. Ich würde jetzt keine öffentlich zugängliche Anlageform sehen, die größere Renditen abwirft. Man muss das natürlich durchhalten können, die Risiken tragen können, die zwischendurch auftauchen. Daneben gibt es jene, die diese Freiheit zu investieren nicht haben, weil ihnen etwa der Bildungszugang zu den Finanzmärkten oder der wirtschaftliche Bewegungsspielraum fehlt, um zu investieren. Da muss man auch gesamtgesellschaftlich nachdenken, wie man das ändert.

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Wie kann man das ändern?

Boschan: Man muss überlegen, wie man die Kleinsparer auch dazu bringt, in Aktien zu investieren, und das ist eine staatliche Aufgabe. Indem man ihnen etwa eine steuerliche Privilegierung einräumt, sie von der Kapitalertragsteuer befreit. Der Kleinsparer hat nämlich noch ein anderes Problem. Der geht arbeiten, versteuert sein Einkommen und investiert damit bereits versteuertes Einkommen. Und der empfindet das zu Recht als Doppelbesteuerung. Es wäre nur gerecht, hier Freiräume zu schaffen, damit auch der breiten Bevölkerung die Renditen am Kapitalmarkt zugutekommen. Dazu muss man aber auch bei der Finanzbildung ansetzen. Ich selbst mache 300 Veranstaltungen dazu im Jahr. Wir würden uns aber wünschen, dass das in die Tiefe greift, eine staatliche Förderung erhält. Schlicht indem man Finanzthemen zum verpflichtenden Teil der Lehrpläne macht. Das führt dazu, dass man um die Chancen am Kapitalmarkt weiß. Zudem ist Bildung der beste Anlegerschutz. Dann können die Anleger der Finanzwirtschaft auf Augenhöhe entgegentreten.

Ist mangelnde Finanz­bildung ein rein öster­reichisches Phänomen?

Boschan: Nein, das ist ein euro­päisches Problem. Im angloamerikanischen Raum sind die Aktienquoten gigantisch höher. Es gibt in Europa gewisse Ressentiments. Fakt ist aber auch, Länder mit starken Kapitalmärkten sind die sich schneller entwickelnden Volkswirtschaften, sie erholen sich schneller von Krisen, haben das nachhaltigere Wachstum. Das ist etwas, das aus zentraleuropäischer Sicht oft übersehen wird. Wir waren hier immer noch im Krisenmodus, während Amerika durchgestartet ist.

Nicht nur Kleinanleger, auch die kleinen öster­reichischen Unternehmen fehlen am heimischen Kapitalmarkt. Ist das etwas, das Sie stört?

Boschan: Unbedingt. Da gibt es ein großes Hindernis wegzuräumen. Wir haben die große Bitte an die Politik, die regulatorische Wiedereröffnung des dritten Marktes zu ermöglichen. Wir von der Börse haben den großen Nachweis erbracht, dass der österreichische KMU-Markt, der dritte Markt, funktioniert und haben etliche Unternehmen gebracht. Nur leider keine Österreicher. Die österreichische Regulierung ist grotesk. Ausländische Unternehmen dürfen, nur die Österreicher dürfen nicht. Dabei haben wir konkrete Anfragen von Unternehmen, die morgen in diesen Markt gehen würden. Die Politik muss an das Thema ran.

Die österreichische Politik hat sich in der Vergangenheit aber eher mit restriktiven Gesetzen zum Kapitalmarkt hervorgetan. Etwa bei der Kapitalertragsteuer und als Vorreiter bei der Finanztransaktionssteuer.

Boschan: Beides sind falsche Signale. Die Kapitalertragsteuer, weil der Staat damit deutlich zum Ausdruck gebracht hat, was er privilegieren und was er sanktionieren will. Eine Finanztransaktionssteuer wäre eine absolute Abnabelung des österreichischen Kapitalmarktes von der internationalen Finanzwelt. Ein mittelgroßer Markt wie Österreich ist strukturell fundamental darauf angewiesen, in die internationalen Finanzströme eingebunden zu sein, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Finanztransaktionssteuer wäre ein großer Sargnagel für den österreich- ischen Kapitalmarkt. Ganz besonders im Hinblick auf den Brexit. Denn unsere großen Wettbewerber sind die Handelsplätze in London. Einem amerikanischen Investor ist es völlig wurscht, wo er seine Aktien handelt. Der möchte dort handeln, wo er die für sich günstigste regulatorische Umgebung findet, wo er den besten Preis bekommt. In Österreich wird er den dann nicht mehr finden. Eine Order- ausführung bei uns kostet zwischen einem und vier Euro für einen 10.000-Euro-Betrag. Die Finanztransaktionssteuer, so wie sie im Gespräch ist, erhöht das um zehn Basispunkte, also um zehn weitere Euro. Man sagt ja oft: So eine minimale Steuer, die merkt ja keiner. Wenn der Anleger aber in London zehn Euro Steuerlast pro 10.000 Euro sparen kann, dann wird man sehen, was passiert. Dann knallen die Sektkorken in London. Ich glaube, das haben aber auch die Politiker erkannt. Das ist einer der wenigen positiven Effekte des Brexit.

Das Gespräch führte Stefan Eckerieder

Bawag-Börsengang in Top 10 weltweit

Die Wiener Börse befindet sich heuer im Aufwind: Das Aktienhandelsvolumen hat in den ersten drei Quartalen zum Vorjahr um 18,8 Prozent auf 49,95 Mrd. Euro (Doppelzählung) zugelegt, der Leitindex ATX ist bis Ende September um 26,6 Prozent gestiegen (bis November mehr als + 30 Prozent). Die Marktkapitalisierung der heimischen Börse-Unternehmen war mit 120,6 Mrd. Euro um 40 Prozent höher als vor einem Jahr. „Der ATX hatte einen Aufholeffekt", sagt Börse-Chef Christoph Boschan im TT-Gespräch. Das Ranking der umsatzstärksten Aktien im dritten Quartal 2017 führt die Erste Group mit einem Geldumsatz von 2,39 Mrd. Euro an, vor der OMV mit 1,85 Mrd. Euro und der voestalpine mit 1,54 Mrd. Euro.

Ein Coup ist der Wiener Börse mit dem Börsengang (IPO) der ehemaligen Gewerkschaftsbank Bawag gelungen. Mit einem Emissionsvolumen von rund 1,93 Mrd. war die Bawag der größte Börsengang in der Geschichte der Wiener Börse. Dieser hat laut Boschan eine Strahlkraft, die über Österreich hinausgeht. „Das war heuer der drittgrößte Börsengang in Europa, Top 10 auf der Welt. Der größte Bank-IPO seit dem Jahr 2000 im deutschsprachigen Raum", sagt der 39-jährige Berliner, der seit September des vergangenen Jahres die Wiener Börse leitet. Boschan hofft, dass vom Bawag-Börsengang auch eine Sogwirkung auf andere Börsengänge ausgeht. „Die Emissionspipe füllt sich einigermaßen", so Boschan.

Nach einem Dornröschenschlaf in den vergangenen Jahren will Boschan den Handelsplatz Wien wieder zum Leben erwecken. Binnen vier Jahren sollen die Umsätze der Börse um 30 Prozent steigen. Das soll vor allem mit österreichischen Investoren umgesetzt werden, die bislang ihr Anlagekapital zu weiten Teilen ins Ausland tragen. Im Sommer erfolgte deshalb der Marktstart im Segment „Global Markets", unter anderem mit den US-Indizes Dow Jones und Nasdaq. Im Oktober startete zudem der Handel mit ETFs (börsennotierte Fonds, die nicht aktiv von Fondsmanagern betreut werden und deshalb Gebühren sparen). Diese richten sich vor allem an junge, preissensitive und „selbstbestimmte" Anlegerschichten.

Zu Börsenschluss am Freitag notierte der ATX bei 3328,48 Punkten, ein Plus von 0,67 Prozent.