Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 30.03.2018


200. Geburtstag

Zwei Jahrhunderte: Protestaktion zum Raiffeisen-Geburtstag

Heute wäre „Genossenschafts-Vater“ Friedrich Wilhelm Raiffeisen 200 Jahre alt geworden. Aktuell sehen sich „Milchrebellen“ vom Raiffeisenkonzern diskriminiert.

© ÖRVFriedrich Wilhelm Raiffeisen: Helfer zur Selbsthilfe.



Wien – Friedrich Wilhelm Raiffeisen gilt einer der Gründerväter des Genossenschaftswesens. Der am 30. März 1818 im deutschen Hamm an der Sieg geborene Bauernsohn war später Bürgermeister im deutschen Weyerbusch. Um Armut und Hunger in seiner Gemeinde zu bekämpfen, gründete er verschiedene Vereine und entwickelte nach dem Grundsatz der gemeinschaftlichen Selbsthilfe das Genossenschaftsmodell, bei dem Spareinlagen Reicherer in Form von günstigen Krediten an Ärmere weitergegeben wurden. Erweitert wurde später das Modell durch gemeinsamen Einkauf, Lagerungen und Verkauf von Produkten durch die Genossenschaftsmitglieder.

Gestern warfen „Milchrebellen“ der IG-Milch dem Raiffeisenkonzern vor, sich längst vom Grundgedanken seines Gründers entfernt zu haben. So würden Vertreter des Bauernbundes „von der Bezirksebene aufwärts quasi alle gleichzeitig auch Raiffeisenfunktionen innehaben“. Dies schalte die „demokratische Gewaltenteilung“ aus, kritisiert IG-Milch-Obmann Ewald Grünzweil. Die „Macht in der Agrarpolitik“ sei „in einer Hand, in der Hand des ‚Oligarchen Raiffeisen‘“.

Er ortet vor allem bei Molkereien eine massive Diskriminierung. Konkret wirft die IG-Milch den Molkereien vor, dass sie jenen Milchrebellen, die aufgrund von Absatzproblemen reumütig wieder zu den großen Milchgenossenschaften zurückgekehrt sind, noch immer weniger auszahlen als anderen Landwirten. Die IG-Milch sieht nun Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) gefordert, hier einzuschreiten.

„Die vor etwa einem Jahr von großen Molkereien – erst nach massivem öffentlichen Druck – zurückübernommenen Milchrebellen müssen noch immer Strafgebühren – so genannte Schüttgebühren – zahlen, die ihnen automatisch vom Milchgeld abgezogen werden, oder manche von ihnen, die Bio-Milch liefern, erhalten keinen Bio-Milchaufschlag auf den konventionellen Grundpreis“, so Grünzweil.

Er sieht Köstinger nicht nur als Landwirtschafts-, sondern auch als Tourismusministerin gefordert. „Gerade jene landwirtschaftlichen Betriebe, die Grünland bewirtschaften und Milch liefern, sind die Erhalter der touristischen Kulturlandschaft und Garanten für die Deviseneinnahmen im österreichischen Tourismus“, so Grünzweil. (TT, APA)