Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.05.2018


Exklusiv

Leitls Abschied als Aufstieg in die Europapolitik

Die letzte Auslandsreise des Wirtschaftskammer-Präsidenten führte ihn zur Kreativwirtschaft. Der baldige Abschied Leitls war omnipräsent.

© Die Wirtschaft als Impulsgeber für ein starkes Europa: Das ist Christoph Leitls Botschaft, die er als Eurochambres-Präsident verbreiten will.



Von Cornelia Ritzer

Barcelona, Mailand – Am 18. Mai wird Wirtschaftsbund-Chef Harald Mahrer zum Präsidenten der Wirtschaftskammer gewählt. Dass der Generationenwechsel bevorsteht, war auf der letzten Auslandsreise von Kammer-Präsident Christoph Leitl (zu der die TT eingeladen wurde) präsent. Der Besuch bei Kreativen und Designern sei „die Schlagsahne auf dem Kaffee“, schwärmte der langgediente Interessenvertreter. Jeweils ein Abkommen unterschrieb Leitl in Italien und Spanien, heimische Firmen sollen somit leichter Partner im Ausland finden. Doch das trat im Moment der Vertragsunterzeichnung mit seinem katalonischen Gegenüber Miquel Valls in den Hintergrund. „Das ist nun die letzte Unterschrift“, hörte man den 69-Jährigen sagen. Für den Oberösterreicher ein emotionaler Moment.

Seit 2000 ist Leitl Chef der Wirtschaftskammer. In einer Kampfabstimmung schaffte es der ÖVP-Politiker vor 18 Jahren in der Kammer ganz nach oben. Heute beschwört er in Reden – egal ob vor Berufskollegen oder einem Empfang für Designer und Kreative – die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit. Quer durch Europa, über verschiedene Systeme hinweg, von Teams mit unterschiedlichen Wurzeln. Denn diese öffne eine „Tür in eine neue Welt des Erfolgs“. Bekannt ist Leitls Affinität zu auflockernden Witzen, diese seien „gut für die Kreativität“, scherzte er in Mailand während einer Podiumsdiskussion. Sätze wie diese heben die Stimmung. Und retten sie in Situationen, in denen es kein­e einfache Antwort gibt. Ob die Separatisten-Bewegung in Katalonien, der wirtschaftsstärksten spanischen Region, Auswirkungen auf die Außenbeziehungen habe, wird Joan Romero, CEO der Regierungsagentur „Invest in Catalonia“, gefragt. Immerhin ist Katalonien für österreichische Exporteure ein wichtiger Markt und soll dank des neuen Abkommens noch bedeutender werden. Romer­o trägt eine gelbe Schleife am Revers, das Zeichen für Solidarität mit den Unabhängigkeitsbestrebungen. Antworten mag er nicht, er sei ja kein Politiker. Da springt Leitl mit einem launigen Spruch ein. Und schildert seine Vision: „Regionen und die Europäische Union werden wichtiger werden, die nationalen Ebenen werden schwächer.“ Das ist die Botschaft, die Leitl trotz (oder wegen) seines baldigen Abschieds als Kammerpräsident wichtig ist. Europa müsse sich auf seine Stärken besinnen, sich besser vernetzen, um global wettbewerbsfähiger zu sein. Dazu müssen die Jungen und ihre Talente gefördert werden, die 19-Jährigen in Zukunft Matura und eine Lehre und somit mehr berufliche Möglichkeiten haben, damit in einem eigenständigen Europa die Lebensstandards erhalten und der Wohlstand an die nächste Generation weitergegeben werden kann. Dazu brauche es „freien Handel auf der ganzen Welt“, ohne Zölle, ohne technische Hürden.

Nach dem 18. Mai wird Leitl weiterhin ein Büro in der Wirtschaftskammer haben, wenn auch ein „kleines, funktionales“ abseits des Hauptgebäudes. Ruhestand gibt es nicht, als Präsident der Europäischen Wirtschaftskammern (Eurochambres) wird er im Geschäft bleiben. Mit einer Einschränkung: „Ich werde Österreich nicht mehr parteipolitisch, sondern europa­politisch bedienen.“


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