Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 18.06.2018


Exklusiv

Familien zahlen sich Bonus teils selbst

Familien finanzieren sich den Familienbonus bis zu einem Drittel selbst, geht aus Studien von GAW und Wifo hervor. Reform entlastet Familien, der Bonus ist aber ungleich verteilt und verringert das Armutsrisiko kaum.

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Von Max Strozzi

Innsbruck – Bis zu 1500 Euro Familienbonus pro Kind und Jahr bzw. maximal 250 Euro Kindermehrbetrag für geringverdienende Alleinerzieher und Alleinverdienende. Das ist der Kern der Reform, die 2019 greifen soll. Im Gegenzug sind aber Kinderbetreuungskosten nicht mehr von der Steuer absetzbar, auch der Kinderfreibetrag wird gestrichen. Damit reduziert sich unterm Strich der tatsächliche Mehrwert des Familienbonus. „Die Empfänger des Familienbonus sind die Gleichen, die ihn zum Teil finanzieren“, sagt Stefan Haigner von der Innsbrucker Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung (GAW): „Die tatsächliche Entlastungswirkung des Familienbonus reduziert sich durch diese Gegenfinanzierung für Familien um 20 Prozent.“

Eine Familie mit einem jährlichen Bruttoeinkommen zwischen 32.000 und 38.000 Euro würde vom Familienbonus demnach eigentlich mit 1422 Euro pro Kind profitieren. Weil sie aber die Kinderbetreuungskosten dann nicht mehr steuerlich absetzen kann und auch der Kinderfreibetrag reduziert wird, verringert sich der Effekt des Familienbonus laut GAW unterm Strich um 205 Euro auf 1217 Euro im Jahr. Untersucht hat die GAW die Nettoentlastung in sämtlichen Einkommensgruppen (Dezile). Fazit: „Die Gegenfinanzierung verändert die Entlastungswirkungen signifikant und sollte daher nicht nur in einem Nebensatz, sondern zentral erwähnt werden“, meint Haigner. Das Kommunizieren von 1500 Euro Entlastung pro Kind sei daher ein „Verkaufstrick“, zumal die tatsächliche Entlastung deutlich niedriger sei. Außerdem werde die Gesamtentlastung durch die kalte Progression aufgezehrt. „Die Netto-Entlastungswirkung des Familienbonus wird 2019 österreichweit in etwa gleich hoch sein wie die Belastung durch die kalte Progression, weil sich die Regierung wieder nicht dazu durchringen konnte, die Steuerprogressionsstufen jährlich mit der Inflationsrate zu erhöhen.“

Auch das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo hat die Wirkung der Reform – also Familienbonus bzw. Kindermehrbetrag für geringverdienende Alleinerzieher und Alleinverdienende bei gleichzeitigem Aus für Kinderfreibetag und steuerliche Absetzung von Kinderbetreuungskosten – auf das Haushaltseinkommen erhoben und in seinem jüngsten Monatsbericht veröffentlicht.

Ein Fazit: Der Staat erspart sich durch den Wegfall von Kinderfreibetrag und der Absetzbarkeit der Kinderbetreuungskosten rund 500 Mio. Euro im Jahr. Gleichzeitig kostet ihn der Familienbonus jährlich 1,6 Mrd. Euro. Unterm Strich also finanzieren sich die Familien in Österreich ihren Familienbonus zu rund einem Drittel selbst.

Durchschnittlich betrage zwar die steuerliche Entlastung der betroffenen Haushalte durch die Reform in absoluten Zahlen im Schnitt 1416 Euro im Jahr. Die Entlastung ist jedoch ungleich verteilt. Am stärksten profitieren Haushalte in der Mitte der Einkommensverteilung. Zudem sei die Entlastung neben dem Einkommen auch maßgeblich von der Anzahl und dem Alter der Kinder im Haushalt abhängig: So profitieren Paare mit zwei und mehr Kindern durchschnittlich am meisten. Ihnen bleiben unterm Strich 848 Euro im Jahr mehr an verfügbarem Einkommen. Singles mit einem Kind haben durch die Reform im Schnitt jährlich 403 Euro mehr an verfügbarem Einkommen.

Insgesamt, so das Wifo, dürfte die Reform dem Ziel, vor allem berufstätige bzw. Einkommenssteuer zahlende Familien zu entlasten, entsprechen. „Bedürftige Familien mit niedrigem Einkommen werden von der Reform schlecht erfasst, bilden aber auch nicht die Zielgruppe der Maßnahme“, so das Wifo. Ein Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen oder die Erhöhung der Familienbeihilfe würde diesen Familien mehr nützen. Weiteres Fazit des Wifo: „In Anbetracht des Reformvolumens (von 1,6 Mrd. Euro, Anm.) sind die Effekte auf die Einkommens­ungleichheit und die Armut der Familien relativ gering.“ Gewinner der Reform seien besonders Paare mit zwei und mehr Kindern sowie Alleinverdienende. „Letzteres ist aus der Perspektive einer Förderung der Geschlechtergerechtigkeit durch Anreize zur Aufnahme oder Ausweitung der Erwerbstätigkeit von Frauen kritisch zu sehen“, meint das Wifo.