Letztes Update am Fr, 29.06.2018 09:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Österreich

Tausende Hoteliers werden zu Pauschalreiseanbietern

Wer zum Zimmer Nebenleistungen vorab mitverkauft, die über 25 Prozent des gesamten Buchungspreises ausmachen, braucht eine Insolvenzversicherung. Das neue Gesetz tritt demnächst in Kraft.

© KeystoneSymbolfoto



Wien – Eine neue EU-Richtlinie, die den Konsumentenschutz stärken soll, macht demnächst mindestens 3000 österreichische Hoteliers und Zimmervermieter zu Pauschalreiseanbietern. Diese müssen sich dann auch gegen eine mögliche Insolvenz absichern. Im Pleitefall erhalten die Urlauber ihre Anzahlung zurück. Die betroffenen Quartiergeber warten großteils noch zu. Das Gesetz tritt bald in Kraft.

„Die Gesetzeslage ist ein völliger Schwachsinn, aber wir müssen damit leben“, kommentierte der Chef der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank (ÖHT), Wolfgang Kleemann, Donnerstagabend vor Journalisten in Wien die EU-Pauschalreiserichtlinie, die zum Jahreswechsel in nationales Recht umgesetzt wurde. Er habe in den vergangenen 35 Jahren „keinen Fall erlebt, wo eine Pauschalreiseversicherung schlagend geworden wäre - die Zahl der Hotelinsolvenzen kannst du an einer Hand abzählen“, meinte er. Österreichweit gibt es laut Wirtschaftskammer insgesamt rund 64.000 Beherbergungsbetriebe.

Wer zusätzlich zum Zimmer Nebenleistungen wie Lift- oder Theaterkarten, Bootsfahrten oder Beförderungsleistungen vorab mitverkauft, die über 25 Prozent des Buchungspreises ausmachen und für die eine Anzahlung geleistet wird, muss künftig eine Insolvenzversicherung vorweisen. Das gilt für Privatzimmervermieter, Urlaub-am-Bauernhof-Anbieter sowie Hotels sämtlicher Größen und Sterne-Kategorien gleichermaßen. Die Alternative wäre eine Bankgarantie durch ein Kreditinstitut. Doch dafür ist die – für ihr geringes Eigenkapital bekannte –Branche nicht liquide genug.

Geschäft für Versicherungen

Für die Versicherungen ist die geschaffene Rechtslage jedenfalls ein gutes Geschäft. „Die neue Vorschrift hebt den gesamten Versicherungsaufwand eines Hoteliers um mehr als 20 Prozent“, schätzt der ÖHT- Geschäftsführer. Auslöser für den verstärkten Konsumentenschutz seien „die Airlines“ gewesen. Im Fall einer Pleite erhalten die Urlauber von den Hotels künftig die Anzahlung zurück.

In Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskammer und dem zuständigen Ministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus hat sich die ÖHT in den vergangenen zwölf Monaten um eine Versicherungslösung für die heimischen Beherbergungsbetriebe bemüht. Das Ergebnis ist ein Modell mit „überschaubaren Kosten und minimalem Verwaltungsaufwand“. Nach internationaler Ausschreibung fiel ihre Wahl auf die deutsche Assekuranz HDI Global SE mit Sitz in Hannover. Dort müssten die Zimmervermieter lediglich einmal pro Jahr ihren Gesamtumsatz angeben, um ausreichend versichert zu sein. Die entsprechende Website heißt www.tourismusversicherung.at .

Die Einstiegsprämie für eine kleine Privatpension liegt den Angaben zufolge bei 380 Euro jährlich. Bei 1 Mio. Euro Umsatz koste die Jahresprämie etwa 1500 Euro, bei 3 bis 5 Mio. Euro etwa 3000 bis 5000 Euro und bei 7 bis 8 Mio. Euro rund 7000 Euro. Versicherte Betriebe erhalten ein HDI-Gütesiegel, das sie auf ihrer Homepage verwenden können.

Bei Anzeige droht Entzug der Konzession

Wenn die Hotels, Pensionen und Ferienzimmervermieter einfach so weitermachten wie bisher, „passiert in Wirklichkeit gar nichts, weil es ein Gesetz ohne Sanktionen ist“, so ein Versicherungsexperte. Erstattet jedoch jemand Anzeige bei der Gewerbebehörde, droht der Entzug der Konzession. Es sei eher die Gefahr, dass einer privat klagt, weil er sich einen wirtschaftlichen Vorteil oder einen Wettbewerbsvorteil erhofft, verlautet aus der Branche.

Eigentlich sollte das Pauschalreisegesetz ab 1. Juli gelten, der Begutachtungsentwurf geht aber erst am 6. Juli ins Parlament. Die Tourismusbetriebe haben also voraussichtlich noch bis September Zeit, sich auf die neuen Vorschriften einzustellen, wie es vonseiten der ÖHT hieß. (APA)


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Wirtschaftskammer Tirol
Wirtschaftskammer Tirol

Lobeshymnen und Auszeichnungen zum Abschied Bodenseers

Jürgen Bodenseer wurde mit allen Ehren als Tiroler Wirtschaftskammerpräsident verabschiedet. Christoph Walser tritt die Nachfolge mit „viel Elan“ an.

KV-Verhandlungen
KV-Verhandlungen

Metaller-Protestaktionen finden in Tirol wie geplant statt

Am Donnerstag werden die Kollektivvertragsverhandlungen der Metaller fortgesetzt. Die für Mittwoch angesetzten Protestmaßnahmen in Tirol finden statt.

Umweltpolitik
Umweltpolitik

Lkw-Bauer in Aufruhr: Sorge vor CO2-Plänen der EU

Klimaschutz oder Arbeitsplätze? Die EU-Pläne für den CO2-Ausstoß von Lastwagen sind ehrgeizig. Ein Spiel mit dem Schicksal Zehntausender Arbeitnehmer, sagen ...

Exklusiv
Exklusiv

Kammer-Musik mit neuem Dirigenten: Walser und Bodenseer im Interview

Jürgen Bodenseer (71) verlässt heute nach 30 Jahren die wirtschaftspolitische Bühne im Land und möchte künftig kein Zwischenrufer in der Alltagspolitik sein. ...

Statistik Austria
Statistik Austria

Österreicher im EU-Vergleich sehr zufrieden

Die Lebenszufriedenheit bleibt in Österreich konstant hoch, knappe 38 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als sehr zufrieden. Der EU-Wert liegt bei 21,6 ...

Weitere Artikel aus der Kategorie »