Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 30.07.2018


Bezirk Landeck

Vom Raucherraum zum Dorfladele

Die kleine Gemeinde Stanz bei Landeck bekommt überraschend einen Nahversorger. Ungewöhnlich ist der Ort: Es entsteht nämlich eine einmalige Symbiose zwischen Dorfladen und Dorfwirt.

© ReichleLange kämpfte die Gemeinde Stanz um einen neuen Pächter für den Dorfwirt – nun zieht dort außerdem ein Dorfladen mit ein.Fotos: Reichle



Von Matthias Reichle

Stanz – Im November 2007 schloss der letzte Nahversorger in Stanz bei Landeck seine Tore. Die Hoffnung, dass es wieder einen Krämerladen geben würde, hat man in der Oberländer Zwetschkengemeinde längst aufgegeben – zählt der Ort doch nur 596 Einwohner. Sehr viel größere Kommunen warten ebenso vergeblich auf einen Lebensmittelmarkt.

Die Überraschung kam in diesem Sommer. „Wir haben echt nicht mehr damit gerechnet“, betont Bürgermeister Martin Auer. Man kämpfte vielmehr für eine dauerhafte Lösung beim Dorfgasthaus – und war überglücklich, als im Mai mit Heinrich Mallaun und Marco Gringinger zwei tüchtige Pächter das Haus übernahmen.

Nun ergibt sich aber eine Synergie, die wahrscheinlich ihresgleichen sucht. Der Wirt wird nämlich gleichzeitig zum Krämer: „Die Idee hab’ ich gehabt“, bestätigt Heinrich Mallaun. Im Vorraum zum Lokal wird derzeit ein kleiner Laden eingerichtet. „Dort war eine kleine Theke draußen. Ich habe keinen Nutzen gesehen. Wir bewirtschaften auch den Gemeindesaal im ersten Stock und haben den Ausschank kurzerhand hinaufgebaut, damit wir dort bedienen können.“ Übrig blieb eine ungenutzte Fläche. „Da es keinen Nahversorger mehr gibt, dachten wir uns, dass ein kleiner Dorfladen ideal wäre.“

Dafür war freilich auch die Gemeinde zu begeistern, die kürzlich ihrerseits die Mittel für den Umbau mit Regalen und die Anschaffung einer Kühlung freigab, wie Auer bestätigt. Die Kosten belaufen sich auf 15.700 Euro. Das Projekt wird dabei über das Regionalmanagement Landeck gefördert. 40 Prozent trägt das Land.

Die Genehmigungen für das Projekt waren „total unbürokratisch und einfach“, ist der Dorfchef froh über die große Unterstützung, die der Initiative widerfahren ist. „Ursprünglich war der Raum für das Dorfladele der Raucherraum des Lokals“, weiß Auer. Er hofft, dass es nun ein Ort der Kommunikation und ein Treffpunkt für alle wird. „Dass die Leute hinausspazieren, einkaufen und einen Kaffee trinken.“

Angeboten werden vor allem regional produzierte, bäuerliche Produkte: „Man kann dort auch seinen Wochenendeinkauf machen, davon bin ich überzeugt“, betont der Dorfchef. Wenngleich das Geschäft freilich nicht die Größe eines „normalen“ Lebensmittelhändlers haben wird. Die Produkte werden einen breiten Bedarf abdecken können und reichen von hausgemachten Nudeln über Gemüse, Milch, Speck und Wurst, Obst, selbst gemachte Marmeladen bis hin zu Honig, Käse und Butter. Es werde auch Zucker und Kaffee geben, betont Mallaun. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner, dem Küchenchef Marco Gringinger, bietet er außerdem Pestos und Chutneys an. Gringinger hat sich auch in den Kopf gesetzt, seltene Hühnerrassen zu züchten und die Eier im Shop zu verkaufen. Die beiden kredenzen außerdem einen eigenen Cuvée. Darüber hinaus sollen auch Stanzer Edelbrände angeboten werden. Wichtig sei vor allem, „dass man die Grundnahrungsmittel kaufen kann“, so Mallaun. Der Vorteil des ungewöhnlichen Arrangements ist, dass nichts schlecht wird – was nicht in den Verkauf geht, wird im Restaurant verarbeitet.

Das erste Mal soll das „Stanze­r Dorfladele“ – so der offizielle Name – zum Fest „Stanz brennt“ am 2. September aufsperren. Die Öffnungszeiten sind ungewöhnlich, aber praktisch, wenn man am Sonntag etwas vergessen hat. Nur Montag und Dienstag hat es geschlossen, am Abend freilich auch.

Den Verkauf übernimmt übrigens Heinrich Mallaun selbst. „Das ist in diesem Sinne sicher einzigartig“, schmunzelt der Wirt, der so überraschend zum Kaufmann geworden ist.




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