Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 30.07.2018


EuGH-Urteil

Gentechnik: Ein Gesetz für Mensch und Umwelt

Die Entscheidung des EuGH zu neuen gentechnischen Methoden führt zu geteilten Reaktionen. NGOs begrüßen das Urteil, Wissenschaft und Landwirtschaft sind enttäuscht.

© Wenn auf der Verpackung das Schild „gentechnikfrei“ steht, dann hat das Tier keine gentechnisch veränderten Futtermittel gefressen.Foto: iStock



Wien, Luxemburg – Der Europäische Gerichtshof hat durch das Urteil mit modernen Mutagenese-Methoden wie der Genschere CRISPR/Cas9 hergestellte Pflanzensorten gentechnisch veränderten Organismen (GVOs) gleichgestellt.

Es sei zwar richtig, dass GVOs durch die neuen Mutagenese-Methoden produziert werden können, genauso gut wäre es aber möglich, dass nur solche genetische Veränderungen eingeführt werden, die auch durch natürliche Mutation entstehen können. Diese Pflanzensorten wären von konventionell gezüchteten Sorten, die auf Basis natürlicher genetischer Variationen gezüchtet wurden, nicht unterscheidbar und somit auch nicht nachweisbar. Diese Situation würde in dem „pauschalisierenden Urteil“ vollständig außer Acht gelassen, kritisiert Josef Glößl, Professor für Zellbiologie an der Wiener Universität für Bodenkultur.

Zum Verständnis: Die Gen-Schere CRISPR/Cas9 ist eine molekularbiologische Technik, die gezielte Veränderungen im Erbgut von Lebenwesen ermöglicht. Es können präzise Mutationen in bestimmten Abschnitten der DNA herbeigeführt werden, es können Gene eingefügt und entfernt werden. Diese Methode kann – im Gegensatz zu früheren – bei so gut wie allen Zelltypen angewendet werden, also etwa Pflanzen, Bakterien, aber auch Menschen. Die Veränderung von Genen ist mit dieser Technik einfacher, effizienter und billiger. (APA, ver)

Kurz zitiert

„Aus österreichischer Sicht besteht kein Handlungsbedarf, das österreichische Gentechnikgesetz ist sehr streng." (Umweltministerium)

„Ich freue mich sehr, dass die Entscheidung des EuGH die bestehenden Regelungen zur Gentechnikfreiheit in Österreich stärkt. So kann das bekannt hohe Niveau der Gentechnikfreiheit in Österreich auch weiterhin aufrechterhalten werden." (Beate Hartinger-Klein, FPÖ-Gesundheitsministerin)

„Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung für die Konsumenten in Europa und den Umweltschutz sowie die Gesundheit." (Markus Vogl, SPÖ-Konsumentenschutzsprecher)

„Jetzt herrscht endlich Klarheit: Mit den neuen Methoden hergestellte Pflanzen sind Gentechnik und fallen unter die europäische Gentechnik-Regulierung. Eine rasche europaweite Umsetzung muss folgen." (Sebastian Theissing-Matei, Greenpeace)

„Eine pauschale Unterwerfung der neuen Züchtungsmethoden unter die GVO-Richtlinie ist unwissenschaftlich und in der Sache falsch." (Michael Gohn,Saatgut Austria)

„Ich bin von dem Urteil sehr enttäuscht, weil ich es in den wesentlichen Punkten nicht für sachlich begründet und nachvollziehbar halte. Es wurde offenbar jenen Interessengruppen gefolgt, die die neuen Züchtungsmethoden generell und pauschal als GVOs sehen und somit von den Feldern verbannen wollen. Wir brauchen neue Sorten mit guten, stabilen Erträgen und Resistenzen gegenüber Schädlingen und Krankheiten." (Josef Glößl, Pflanzengenetiker)


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