Letztes Update am Fr, 07.09.2018 12:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wirtschaftskrise

„Superman“-Kryptowährung Petro wird in Venezuela zum Superflop

Eigentlich sollte sie die Rettung für Venezuela und dessen angeschlagene Währung sein: Die Kryptowährung Petro. Tatsächlich ist auch ein halbes Jahr nach Einführung vieles dubios – obwohl der Präsident schon von Milliarden-Einnahmen berichtet hatte.

© AFPVenezuela legt eine Kryptowährung auf. Das Digitalgeld trägt den Namen "Petro".



Von Brian Ellsworth/Reuters

Caracas – Er soll nicht nur die darniederliegende Wirtschaft Venezuelas retten. Nach den Worten von Staatspräsident Nicolas Maduro ist der „Petro“ sogar stark genug, um es mit dem Comic-Helden Superman aufzunehmen. Rund ein halbes Jahr nach seiner offiziellen Einführung ähnelt die weltweit erste staatliche Kryptowährung aber eher der Romanfigur „Der Unsichtbare“.

„Wir haben keinerlei Hinweise, dass irgendjemandem Petro zugeteilt wurden oder dass er an irgendeiner Börse aktiv gehandelt wird“, sagt Tom Robinson, Mitgründer der Firma Elliptic, die sich mit illegalen Aktivitäten in der Kryptobranche beschäftigt.

Trotz einer viermonatigen Reuters-Recherche sind bisher keine Firmen oder Institutionen bekannt, die den Petro als Zahlungsmittel akzeptieren. Die Cyber-Devise kann an keiner der namhaften Kryptobörsen gehandelt werden. Die venezolanische Petro-Aufsicht, die im Finanzministerium angesiedelt sein soll, hat dem Portier zufolge dort kein Büro. Die Internetseite der neu geschaffenen Behörde ist nicht online und ihr Chef Joselit Ramirez reagiert nicht auf Anfragen.

Präsident spricht von Milliarden-Gewinn

Gleichzeitig verbreitet die Regierung widersprüchliche Informationen: Maduro zufolge hat die Petro-Emission 3,3 Mrd. Dollar (2,8 Mrd. Euro) eingebracht. Die Internet-Devise werde außerdem zur Bezahlung von Importen genutzt. Kabinettsmitglied Hugbel Roa betont dagegen, dass die Technologie hinter dem Petro noch im Entwicklungsstadium sei und die Währung bisher nicht genutzt werden könne.

Maduro sorgte vor einigen Wochen für zusätzliche Verwirrung mit der Ankündigung, Löhne, Pensionen und den Wechselkurs der Landeswährung Bolivar an den Petro zu koppeln. „Es gibt keine Möglichkeit, Preise oder Wechselkurse an etwas zu binden, das nicht gehandelt wird“, sagt Alejandro Machado, ein venezolanischer Computer- und Kryptowährungsexperte. Denn für den Petro lasse sich schlicht kein Preis ermitteln.

Ölfeld nicht erschlossen

Venezuela hat den Wert des Petro an den Preis für venezolanisches Rohöl – derzeit etwa 66 Dollar je Barrel (159 Liter) – gekoppelt. Als Sicherheit sollen die Reserven den Regierungsangaben zufolge 5,3 Milliarden Barrel großen Ölfeldes Ayacucho nahe dem Ort Atapirire in der zentralvenezolanischen Savanne dienen. In dieser Gegend stehen aber nur einige kleinere und alternde Bohrtürme. Ungeachtet der Menge der im Feld Ayacucho vermuteten Ölreserven fehle es an der notwendigen Infrastruktur, um den Rohstoff aus der Erde zu pumpen, betont Francisco Monaldi, gebürtiger Venezolaner und Professor für Energiepolitik an der Rice University in Houston.

Der frühere venezolanische Ölminister Rafael Ramirez taxiert die Kosten für die Erschließung des Ölfelds auf 20 Mrd. Dollar. Dieses Geld habe der kriselnde staatliche Ölkonzern PDVSA schlicht nicht. „Der Wert Petro existiert allein in der Vorstellung der Regierung.“ Ramirez lebt nach Korruptionsvorwürfen untergetaucht im Exil. Er selbst weist die Anschuldigungen zurück.

Anders als bei den bekanntesten Kryptowährungen Bitcoin oder Etherum sind Petro-Investoren Mangelware. Die Wenigen tummeln sich in einschlägigen Online-Foren wie Bitcointalk. Nach anfänglicher Euphorie zu Jahresbeginn drehte die Stimmung in den dortigen Beiträgen. Nutzer monierten mangelnde Informationen und Verspätungen bei der Zuteilung der virtuellen Münzen. Andere beschwerten sich darüber, Petro nicht verkaufen oder auf andere Konten transferieren zu können. „Stand jetzt wurden wir übers Ohr gehauen“, so ein Chat-Teilnehmer mit dem Nutzernamen Cryptoviagra. „Die Zeit wird zeigen, ob es eine gute Investition war oder nicht.“


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