Letztes Update am Sa, 15.09.2018 07:13

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wirschaftskrise

Zehn Jahre Lehman-Pleite: Die vier größten Weltwirtschaftskrisen

Die jüngste Weltwirtschaftskrise, die vor zehn Jahren mit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte, war nicht die erste große Weltwirtschaftskrise.

© APAusgehend von der US-Immobilienkrise, bei der Millionen Amerikaner ihre Häuser verloren, folgte die größte Finanzkrise seit den 1930ern. Diese fand ihren Höhepunkt in der Lehman-Brothers-Pleite.



Wien – Abgesehen von der Tulpenblase, deren Platzen 1637 als erster Börsencrash in die Geschichte einging, wird in der Wirtschaftswissenschaft die erste Weltwirtschaftskrise mit dem Jahr 1857 angesetzt. Im Folgenden eine Chronologie der bisher vier größten Weltwirtschaftskrisen.

1857: Erste Weltwirtschaftskrise

Im Jahr 1857 breitet sich die erste große Weltwirtschaftskrise aus, was der kapitalismuskritische Philosoph Karl Marx im Londoner Exil „beautiful“ findet. In den USA müssen Banken schließen, in Großbritannien und Deutschland gehen große Handelshäuser Pleite. Die Auswirkungen der Krise sind erstmals weltweit zu spüren. Ausgegangen ist die Krise von Russland. Nach dem Ende des Krimkrieges 1856 kehren die russischen Bauern wieder auf den europäischen Markt zurück und verdrängen die amerikanischen Bauern als Lieferanten. Diese bleiben auf ihrer Ernte sitzen, der Preis bricht ein, die Finanzströme versiegen, das Geld für die expandierende US-Wirtschaft wird knapp. Eigentlicher Auslöser ist dann die Pleite der Ohio Life and Trust Company am 24. August 1857, die sich mit zweifelhaften Eisenbahnanleihen verspekuliert. In den USA müssen innerhalb weniger Tage über 1400 Banken schließen, es kommt zu einem Ansturm auf die Banken, Bürger fordern vergeblich ihre Einlagen zurück. Aus der Börsenkrise wird eine Kreditkrise und daraus eine Handelskrise, die auch bald den Alten Kontinent erreicht. Mit beigetragen hat dazu eine neue Kommunikationstechnologie: die Telegrafie. Die Krise kann relativ schnell eingedämmt werden. Ein Zug voller Silberbarren aus Wien hilft etwa den Hamburger Kaufleuten, das Vertrauen der Kunden wieder zurückzugewinnen. Ende des Jahrzehnts werden die alten Wachstumsraten wieder erreicht.

1873: „Die Gründerkrise“

Die Krise von 1873 entwickelt sich zu einer der schwersten des 19. Jahrhunderts. Erstmals wird eine Krise nicht vom Agrarsektor, sondern von einer Überproduktion der Eisen- und Stahlindustrie ausgelöst. Dazu kommen erstmals Spekulationen mit Aktien. Die Krise hat zwei Brandherde: In den USA geht der rasante Aufschwung zu Ende, der durch das Ende des Bürgerkrieges ausgelöst wurde, und in Deutschland folgt auf den Gründerboom der Gründerkrach – als erste deutsche Bank muss die Vereinsbank Quistorp & Co am 15. Oktober 1873 Konkurs anmelden. In den USA werden über 18.000 Unternehmen zahlungsunfähig, vor allem aus dem Eisenbahnbau, auf den sich viele Spekulanten auch in Europa gestürzt haben. In Deutschland haben nicht zuletzt französische Reparationszahlungen Wirtschaft und Börse angeheizt. In kurzer Zeit werden hunderte Aktiengesellschaften gegründet – bis die Blase platzt.

Aufgrund der zunehmenden Unruhen und Streiks kommt es zur zweiten großen Emigrationswelle des 19. Jahrhunderts. Viele deutsche Arbeiter flüchten vor der Armut nach Übersee. Es kommt zu einer sozialpolitischen Wende: Kranken-, Unfall- und Pensionsversicherungen werden eingeführt. Auf der Suche nach Schuldigen schüren deutsche Konservative den Antisemitismus, sie entdecken wieder den „jüdischen Wucherer“ und „Halsabschneider“. „Die Juden sind unser Unglück“, formuliert der damals sehr bekannte und meistgelesene Historiker Heinrich von Treitschke. Diesen Satz sollten sich ein halbes Jahrhundert später die Nationalsozialisten auf die Fahnen heften.

1929: „Die große Depression“

Ausgelöst wird die Krise am 25. Oktober 1929. An diesem Donnerstag fallen die Kurse an der New Yorker Börse um 13 Prozent. In Europa spricht man wegen der Zeitverschiebung vom „Schwarzen Freitag“. Viele Spekulanten verlieren ihr gesamtes Vermögen. Es folgt eine vier Jahre andauernde Depression, der Dow Jones verliert 90 Prozent seines Wertes. Die Rezession beginnt aber schon 1929, der US-Markt für Konsumgüter ist bereits gesättigt. Der Welthandel gerät in Schieflage, die USA sind nicht nur der größte Exporteur der Welt sondern auch deren größter Gläubiger. Das System bricht zusammen. Das Vertrauen in den Kapitalismus ist beschädigt. Der Welthandel reduziert sich um fast zwei Drittel. Die Deflation ruiniert viele Betriebe und lässt 1931 das Bankensystem kollabieren. Neben den USA wird wiederum Deutschland am stärksten betroffen, wo die Reparationszahlungen aus dem Versailler Vertrag die Lage zusätzlich verschlimmern. Weltweit reagiert die Politik hilflos, ein koordiniertes Vorgehen gibt es nicht. Der Goldstandard wird abgeschafft, Handelsschranken errichtet, aus der zyklischen wird eine strukturelle Krise. In Deutschland übernehmen die Nationalsozialisten die Macht, in den USA beginnt eine Phase der Erneuerung, mit schuldenfinanzierten staatlichen Investitionen (New Deal) werden die Lehren der klassischen Ökonomie auf den Kopf gestellt. Die Theorien von John Maynard Keynes bestimmen bald auch die Wirtschaftspolitik anderer Industrieländer.

2008: „Finanz- und Wirtschaftskrise“

Auch die jüngste große Weltwirtschaftskrise schwelt schon lange vor dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers. Bereits 2007 platzt in den USA die Immobilienblase und Hypothekenbanken melden Insolvenz an, Banken müssen Milliardenverluste abschreiben, Hedgefonds brechen zusammen. Aus der Immobilien- und Bankenkrise wird eine Finanz- und Wirtschaftskrise. Der Kreditmarkt ist gelähmt, Banken leihen sich untereinander kein Geld mehr. Der Welthandel bricht ein, die Zahl der Arbeitslosen steigt. Ganze Staaten stehen vor dem Finanzkollaps. Um Deflation und Depression wie in den 1930er-Jahren zu verhindern, koordinieren die großen Industrienationen diesmal ihr gemeinsames Vorgehen. Sie pumpen Billionen in Konjunkturprogramme und Finanzhilfen und verstaatlichen Banken. Die Staatsschulden steigen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Zentralbanken senken die Leitzinsen und versorgen gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) die Geldmärkte mit Milliarden an Liquiditätshilfen. Banken werden strenger reguliert und beaufsichtigt, Zentralbanken verfolgen eine unkonventionelle Geldpolitik und erwerben im Kampf um mehr Wachstum und Inflation in großem Stil Staatsanleihen. Nunmehr stehe man vor neuen Krisenherden, mahnt der IWF anlässlich des zehnten Jahrestages der Lehman-Pleite. (APA)


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