Letztes Update am So, 16.12.2018 20:44

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Entwicklungshilfe

Wirtschaft statt Entwicklungshilfe: Ein Paradigmenwechsel?

Ohne Einbindung der Privatwirtschaft hat Entwicklungszusammenarbeit (EZA) wenig Sinn. Darüber sind sich Geber- und Nehmerländer, EZA-Organisationen und Experten einig. Doch braucht es tatsächlich einen „Paradigmenwechsel“ – mehr Wirtschaft, weniger Entwicklungshilfe?

Solarpanele der österreichischen Energy Globe Foundation werden auf einem Schilfdach in Ghana montiert. Insgesamt liegt Österreich bei der Entwicklungshilfe weit unter dem Soll.

© APASolarpanele der österreichischen Energy Globe Foundation werden auf einem Schilfdach in Ghana montiert. Insgesamt liegt Österreich bei der Entwicklungshilfe weit unter dem Soll.



Wien – Die Entwicklung des privaten Sektors ist spätestens seit der UNO-Konferenz in Monterrey 2003 aus der staatlichen EZA nicht mehr wegzudenken. Zumindest wird seither der Nutzen, den beide Seiten aus der Zusammenarbeit ziehen, nicht mehr verschwiegen. Im Mittelpunkt steht das Ziel der Schaffung von Beschäftigungs- und zusätzlichen Einkommensmöglichkeiten in den Entwicklungsländern durch den Ausbau lokaler Wirtschaftsbereiche. Mit Hilfe der vermehrten Steuereinnahmen kann sich das Land irgendwann selbst finanzieren, so die Hoffnung. Gleichzeitig profitieren aber auch Unternehmen des Geberlandes. Es resultiert die viel gepriesene „Win-Win-Situation“ – wobei, so Kritiker, der Nutzen auf Geberseite klar überwiegt.

Zusammenarbeit statt Hilfe

War es vor einigen Jahren noch verpönt zuzugeben, dass durch EZA-Projekte auch die Geberländer profitieren, ist dies nun gang und gäbe. Weg von Hilfe, hin zur Zusammenarbeit – Partnerschaft auf Augenhöhe, lautete das Motto in den vergangenen Jahren. Dazu gehören eben starke wirtschaftliche Beziehungen, wie sie China bekannterweise schon seit Jahren mit Afrika pflegt. Mit einem Unterschied: China mischt sich in innere Angelegenheiten der Staaten nicht ein, Europa hingegen knüpft die Vergabe bestimmter Hilfsgelder immer an die Einhaltung von Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und guter Regierungsführung. „Das hat den Paternalismus wieder verstärkt“, sagt der Afrika-Experte Henning Melber, der aber auch chinesische Investitionen auf dem „Schwarzen Kontinent“ kritisch sieht (Stichwort: neue Schuldenfalle), im APA-Gespräch.

Zweifel am Nutzen klassischer Entwicklungshilfe

Der Paternalismus hat die Beziehungen und damit die Menschen jahrzehntelang geprägt – an den Zustand, Hilfe von außen zu erhalten, haben sich viele gewöhnt. Nach einem halben Jahrhundert klassischer Entwicklungshilfe wird deshalb ihr Nutzen angezweifelt, vielerorts heftig kritisiert. Ruandas Präsident Paul Kagame, der gemeinsam mit Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) das EU-Afrika-Forum in Wien ausrichtet, insinuiert, dass durch die Hilfe des Westens mehr Schaden angerichtet wurde, als sie Nutzen brachte – mehr noch, dass sie den Kolonialismus perpetuierte.

Auch die sambische Ökonomin Dambisa Moyo legte im Jahr 2010 mit ihrem Buch „Dead Aid“ ein provokatives Plädoyer gegen Entwicklungshilfe, die afrikanische Staaten ihrer Meinung nach immer weiter in die Abhängigkeit treibt, vor. Wirtschaftswissenschafter hüben wie drüben meinen, dass Entwicklungshilfe wirtschaftlicher Entwicklung diametral entgegen stehe, eine florierende Volkswirtschaft verhindere und Unternehmergeist blockiere. „Das Konzept der Entwicklungshilfe gehört zu den größten gescheiterten Investitionen, die je getätigt wurden“, meinte auch der österreichische Journalist Christian Ortner, der sich selbst als Zentralorgan des Neoliberalismus bezeichnet.

Forscher: Privatsektor und EZA „verzahnen“

Bedeutet das, klassische Entwicklungshilfeprojekte wird es in zehn, 15 Jahren nicht mehr geben? „Nein“, betont der Experte für Allokation und Effektivität von EZA, Rainer Thiele, gegenüber der APA. In vielen Bereichen, insbesondere in der Bildung, bleibe noch „viel an Problemen zu bewältigen“, so der deutsche Forscher des Kieler Institutes für Weltwirtschaft (IfW). Thieles Ansicht nach ist der Privatsektor „sehr wichtig“, er werde die „Hauptlast“ in punkto Entwicklung tragen müssen. Allerdings: „Man kann das schon als eigenes Instrument betrachten, aber es reicht nicht, um große Effekte zu erreichen.“ Etwa bei der Qualifizierung von Arbeitskräften, „da ist EZA sehr aktiv, daher müssen wir das verzahnen“, schlägt der Experte vor. Auch um Rechtssicherheit für jene Unternehmen, die in Afrika investieren, zu schaffen, sei die EZA notwendig.

Jedenfalls, warnt Thiele, solle nicht der Eindruck entstehen, dass man „nur den eigenen Markt stärken will“. Vor allem in den EU-Afrika-Beziehungen müsste deshalb die „lokale Komponente“ stärker betont werden, „dass zum Beispiel auch lokale Unternehmensgründungen gefördert werden müssen.“ Ziel sei, dass „alle etwas reicher werden“, ergänzt Thieles Kollege vom IfW und Leiter der Forschungsallianz Mercator Dialogue on Asylum and Migration (MEDAM), Matthias Lücke.

In vielen Bereichen große Erfolge der EZA

Ganz, so sind sich EZA-Experten sicher, wird die Entwicklungshilfe ihre Daseinsberechtigung nicht verlieren. In bestimmten Bereichen wie eben Bildung, aber auch Gesundheit, Energie (Wasser/Strom) und der Stärkung der Rolle von Frauen konnte und kann klassische EZA große Erfolge verzeichnen. So konnte beispielsweise die Kindersterblichkeit seit den 1990er Jahren drastisch reduziert werden, ebenso kontinuierlich fällt die Armutsrate in Subsahara-Afrika, gleichzeitig steigt die Zahl jener mit Primärschulbildung.

Inwieweit der Privatsektor zur Entwicklung eines Landes schlussendlich beitragen kann, ist laut Helmut Asche, Professor am Institut für Afrikastudien an der Johannes Gutenberg Universität Mainz, immer „branchenabhängig“. Die Integration des Privatsektors in die EZA könne jedenfalls nie als „Patentrezept“ verstanden werden. (APA)

Österreichische Investitionen in Afrika: Laut WKO „viel Luft nach oben“

Nur 1,16 Prozent der gesamten Exporte Österreichs – rund 1,7 Milliarden Euro – gingen im Vorjahr nach Afrika. „Das ist noch viel Luft nach oben“, sagt Gerrit Hengstler, Regionalmanagerin für Afrika und Nahost in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) im Gespräch mit der APA. Das kommende Woche stattfindende EU-Afrika-Forum in Wien könnte laut Hengstler der „Beginn eines Afrika-Schwerpunktes sein.“

Jedenfalls habe sich die WKÖ auf die Fahnen geschrieben, die Chancen in Afrika zu nutzen, so Hengstler. Mit Abstand wichtigster Partner in Afrika ist für Österreich Südafrika vor Algerien und Ägypten, Marokko, Mali, Nigeria und Tunesien. Fast ein Drittel der gesamten Exportmenge - 500 Millionen Euro - geht nach Südafrika, das auch als das afrikanische Land mit den meisten österreichischen Firmenniederlassungen in Afrika gilt. Insgesamt gibt es auf dem Kontinent rund 200 österreichische Niederlassungen, wobei nur rund 30 sind produzierende Betriebe sind. Exportiert werden hauptsächlich Maschinen, aber auch Energy Drinks, Kunststoffe, Papier, Holz und pharmazeutische Produkte.

Um vermehrt heimische Unternehmen auf den afrikanischen Markt zu bringen, sei ein „positiverer Blick“ auf Afrika notwendig, betont Hengstler, die zuvor Wirtschaftsdelegierte in der nigerianischen Metropole Lagos war. Dabei gebe es große Chancen in vielen afrikanischen Ländern. Vor allem Äthiopien, Ghana, Ruanda oder die Elfenbeinküste (Cote d‘Ivoire) verzeichnen ein enormes Wirtschaftswachstum.

Von der Politik wünscht sich Hengstler, dieses positivere Bild zu vermittlen und zu verankern. Zudem seien in Afrika bilaterale Beziehungen besonders wichtig, „da muss man noch mehr machen“. Außerdem schwebt der Wirtschaftsexpertin ein Erasmus-Programm mit Afrika vor - „damit die jetzigen und folgenden Generationen von österreichischen Studenten persönliche Erfahrungen auf dem Kontinent sammeln, sich dort zu Hause fühlen und damit auch zukünftige Opinion Makers sowie Afrika-Exporteure werden“.