Letztes Update am Mo, 14.01.2019 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Schramböck im TT-Interview:

„Kluge Köpfe entscheidend“

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) erkennt eine „Reindustrialisierung Europas“ durch Digitalisierung. Digitale Fähigkeiten sollen wie Sprachen trainiert werden.

Die digitalen Kompetenzen in allen Bereichen ausbauen will die Tiroler Ministerin Schramböck.

© APADie digitalen Kompetenzen in allen Bereichen ausbauen will die Tiroler Ministerin Schramböck.



lle Lehrberufe werden digitalisiert. Wann ist der Prozess abgeschlossen?

Margarete Schramböck: Wir überprüfen alle 200 Lehrberufe und bauen sukzessive digitale Inhalte ein. Im Herbst haben wir 15 Lehrberufe überarbeitet und gleichzeitig die Coder-Lehre eingeführt, ebenso die Lehre des E-Commerce-Kaufmanns bzw. -frau sowie des Internet-der-Dinge-Spezialisten. Innerhalb von zwei Monaten haben wir für diese Bereiche schon 200 Lehrlinge gefunden. Im Februar kommt die Digitalisierung der Gastronomielehrberufe, der Friseurausbildung und des Prozesstechnikers dran. Was mich besonders freut, ist, dass es einen Fahrradmechatroniker geben wird. Ich plane eine Gesetzesänderung, wie oft Lehrberufe erneuert werden müssen.

Wie konkret?

Schramböck: Die Novelle zum Berufsausbildungsgesetz schreibt vor, dass die Lehrberufe verpflichtend alle fünf Jahre auf Aktualität geprüft werden müssen. Falls eine Überarbeitung notwendig ist, darf diese nicht länger als eineinhalb Jahre dauern. Die Ausbildung zum Dachdecker wurde 1973 zum letzten Mal überarbeitet, trotz aller Fortschritte im Bereich der Sensorik oder der Solarenergie.

Ab wann soll dieses Gesetz gelten?

Schramböck: Noch vor dem Sommer.

Die Digitalisierung wird den Arbeitsmarkt verändern. Werden Jobs entstehen oder mehr verschwinden?

Schramböck: Es werden mehr Jobs entstehen. Die Digitalisierung wird auch dazu führen, dass es mehr Arbeitsplätze im ländlichen Raum geben kann. Speck Handl zum Beispiel hat das digitalste Speckwerk der Welt gebaut, mitten in den Bergen von Tirol. Der Jungchef hat mit dem Frauenhofer-Institut den gesamten Produktionsprozess digitalisiert und dadurch 60 bis 80 neue Arbeitsplätze geschaffen. So kriegen wir Arbeitsplätze zurück. Ich spreche da von einer Reindustrialisierung Europas. Die Arbeitskosten spielen immer noch eine Rolle, sind aber nicht entscheidend. Entscheidend ist, wo die klügsten Köpfe sitzen, wo die Facharbeiter sind. Wir müssen daher alles tun, um wirklich alle mitzunehmen, inner- und außerhalb der Schulen, aber auch in den Betrieben.

Wie wollen Sie das schaffen?

Schramböck: Wir müssen die digitalen Kompetenzen in allen Bereichen ausbauen. Sie sind gleich wichtig, wenn nicht sogar wichtiger als Sprachen. Wir arbeiten derzeit an einem Raster, womit jeder online im Selbsttest feststellen kann, wo er steht. Gleichzeitig liefert dieser Selbstcheck Vorschläge, welche Kurse man besuchen sollte.

Wer zahlt die Kurse?

Schramböck: Ich bin im Gespräch mit großen internationalen IT-Firmen wie SAP, IBM und Microsoft. Sie sind bereit, die Kurse, die ihre Mitarbeiter besuchen, gratis für alle zur Verfügung zu stellen.

Die Kurse wären also im Selbststudium am eigenen Gerät zu absolvieren. Oder gäbe es auch andere?

Schramböck: Ja. Unsere Aufgabe ist es, dass wir Zugang ermöglichen. Ein Mitarbeiter in einem Handwerksbetrieb soll den gleichen Zugang zur digitalen Fortbildung bekommen, wie Mitarbeiter von IT-Firmen. Eine weitere Maßnahme sind die „digitalen Bootcamps“. Ein Leitbetrieb kann etwa Interesse im Bereich künstliche Intelligenz und Logistik bekunden und wir finanzieren die Entwicklung der Bootcamps dazu. Diese werden dann gemeinsam mit Mitarbeitern von kleineren Unternehmen absolviert. Insgesamt stellen wir dafür 1,4 Millionen Euro bereit.

Die Kosten der Kurse selbst wären damit gedeckt?

Schramböck: Die 1,4 Millionen Euro sind für die Entwicklung dieser Bootcamps. Wir haben viele Möglichkeiten zu unterstützen, mein Ressort hat ein Budget von 100 Millionen Euro. Es werden auch Unternehmen investieren. In den kommenden Tagen stellen wir mit Betrieben wie der Moserholding die Plattform fit4internet vor. Sie kann mit dem „Kuratorium Sicheres Österreich“ verglichen werden, nur dass sich diese Plattform für ein digital kompetentes Österreich einsetzt.

Das Interview führten Cornelia Ritzer und Birgit Entner-Gerhold

Amtswege werden digital

Wer will, kann sich schon bald Behördengänge sparen. Das erklärte ÖVP-Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck der TT. Ab März wird die Plattform oesterreich.gv.at starten, am Computer oder per App kann man den Umzug melden, dank „digitalem Babypoint“ erhält man Geburtsurkunde und Staatsbürgerschaft für das Neugeborene digital. „Wir arbeiten uns sukzessive durch“, kündigte Schramböck laufende Neuerungen an: Mitte 2019 wird man verlorene Dokumente per App melden können. „Und auch für die Neubeantragung wird man nicht mehr aufs Amt gehen müssen.“ Ende des Jahres kann dann der Führerschein auf der App gespeichert werden. Sicherheit sei gegeben, da die Daten nicht zentral gespeichert werden.

Nicht nur Bürger, auch Unternehmen sollen profitieren. Durch das Projekt „Once-Only“ müssen Daten nur einmal gemeldet werden. Die notwendigen Meldungen an Zulassungsstelle, Finanzamt und Co. kosten die Wirtschaft laut Schramböck derzeit 4,3 Mrd. Euro jährlich. „Wenn wir es schaffen, die Daten einmal zu erfassen und wieder zu verwenden, haben Mitarbeiter mehr Zeit für Wichtigeres“, erhofft die Ministerin mehr Produktiviät. (ritz)