Letztes Update am Mo, 25.02.2019 10:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Digitalisierung schafft Jobs und viele Interessenslagen

Der Arbeitsmarkt befindet sich im Wandel, digitale Technologien verändern Staat und Gesellschaft. Ganz verschließen will sich niemand.

Ein digitales Praxis-Beispiel: Das „Digitale Amt“ soll Amtswege für Bürger und Unternehmen jederzeit und überall möglich machen.

© APAEin digitales Praxis-Beispiel: Das „Digitale Amt“ soll Amtswege für Bürger und Unternehmen jederzeit und überall möglich machen.



Wien – Die Digitalisierung ist heuer – wie auch Pflege und Steuerreform – ein Schwerpunkt der ÖVP-FPÖ-Regierung. Geht es sowohl bei Steuerreform als auch bei der Pflege vorrangig um Finanzen, bleibt die Digitalisierung oft nur ein Schlagwort. Dabei ist die Entwicklung für die Österreicher direkt spürbar, ist es doch der Arbeitsmarkt, den die Effekte der Digitalisierung besonders treffen. Die Digitalisierung als Chance für den Job-Markt sieht eine aktuelle Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo (siehe Interview ganz unten). Und kaum jemand kann es sich leisten, die Augen vor dem Thema zu verschließen.

REGIERUNGSPROGRAMM

Was die Regierung vorhat, zeigt ein Blick in ihr Programm. „Nur wer jetzt aktiv in die Digitalisierung investiert, wird als Innovation-Leader künftig international vorne mit dabei sein und Beschäftigung und Wohlstand nachhaltig entwickeln“, heißt es da. Als konkrete Maßnahmen werden dann angeführt: die öffentliche Verwaltung modernisieren und digitalisieren, notwendige Rahmenbedingungen schaffen, wie den Breitband-Ausbau und die Ausrollung des ultraschnellen 5G-Standards, damit Bürger und Unternehmen erfolgreich seien, außerdem Forschungsschwerpunkte im Digitalbereich. Auch in den Kapiteln Bildung, Gesundheit, Verkehr und Landwirtschaft finden sich Vorhaben zum Thema Digitalisierung.

WIRTSCHAFTSMINISTERIUM

Gebündelt sind die Kompetenzen für das Digitale im Wirtschaftsministerium, das die „Digitalisierung“ sogar in der Ressortbezeichnung trägt. Die ressortübergreifenden Bemühungen der Bundesministerin Margarete Schramböck (ÖVP) sind vielfältig. Im Vorjahr wurde eine Agentur für Digitales (DIA) gegründet, bei einer Großveranstaltung in der Vorwoche mit 800 Akteuren aus der digitalen Community wurden erste Projekte der DIA vorgestellt. „Es werden mehr Jobs entstehen“, bewarb Schramböck erst Anfang des Jahres im TT-Interview die Chancen. Keinesfalls sei die Technologie „der angebliche Jobkiller“, betont die Ministerin regelmäßig.

Der Breitband-Ausbau in Österreich wurde im Vorjahr per Gesetz beschleunigt. Für Gemeinden gibt es eine „Leerrohr“-Förderung.
Der Breitband-Ausbau in Österreich wurde im Vorjahr per Gesetz beschleunigt. Für Gemeinden gibt es eine „Leerrohr“-Förderung.
- ZB

ARBEITERKAMMER

Weniger euphorisch als die Wirtschaft agiert die Arbeiterkammer (AK) bei dem Thema. Doch mit Jahresanfang weitete die Arbeiternehmer-Vertretung mit einer Digitalisierungsoffensive ihre Leistungen aus. Einer der Gründe der 150-Millionen-Euro-Förderung für die Qualifizierung der Mitglieder in den nächsten fünf Jahren ist hochpolitisch: Die AK hofft, dass diese neue Serviceleistung hilft, der von der Regierung angedrohten Kürzung der Mittel über eine Senkung der AK-Umlage zu entgehen. Die Stoßrichtung der Kammer ist trotzdem: Die neuen Technologien sollen den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Für AK-Präsidentin Renate Anderl bedeutet das neue Berufsbilder und neue Arbeitsplätze, aber auch neue Verteilung der Arbeit und damit Arbeitszeitverkürzung.

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WIRTSCHAFTSKAMMER

Für die Interessenvertretung der Unternehmer ist die Digitalisierung das Zukunftsthema für Klein- und Mittelbetriebe (KMU) schlechthin. Und es werden in den nächsten Jahren besonders hohe Investitionen getätigt werden müssen. Das ist eines der Hauptargumente, mit dem Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer auf die rasche Senkung der Körperschaftssteuer (KöSt) unter 20 Prozent (von derzeit 25 Prozent) drängt.

ARBEITSMARKTSERVICE

Dass digitale Fähigkeiten bereits jetzt ein Muss am Arbeitsmarkt sind, weiß das Arbeitsmarktservice (AMS). Auch in Berufen, die nicht auf den ersten Blick digital scheinen. Digitalisierung passiere bereits täglich, sagt AMS-Chef Johannes Kopf. Ein neues Zertifikat soll digitale Kompetenzen bestätigen. (ritz)

Breitband allein ist zu wenig

Wifo-Ökonom Matthias Firgo untersuchte die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt in den Regionen.

Sie analysierten Beschäftigungseffekte der Digitalisierung in den Bundesländern sowie in Stadt und Land. Blicken wir in die Zukunft – was wird sich an der Arbeitswelt nicht ändern?

Matthias Firgo:

Wesentlich für die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt ist, mit welchem Tempo der digitale Fortschritt passiert. Im produzierenden Bereich, in der Industrie, ist der Wandel weitgehend abgeschlossen. Für Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten und Innovation wird es weiterhin menschliche Arbeit brauchen. Kreativität ist etwas, was Maschinen nicht gut können. Die Auswirkungen im Dienstleistungsbereich werden deutlich stärker zu spüren sein. Eine Einschätzung, wie schnell der digitale Wandel hier Einzug hält, ist aber relativ schwierig.

Laut Studie gibt es kein Patentrezept für alle Regionen. Gibt es Standortvorteile für ländliche Regionen?

Firgo:

Ein Vorteil ist, dass die Produktionskosten in Bezug auf Grundstücke und Immobilienpreise sowie Lohnkosten günstiger sind. Gleichzeitig gibt es große Nachteile, weil die Infrastruktur schlechter ist und oft die qualifizierten Beschäftigten vor Ort fehlen. Beim Standortgefälle für hochdigitalisierte Branchen kommt es seit 2010 zu keiner großen Verschiebung.

Tirol ist stark vom Gewerbe und vom Tourismus geprägt, es gibt wenig Industrie. Wie schätzen Sie die Situation unter diesen Vorzeichen ein?

Firgo:

Tirol hat kaum Standortvorteile für hochdigitalisierte Branchen. Innsbruck hat einen Anteil von 20 Prozent Beschäftigten in hochdigitalisierten Branchen, in den anderen größeren Landeshauptstädten ist er höher: bis zu 31 Prozent in Wien und 23 Prozent in Salzburg und Klagenfurt. Auch im Oberland, im Unterland und in Osttirol haben wir verhältnismäßig niedrige Anteile an hochdigitalisierten Branchen.

Heißt das, dass Tirol zu den Verlierern der Digitalisierung gehören könnte?

Firgo:

Nein, nicht jede Region muss ein Digitalisierungs-Hub sein. Tirol hat ein hohes Beschäftigungswachstum, Wachstumsmotoren in den letzten Jahren waren Beherbergung, Gastronomie, Einzelhandel, Bauwesen und Sozialwesen. Das sind Branchen, wo es relativ wenig positive Beschäftigungseffekte aufgrund der Digitalisierung geben wird. In Tirol gibt es überdurchschnittlich viele Klein- und Kleinstunternehmen. Diese haben oft Schwierigkeiten, digitale Technologien zu implementieren, und müssen vorhandenes Wissen von außerhalb nutzen. Aber man muss sich natürlich Gedanken machen, wie man politisch gegensteuern kann, damit Tirol nicht zurückfällt.

Was liegt in der Verantwortung der Politik, was in der jener der Arbeitnehmer?

Firgo:

Digitalisierung zwingt alle beteiligten Akteure, flexibel zu sein, um erfolgreich zu sein. Die Politik darf nicht versuchen, ein Konzept über alle Regionen drüberzustülpen. Osttirol oder der Bezirk Landeck brauchen eine andere Strukturpolitik als Innsbruck. Es reicht nicht aus, in jedes Tal schnelles Breitband-Internet zu verlegen und zu hoffen, dass sich Unternehmen ansiedeln und die Bevölkerung nicht abwandert. Man muss die regionalen Zentren stärken. Und je flexibler die Arbeitnehmer sind und je mehr unterschiedliche Skills sie haben, umso eher werden sie, wenn sie ein Opfer der Automatisierung werden, einen anderen Job finden.

Das Interview führte Cornelia Ritzer




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