Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 09.05.2019


Wirtschaftspolitik

IV-Präsident Georg Kapsch: „Wir brauchen wieder Offenheit“

IV-Präsident Georg Kapsch wünscht sich fairen freien Handel und qualifizierte Zuwanderung. Außerdem will er mehr europäische Integration.

IV-Präsident Georg Kapsch will Fairness im globalen Handel.

© Foto TT/Rudy De MoorIV-Präsident Georg Kapsch will Fairness im globalen Handel.



Von Verena Langegger

Innsbruck – Mit den „Steuersenkungen“ der Regierung ist Georg Kapsch, Präsident der Industriellenvereinigung (IV), zufrieden, von einer „Steuerreform“ will er trotzdem nicht sprechen. Was etwa noch fehle, sei die Senkung der Lohnnebenkosten, der Beiträge beim Insolvenzentgeltausgleichsfonds oder auch der AUVA. Aus Unternehmersicht positiv sei jedoch die Möglichkeit, zwölf Stunden arbeiten zu lassen, die Regierung versuche, „den Standort zu stärken“.

Kapsch, selbst Unternehmer (CEO beim Verkehrstelematikkonzern Kapsch AG), kennt die aktuellen Probleme der Weltwirtschaft. Dem Kapsch-Konzern machten zuletzt internationale Sanktionen, die ein Engagement in Russland und im Iran verhindern würden, zu schaffen. „Geopolitisch hatten wir niemals in den letzten 70 Jahren eine derart instabile Lage“, sagt Kapsch. Und er wird deutlich: „Wir Europäer müssen darauf achten, dass wir nicht zwischen Nordamerika und China zerdrückt werden.“ Kapsch wünscht sich, dass Europa enger zusammenrückt. „Wir müssen uns geopolitisch besser organisieren, das bedeutet eine gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik“, also „weitere Integration“ und eine „Vollendung des Binnenmarktes“. Ob die Briten tatsächlich die EU verlassen? Kapsch wagt keine Prognose.

Wer glaube, nationale Interessen vertreten zu können, werde Verlierer sein, sinniert der Unternehmer. Kritik übt er an populistischer Politik, denn „die Politiker, die das treiben, die sind dann weg und die Leidtragenden sind die Menschen“. Er tritt dementsprechend auch „für freien Handel“ mit Betonung auf „fairen freien Handel“ ein. Denn das habe die Geschichte bewiesen: Freier Handel habe immer zu Wohlstand geführt, während „Nationalismen, Grenzen hochfahren immer dazu geführt haben, dass der Wohlstand zurückgegangen ist“.

Besonders wichtig seien aber auch faire wirtschaftliche Voraussetzungen, es müsste weltweit „zumindest ähnliche Rahmenbedingungen“ geben. Zudem sollten soziale, Umwelt- und Finanzierungsstandards ähnlich sein. „Es kann nicht sein, dass ein Land wie China seine nationale Industrie durch überhöhte Inlandspreise subventioniert“, kritisiert der Industriellenvertreter. Und er stellt das Wettbewerbsrecht anhand der gescheiterten Bahn-Fusion von Siemens-Alstom (die EU-Kommission hatte die Fusion der deutschen Siemens mit der französischen Alstom untersagt) in Frage. Für Österreich fordert Kapsch – angesichts des Facharbeitermangels – ein „adäquates“ Zuwanderungsrecht. Und eine genaue Differenzierung zwischen Asyl und qualifizierter Zuwanderung. „Asyl ist ein Menschenrecht“, und das sei sakrosankt.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Die neue Rot-Weiß-Rot-Card werde zeigen, ob qualifizierte Fachkräfte ins Land kommen. „Wir brauchen eine neue Willkommenskultur, wir brauchen wieder Offenheit“, fordert er. Asylwerber würde Kapsch sofort arbeiten lassen, zum gleichen Lohn wie alle anderen Arbeiter. 1,50 Euro Stundenlohn für gemeinnützige Arbeit sei „menschenverachtend“.