Letztes Update am Mo, 03.06.2019 13:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Basel IV

Neue Vorschriften könnten Banken Firmenbeteiligungen verleiden

Eine um Auftrag der Industriellenvereinigung erstellte Studie kommt zum Schluss, dass Basel IV Banken zum Ausstiege von Firmenbeteiligungen verleiten könnte.

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© APA/dpa/Frank RumpenhorstSymbolfoto.



Wien – Die geplanten Neuerungen bei den Kapitalvorschriften für Banken könnten Beteiligungen an großen Firmen für Kreditinstitute massiv erschweren. Denn der Entwurf für das Regelwerk Basel IV sieht deutlich höhere Risikopuffer für von Banken gehaltene Firmenanteile vor. Dies könnte die Banken dazu verleiten, ihre Anteile abzugeben, was langfristig Jobs gefährden und die Wertschöpfung reduzieren könnte.

Die konkreten Auswirkungen eines Rückzugs der Banken aus großen heimischen Leitbetrieben hat eine Studie des Industriewissenschaftlichen Instituts im Auftrag der Industriellenvereinigung (IV) untersucht. Die Studie lag der APA am Montag vor, zuvor hatte bereits der Standard darüber berichtet.

„Deutlich erhöhte Risikopuffer

Leitbetriebe erfüllen eine wichtige Funktion im Land, da sie sowohl direkt zur Wirtschaft beitragen, aber auch indirekt – beispielsweise über benötigte Vorleistungen, Konsum und Investitionen – eine starke Wirkung auf die Gesamtwirtschaft haben. Jeder 33. Wertschöpfungseuro in der österreichischen Volkswirtschaft ist mit einem der sechs untersuchten Leitbetriebe verknüpft, heißt es in der Studie. Im Jahr 2017 trugen die Betriebe laut der Untersuchung insgesamt – also direkt wie auch indirekt – 9,1 Milliarden Euro zur Wertschöpfung bei, sicherten knapp 137.000 Jobs ab und generierten einen Produktionswert von 25,7 Milliarden Euro.

Heimische Banken sind zu hohen Anteilen an diesen Leitbetrieben beteiligt, laut IV beträgt der Verkehrswert zumindest 3,7 Milliarden Euro, schrieb der Standard am Montag. Zudem sind sie wichtige Kreditgeber für die Firmen. Nun sieht der Entwurf für Basel IV vor, dass Kreditinstitute ihre Beteiligungen an großen Unternehmen in Zukunft mit einem Eigenkapitalsatz von 250 Prozent unterlegen müssen, anstatt wie bisher mit 100 Prozent. Dieser deutlich erhöhte Risikopuffer würde das Halten großer Firmenanteile deutlich unattraktiver machen und könnte heimische Banken dazu bewegen, ganz aus Unternehmen auszusteigen, so die Annahme der Studie. Zudem berufen sich die Autoren auf frühere Studien, denen zufolge eine höhere Belastung mit Eigenkapitalvorschriften die Bereitschaft der Banken, Kredite an kleinere Unternehmen zu geben, senken würde.

Über indirekte Effekte, sogenannte „Multiplikatoreffekte“, hätten die neuen Basel-IV-Vorschriften damit deutlich negative Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft. Diesen möglichen Folgen geht die Studie in zwei Szenarien nach. In einem ersten Szenario gehen die Ökonomen davon aus, dass im Falle eines Rückzugs der Banken die frei werdenden Anteile an den Kapitalmarkt gehen, also in den Streubesitz einfließen. Im zweiten Fall rechnen die Autoren jedoch damit, dass sich statt der Banken kurzfristig orientierte Finanzinvestoren in die Firmen einkaufen und es im schlimmsten Fall sogar zur Zerschlagung der Leitbetriebe kommt.

Studie sieht Arbeitsplätze gefährdet

Vor allem das zweite Szenario hätte schwerwiegende Folgen für die heimische Wertschöpfung und würde zahlreiche Jobs gefährden. „Die Auswirkungen zeigen sich nicht heute, sondern erst in ein paar Jahren. Dabei kommen wir schnell auf Werte, die meines Erachtens bedrohlich sind“, wird der Studienleiter Herwig Schneider im Standard zitiert.

Die Zahl der Jobs, die von den Leitbetrieben abgesichert werden, würde im Worst-Case-Szenario binnen zehn Jahren von 137.000 auf 76.000 Stellen sinken. Im Basisszenario, das annimmt, dass die Banken weiter wie bisher in die Betriebe investiert bleiben, würde sich die Zahl der Jobs hingegen auf rund 160.000 erhöhen. Ebenso würde die Wertschöpfung der Betriebe nicht wie im Basisszenario von 9,1 auf 13,8 Milliarden Euro steigen, sondern sich bis 2027 auf 6,6 Milliarden Euro reduzieren. Der Produktionswert würde von 25,7 Milliarden auf 19,9 Milliarden sinken, anstatt wie im Basisszenario auf 38,7 Milliarden Euro anzuwachsen.

Im Zuge der Studienergebnisse plädierte IV-Generalsekretär Christoph Neumayer dafür, dass die Politik auf europäischer Ebene die in Basel IV vorgesehenen Kapitalvorschriften beseitigt oder zumindest aufweicht, so der Standard. Denn Europa müsse die Vorschriften nicht zu 100 Prozent umsetzen, der gegebene Spielraum sollte daher genützt werden, so Neumayer laut der Zeitung. (APA)