Letztes Update am Do, 06.06.2019 15:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Notenbank

EZB greift Banken unter die Arme, keine Zinserhöhung bis 2020

Das geldpolitische Ziel der EZB ist es, die Kreditvergabe im Währungsraum zu beflügeln. Vor allem Banken in Italien, Spanien und Frankreich dürften wieder vermehrt zugreifen. Notenbank

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main.

© ReutersDie Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main.



Vilnius – Die Europäische Zentralbank (EZB) will den Banken mit eher großzügigen Zinskonditionen für die neuen Langfristkredite unter die Arme greifen. Bei den zweijährigen Darlehen, die in der Fachwelt „TLTRO III“ genannt werden, winkt den Banken eine Prämie, wenn sie bei der Kreditvergabe nachweislich bestimmte Ziele erfüllen, wie die EZB am Donnerstag mitteilte.

Die Langfristdarlehen erhalten die Banken zu einem Zins, der zehn Basispunkte über dem durchschnittlichen Leitzins während der Laufzeit der Kredite liegt. Bei Erfüllung von Kreditvergabezielen werde er aber sinken. Er könne dabei so niedrig liegen, wie der durchschnittliche Einlagensatz plus zehn Basispunkte während der Laufzeit der Geschäfte. Aktuell liegt der Satz bei minus 0,4 Prozent.

Anreize für Kreditvergabe

Das geldpolitische Ziel der EZB bei diesen speziellen Liquiditätsspritzen ist es, die Kreditvergabe im Währungsraum zu beflügeln. Sie sind daher so gestaltet, dass Banken Anreize erhalten, Darlehen an die Wirtschaft zu geben. In der vorangegangen Serie (TLTRO II) lag die Prämie bei bis zu 0,4 Prozent, wenn sie nachweislich mehr Kredite ausreichten.

Die neuen Darlehen, die die EZB ab September auflegen will, dürften Experten zufolge wie schon die Vorgänger-Serie vor allem in südlichen Euro-Ländern abgerufen werden. Vor allem Banken in Italien, Spanien und Frankreich hatten damals zugegriffen. Auf italienische Geldhäuser entfielen nach EZB-Daten zuletzt noch ausstehende Langfristkredite in Höhe von annähernd 240 Milliarden Euro, spanische Institute werden mit rund 167 Milliarden Euro aufgeführt, Banken aus Frankreich mit etwa 112 Milliarden Euro.

Niedrigzinskurs wegen schwacher Konjunktur

Europas Währungshüter halten angesichts wachsender Risiken für die Konjunktur an ihrem Billiggeldkurs fest und verschieben eine mögliche Zinserhöhung mindestens auf die zweite Jahreshälfte 2020. Der Leitzins im Euroraum bleibt auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Auch an den 0,4 Prozent Strafzinsen, die Banken zahlen müssen, wenn sie Geld bei der EZB parken, rüttelt die Notenbank weiterhin nicht.

Dies entschied der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) bei seiner auswärtigen Sitzung am Donnerstag in der litauischen Hauptstadt Vilnius, wie die Notenbank in Frankfurt mitteilte. Der EZB-Rat tagt üblicherweise mindestens einmal im Jahr außerhalb von Frankfurt.

Sparer müssen sich noch länger gedulden, ehe die Zinsen im Euroraum wieder steigen. Geschäftsbanken bekommen frisches Zentralbankgeld bis mindestens Mitte 2020 weiterhin zum Nulltarif.

Keine Staffelung der Strafzinsen

Im Mai lagen die Verbraucherpreise im Euroraum nach vorläufigen Angaben der Statistikbehörde Eurostat um 1,2 Prozent über dem Vorjahresniveau. Im April war die Inflation mit 1,7 Prozent noch wesentlich höher. Die neuesten Einschätzungen der EZB zur Entwicklung von Inflation und Wachstum in den 19 Staaten mit der Gemeinschaftswährung wird EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstagnachmittag veröffentlichen.

Die Hoffnungen der Finanzbranche auf Entlastung beim Strafzins erfüllten sich unterdessen zunächst nicht. Wegen der immensen Kosten der Negativzinsen - nach Branchenangaben allein im vergangenen Jahr rund 7,5 Milliarden Euro im Euroraum - waren zuletzt Forderungen nach einer Staffelung des Strafzinses oder Freibeträgen lauter geworden. Führende Notenbanker sehen dies jedoch skeptisch. Umstritten ist unter anderem, wie sehr der Negativzins die Geschäfte der Banken bremst. (APA, Reuters, TT.com)