Letztes Update am Mi, 03.07.2019 11:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Europa

Die Grande Dame der internationalen Finanzwelt soll die EZB führen

Christine Lagarde soll künftig die Europäische Zentralbank (EZB) führen. Für die Französin würde der Job als EZB-Chefin eine Rückkehr nach Europa unter neuen Vorzeichen bedeuten.

Die designierte EZB-Präsidentin Christine Lagarde

© ReutersDie designierte EZB-Präsidentin Christine Lagarde



Brüssel, Washington – Während Ursula von der Leyen als Vorschlag für die EU-Kommissionspräsidentin überrascht, hatte Christine Lagarde im Poker um Europas Top-Jobs schon früher eine Rolle gespielt – allerdings als Nachfolgerin Jean-Claude Junckers in Brüssel und nicht als Nachfolgerin Mario Draghis in Frankfurt.

Die 63-Jährige gilt als Grande Dame der Finanzwelt. Seit 2011 ist sie – nach dem unrühmlichen Abgang ihres Landsmannes Dominique Strauss-Kahn – die erste Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit Sitz in Washington. Ihr Amt trat sie inmitten der Euro-Schuldenkrise an.

„Arbeitstier“

In Griechenland weckt ihr Name einige Antipathien. Das pleitebedrohte Land wurde zwischen 2010 und 2018 mit milliardenschweren internationalen Krediten gestützt, an denen auch der IWF beteiligt war. Viele Menschen in dem Land warfen Lagarde allerdings vor, dafür zu strenge Auflagen und Bedingungen diktiert zu haben.

Bevor sie 2005 in die Politik ging, leitete die frühere Synchronschwimmerin eine der größten Kanzleien der Welt mit rund 4000 Anwälten. Für den Job pendelte Lagarde zwischen Büros in Hongkong, Chicago und Paris. Ihre zwei Kinder sah sie oft nur am Wochenende. Die Ehe wurde geschieden.

In die Politik kam sie 2005 zunächst als beigeordnete Ministerin für Außenhandel. 2007 machte der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy die gelernte Juristin und Amerikanistin zur Wirtschafts- und Finanzministerin. Lagarde galt dabei als gut vernetzte, geschickte Verhandlerin. Sie selbst bezeichnete sich einmal als „Arbeitstier“.

Unschöne Schlagzeilen

In der Vergangenheit musste sie sich allerdings auch mit unschönen Schlagzeilen herumschlagen. Ein Pariser Gericht urteilte 2016, dass sie in ihrer Zeit als französische Finanzministerin fahrlässig im Amt gehandelt habe. Der Gerichtshof der Republik sprach sie schuldig, verhängte aber keine Strafe. Lagarde habe eine Veruntreuung öffentlicher Gelder ermöglicht. Sie selbst hatte beteuert, nach bestem Gewissen gehandelt zu haben.

In der jüngeren Vergangenheit äußerte sich Lagarde immer wieder zur Wirtschafts- und Finanzpolitik von US-Präsident Donald Trump. So zeigte sie sich im April besorgt über die Unabhängigkeit von Notenbanken. Trump hat sich in die Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve eingemischt.

„Genug politisches Gewicht“

EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte, er sei absolut sicher, dass sie eine „sehr unabhängige“ EZB-Präsidentin werde. Der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, Clemens Fuest, sagte, Lagarde sei „sicherlich in der Lage, die unterschiedlichen nationalen Interessen und Perspektiven in der Währungsunion auszubalancieren“. Lagarde habe außerdem „genug politisches Gewicht, um die Unabhängigkeit der EZB gegen politische Übergriffe zu verteidigen“, sagte Fuest dem Handelsblatt.

Die endgültige Entscheidung für die Amtsübernahme ab 1. November ist aber noch nicht gefallen. Die EU-Staats- und Regierungschefs müssen unter anderem noch mit dem Europaparlament beraten, bevor sie abschließend abstimmen. (dpa, TT.com)

Christine Lagarde in Zitaten:

»Ich habe lange geglaubt, dass Arbeit und Kompetenz genügen, damit sich Frauen in der Gesellschaft und in Unternehmen durchsetzen. Das denke ich heute nicht mehr. Allerdings ist Erfolg niemals endgültig. Jeden Morgen muss man seine Fähigkeiten aufs Neue beweisen.« Lagarde in Sichtermann & Rose. 2013.

»Armut ist sexistisch. Wir müssen sicherstellen, dass Frauen nicht vergessen werden.« Lagarde 2015 im Guardian

„Ich bin der Meinung, dass das kapitalistische System ausreichend Spielraum für Innovationen bietet, und glaube an die Kräfte des Marktes, allerdings in einem regulatorischen Umfeld, das den Staaten die Instrumente an die Hand gibt, um auf Ungleichheiten zu reagieren."
Lagarde in einem Interview mit der Welt

Aufforderung an Griechenland: "Helft euch selbst und zahlt endlich Steuern."

"Wir verletzten alle Rechtsvorschriften, weil wir einig auftreten und wirklich die Euro-Zone retten wollten. Der Vertrag von Lissabon war eindeutig keine Rettungsaktionen."

"Wir müssen begreifen, dass nicht allein die Banken, sondern wir als Europäer alle auf dem Prüfstand stehen.

"Ja ich habe mein Geld zurück."
Lagarde zur Rückzahlung eine Kredites von 450 Millionen Euro durch die griechische Regierung

"Besser einander beschimpfen als einander beschießen."
Lagarde zitiert Winston Churchill

Es schüttet noch nicht, aber es nieselt schon ein bisschen. Wir müssen das Dach reparieren , so lange die Sonne scheint."
Lagarde 2018 über den zu erwartenden Abschwung der Konjunktur

"Es gibt viele verschiedene Wege, der Katze das Fell über die Ohren zu ziehen."
Lagard im Deutschlandradio Kultur zu den Verhandlungen Athens mit den Banken über einen freiwilligen Schuldenschnitt in Griechenland.