Letztes Update am So, 14.07.2019 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Fusion der Krankenkassen: “Alle Filialen bleiben“

Mit 1. Jänner 2020 wird aus den neun Gebietskrankenkassen die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK). Billiger wird’s erst später.

Martin Schaffenrath (Vizechef Hauptverband): „Einsparungen durch Synergien sollen den Patienten durch bessere Leistungen zugutekommen.“

© Andreas RottensteinerMartin Schaffenrath (Vizechef Hauptverband): „Einsparungen durch Synergien sollen den Patienten durch bessere Leistungen zugutekommen.“



Von Alois Vahrner

Innsbruck, Wien – Die türkis-blaue Koalition ist zwar geplatzt, die Fusion der Krankenkassen aber nicht. Aus bisher 21 Sozialversicherungsträgern werden mit Anfang 2020 nur noch fünf: neben der dann fusionierten ÖGK weiters die SVS (Sozialversicherung der Selbständigen), die BVAEB (Versicherungsanstalt für den Öffentlichen Dienst und Schienenverkehrsunternehmen), die PVA (Pensionsversicherungsanstalt) und die AUVA (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt).

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Erklärtes Ziel der Regierung war es vor allem, das komplizierte System mit Doppelgleisigkeiten, Intransparenzen und Leistungs-Unterschieden je nach Bundesländer-Grenzen zu bereinigen. Beim Höchstgericht sind etliche Verfassungsklagen, etwa auch der Tiroler AK, anhängig (bis hin zur geplanten Beitragsprüfung durch das Finanzamt). Urteile dürften erst nach der Wahl erfolgen – und damit der künftigen Regierung dann eventuell gleich einige Hausaufgaben mitgeben.

Die Reform werde mit Hochdruck umgesetzt, sagt der Vize-Vorsitzende des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger, der Tiroler Martin Schaffenrath. Die neue Österreichische Gesundheitskasse werde künftig für über 7,2 Mio. Versicherte zuständig sein und mit einem Gesamtbudget von über 15 Mrd. Euro „der größte Player im österreichischen Gesundheitssystem sein“, so Schaffenrath.

Die Reorganisation der Gebietskrankenkassen werde zurzeit in über 60 Teilprojekten aufgearbeitet. Jedes Land solle künftig für einen Schwerpunktbereich (etwa Finanzen, Personal, Vertragsleistungen etc.) übergeordnet auch für ganz Österreich zuständig werden. Wird die ÖGK zum Wiener Wasserkopf? Nein, sagt Schaffenrath. Der Hauptsitz der Anstalt werde zwar Wien sein, die Ansprechpartner in den Bundesländern würden aber bleiben. „Wir möchten künftig österreichweit planen und für die Versicherten einheitliche Leistungen garantieren, aber weiterhin sehr regional handeln.“ So werde man an allen 127 Servicestellen der Krankenkassen und über 80 eigenen Gesundheitseinrichtungen festhalten, so Schaffenrath.

In der jüngeren Vergangenheit seien schon etliche vorher in den Ländern unterschiedlich geregelte Leistungen harmonisiert worden, etwa die Zuschüsse für Rollstühle, die Blutzucker-Teststreifen bis hin zu den Zuschüssen für abnehmbare und festsitzende Zahnspangen. Vieles wie im Bereich der chefärztlichen Bewilligungen für CT

MRT-Untersuchungen, bei den Bewilligungen für physio- und psychotherapeutische Leistungen oder die Bewilligung von Heilbehelfen (Kontaktlinsen, Schuheinlagen, orthopädische Maßschuhe, Inkontinenzprodukte oder Rollstühle) stehe hier noch aus. „Es kann doch nicht sein, dass in verschiedenen Bundesländern tätige Eltern überlegen müssen, wo sie ihre Kinder mitversichern, weil die Leistungen trotz gleicher Beiträge stark unterschiedlich sind“, sagt Schaffenrath.

Von Türkis-Blau wurde angekündigt, dass eine „Patienten-Milliarde“ aus den angekündigten Einsparungen herausschauen werde. Vorerst werde die Fusion sogar Mehrkosten verursachen, sagt Schaffenrath. Wie hoch die kumulierten Einsparungen etwa durch konzentrierten Einkauf, mittelfristige personelle Synergien oder gemeinsame IT dann bis zum Jahr 2023 ausfallen, werde sich in der Realität erst zeigen. Das eingesparte Geld solle jedenfalls in die Stärkung des niedergelassenen Bereichs und der Kassenärzte investiert werden. Der Service für die Patienten solle durch die dann fusionierte ÖGK jedenfalls verbessert und die Gesundheitsförderung ausgebaut werden.