Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 30.07.2019


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Drauf steht, was (nicht) drinsteckt: Streit um Fleisch-Ersatzprodukte

Streit um Fleisch und seinen Ersatz: Das EU-Parlament soll ein Bezeichnungsverbot für „Veggie-Burger“ und Co. durchwinken. Dagegen regt sich jetzt Widerstand. Eine Petition hat Zehntausende Unterschriften gesammelt.

Täuschend echte Konkurrenz: Dieser Burger enthält kein Fleisch, sondern ein Laibchen aus Bohnen, Bindemittel und Gewürzen.

© iStockTäuschend echte Konkurrenz: Dieser Burger enthält kein Fleisch, sondern ein Laibchen aus Bohnen, Bindemittel und Gewürzen.



Von Deborah Darnhofer

Innsbruck, Wien — Bislang gab es in der Lebensmittelbranche ein Monopol auf das Wort „Fleisch". Daran rütteln Produzenten pflanzlicher Alternativen. Sie erobern mit „Veggie-Burger" und „-Schnitzel" den Markt. Das gefällt nicht allen. Seit auf EU-Ebene ein Bezeichnungsverbot für die pflanzlichen Alternativen eingebracht wurde, gehen die Wogen hoch. Vor drei Wochen wurde europaweit eine Petition gestartet. Wichtige Fragen und Antworten:

Warum sollen pflanzliche Ersatzprodukte nicht „Burger", „Schnitzel" oder „Wurst" heißen?

Spitzen der Fleischindustrie und teilweise Politiker sprechen von Konsumentenirreführung und Verbrauchertäuschung. Pflanzliche Produkte enthalten kein Fleisch, ihre Namen deuten aber darauf hin.

Dem EU-Parlament wurde im Mai ein Vorschlag vorgelegt, diese Produktbezeichnungen für pflanzliche Waren zu verbieten. Das Bezeichnungsverbot ist Teil von neuen Kennzeichnungsregelungen eines Fünf-Jahres-Pakets, das im Landwirtschaftsausschuss des EU-Parlaments eingebracht wurde.

Mit ein Grund für den Vorstoß dürften auch marktwirtschaftliche Überlegungen und die Angst vor neuer Konkurrenz sein. Der Konsum von Fleisch ist in den letzten Jahren leicht gesunken: in Österreich von 66,8 Kilogramm pro Kopf im Jahr 2007 auf 63,4 Kilogramm pro Kopf 2017. Lebten 2005 noch rund drei Prozent fleischlos, bezeichnet sich heute jeder zehnte Österreicher als vegetarisch oder vegan. Jeder vierte gilt als Flexitarier und konsumiert bewusst weniger Fleisch. Die Trendthemen Gesundheit und Umwelt sind längst auch im Nahrungsmittelbereich wirksam.

Der Absatz von pflanzlichen Alternativen steigt teilweise rasant. Der deutsche Fleischhersteller Rügenwalder Mühle brachte 2014 seine ersten fleischlosen Produkte heraus. Heute macht das Unternehmen laut Deutscher Presse-Agentur über 30 Prozent seiner Umsätze damit. Im kommenden Jahr sollen es sogar 40 Prozent sein. In den USA ist die Situation ähnlich: Fleischersatzprodukte sind dort zunehmend beliebt. Laut der Organisation „The Good Food Institute" legten die Verkäufe 2018 um 23 Prozent zu. Gegen Gesetze in einzelnen US-Bundesstaaten (Arkansas, Missouri, Mississippi, Louisiana), welche die Bezeichnung „Fleisch" für pflanzliche Lebensmittel verbieten, wurden Klagen eingereicht.

Wer bekämpft das Bezeichnungsverbot in Europa?

Die europäische Dachorganisation der vegetarischen bzw. veganen Verbände der Länder und eine internationale Organisation haben vor drei Wochen eine Petition „gegen das Veggie-Burger-Verbot" initiiert. Sie sammeln Unterschriften und wollen das Bezeichnungsverbot verhindern. „Europaweit haben wir bisher insgesamt fast 75.000 Unterschriften gesammelt, in Österreich sind es bisher 4656", berichtet Felix Hnat, Obmann der Veganen Gesellschaft Österreich (VGÖ).

Den Vorwurf der Konsumententäuschung bezeichnet er als „absurd". Er verweist auf eine Studie, welche die VGÖ kürzlich in Auftrag gegeben hat. „Vor zwei Supermärkten in Wien wurden Menschen befragt. Keiner hat angegeben, jemals fälschlicherweise pflanzliche Produkte gekauft zu haben."

Hermann und Sohn Thomas Neuburger, Fleischkäsehersteller und Produzenten von pflanzlichen Fleischalternativen aus Pilzen aus dem Mühlviertel, unterstützen die Petition. „Die Konsumenten sind mündig. Sie können sehr gut zwischen einem Burger aus Fleisch und einem fleischlosen Burger unterscheiden", erklärt Thomas Neuburger in einer Aussendung. Laut ihm beziehen sich die Bezeichnungen „Burger", „Schnitzel" und Co. auf Form und Zubereitung des Lebensmittels, nicht auf dessen Zutaten.

Wie geht es in dem Streit weiter?

Die Petition wird bis in den Herbst fortgeführt. Im EU-Parlament steht kein konkreter Zeitplan fest. Zunächst müsste es den Vorschlägen aus dem Landwirtschaftsausschuss zustimmen. Dann würde das Maßnahmenpaket den Mitgliedsstaaten und der Kommission vorgelegt. Die Umsetzung könnte sich Jahre hinziehen. Seit 2017 dürfen jedoch nach einem Entscheid des Europäischen Gerichtshofs pflanzliche Alternativen zu Milchprodukten nicht mehr als Milch, Käse oder Joghurt bezeichnet und verkauft werden.

Warum sollen pflanzliche Produkte schmecken wie echtes Fleisch?

Eine kulturelle und geschmackliche Prägung dürfte hauptentscheidend sein. Die meisten Österreicher sind mit Fleischspeisen wie Schnitzel, Würsten und Laibchen aufgewachsen. Ein Verzicht fällt mitunter schwer, das bestätigt VGÖ-Obmann Hnat. Daher seien Imitate beliebt. „80 Prozent der pflanzlichen Alternativen werden von Fleischessern gekauft, die ihren Fleischkonsum reduzieren wollen", verweist er auf eine Verbraucherstatistik.

Was sind pflanzliche Fleisch-Alternativen?

Die pflanzlichen Produkte ahmen traditionelle Fleischwaren in Optik, Konsistenz und Geschmack nach. Sie bestehen je nach Hersteller hauptsächlich aus Soja, Getreide (z. B. Weizeneiweiß), Erbsen, Bohnen oder Pilzen. Hinzugefügt werden mitunter Bindemittel (z. B. Ei), Fett (z. B. Rapsöl), Salz und Gewürze.