Letztes Update am Do, 01.08.2019 08:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Geldpolitik

Die US-Notenbank senkt erstmals seit zehn Jahren wieder die Zinsen

Trumps Handelskonflikte führen zur Zinswende in den USA. Die Handelskonflikte und langsameres Wachstum machen der Zentralbank Sorgen.

Der Sitz der US-Notenbank in Washington.

© Reuters/Chris WattieDer Sitz der US-Notenbank in Washington.



Washington — Die Unabhängigkeit ist der US-Notenbank heilig — und doch scheint die von ihr beschlossene Zinssenkung klar von Präsident Donald Trumps Politik angetrieben zu sein. In der Begründung ihrer Entscheidung, den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte zu senken, verwies die Federal Reserve (Fed) vor allem auf die von Trump angezettelten Handelskonflikte, die das globale Wirtschaftswachstum bremsen.

- AFP

Besonders der Handelskrieg zwischen den USA und China, den beiden größten Volkswirtschaften, droht die Konjunktur zu bremsen. „Die von Handelsfragen bestimmte Unsicherheit war größer als erwartet", sagte Fed-Chef Jerome Powell zur Begründung der Zinssenkung am Mittwoch. Der Leitzins liegt nunmehr in der Spanne von 2,00 bis 2,25 Prozent. Es war die erste Zinssenkung seit der globalen Finanzkrise vor rund einem Jahrzehnt. Die weithin erwartet Zinswende ließ die Börse zunächst kalt, dürfte den Märkten und der US-Wirtschaft aber mittelfristig neuen Schwung verleihen.

Euro auf tiefstem Stand seit Mai 2017

Der Euro war bereits am Mittwochabend direkt nach der Fed-Zinsentscheidung unter Druck geraten und unter die Marke von 1,11 Dollar gefallen. In New York notierte er gegen 22 Uhr bei 1,1064 Dollar. Am Nachmittag hatte die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs noch auf 1,1151 (Dienstag: 1,1154) Dollar festgesetzt.

Grund für die Dollar-Gewinne waren Aussagen des Fed-Vorsitzenden Jerome Powell, dass nach der erwarteten Leitzinssenkung keine Serie von Schritten dieser Art ansteht. Da auch in Europa mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik zu rechnen ist, gab der Euro in den vergangenen Wochen bereits deutlich nach. Ende Juni lag der Kurs noch bei mehr als 1,14 Dollar.

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Weder-noch-Entscheidung

Die Zinssenkung sei eine Absicherung um sicherzustellen, dass globale Risiken nicht das weitere Wachstum der US-Wirtschaft bremsen, erklärte Powell. Die Notenbank signalisierte auch die Möglichkeit weiterer Zinssenkungen. Es gehe darum „angemessen zu handeln", um den seit zehn Jahren anhaltenden Aufschwung der US-Wirtschaft „zu erhalten", sagte Powell. Zudem werde die Bank die Drosselung ihres Anleihenprogramms schon im August beenden, zwei Monate früher als geplant, erklärte die Fed weiter.

Die US-Konjunktur sei weiterhin robust, und es gebe abgesehen von den globalen Gegebenheiten in der kurzen Frist keine Risikofaktoren, sagte Powell. Er machte klar, dass die Zinssenkung wahrscheinlich weder ein alleinstehendes Ereignis noch der Beginn einer „langen Serie von Absenkungen" sein werde. Die nächste Zinssitzung der Fed findet im September statt.

Nach der verheerenden globalen Finanzkrise 2008/2009 hatte die Notenbank die Zinsen aggressiv gesenkt, um die Wirtschaft zu stabilisieren. 2015 begann sie, den Leitzins wieder sukzessive zu erhöhen. Noch 2018 gab es vier Zinserhöhungen.

Trump zürnt und twittert

Der Leitzins, die sogenannte Federal Funds Rate, ist der Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken über Nacht Geld leihen. Eine Senkung des Zinssatzes verbilligt Kredite, weswegen Firmen leichter investieren können und viele Bürger weniger für Schuldendienst ausgeben müssen und damit mehr Einkommen zur Verfügung haben.

Mit der Zinssenkung kam die Notenbank auch ihrem prominentesten Kritiker entgegen - Präsident Trump. Er äußert seit Monaten öffentlich harsche Kritik am Kurs der Notenbank und fordert deutlich niedrigere Zinsen. So bezeichnete er die Fed bisweilen als „völlig ahnungslos". Am Mittwoch zürnte er auf Twitter, Powell habe die USA einmal mehr „im Stich gelassen". Die Märkte hätten darauf gehofft, dass dies der „Beginn eines langen und aggressiven Zyklus von Zinssenkungen" sei, so Trump. Dies sei nötig, um die Wettbewerbsfähigkeit der USA zu stärken.

Wachstum robust

Auf die Frage, ob Trumps Kritik bei der Entscheidung der Notenbank eine Rolle gespielt habe, sagte Powell: „Politische Erwägungen spielen für uns nie eine Rolle." Der Notenbankchef betonte auch, man kritisiere die Handelspolitik Trumps nicht, man versuche lediglich, deren Konsequenzen für die US-Wirtschaft einzukalkulieren.

Die US-Arbeitslosenquote lag im Juni bei nur 3,7 Prozent. Das Wachstum der Wirtschaft ist noch robust, verlangsamt sich aber. Die Inflation indes liegt unter dem Ziel der Notenbank von zwei Prozent. Einige Analysten hatten daher argumentiert, es brauche eine größere Zinssenkung um 0,5 Prozent, um Inflation und Wirtschaft anzuheizen.

Keine Einstimmigkeit

Die Entscheidung der Fed fiel nicht einstimmig. Zwei Notenbanker in dem neunköpfigen geldpolitischen Ausschuss FOMC stimmten gegen die Zinssenkung. Die Notenbanker Esther George und Eric Rosengren wollten den Leitzins lieber unverändert lassen. Analysten sahen darin ein Zeichen, dass es ohne wirtschaftliche Veränderungen vermutlich nicht bald zu weiteren Zinssenkungen kommen würde.

Die Drosselung des Anleihenprogramms wiederum war eigentlich erst ab Oktober geplant. Sie war notwendig geworden, weil die Notenbank nach der Finanzkrise Staatsanleihen und Hypothekenpapiere im Wert von mehreren Billionen Dollar erworben hatte. Der Abbau dieser Vermögenswerte wurde parallel zum seit Ende 2015 vollführten Zinsanhebungskurs vorgenommen. (APA, dpa)