Letztes Update am Mo, 05.08.2019 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

China-Experte im Interview: „China will die USA ablösen“

Durch ökonomische Anreize und Investments in der Welt will China, derzeit Nummer zwei, die USA als Wirtschaftsmacht Nummer eins ablösen. Beide Staaten liefern sich ein Match um die digitale Vormachtstellung.

China liefert an jene Staaten, in denen es Infrastrukturprojekte verwirklicht, nicht nur Geld, sondern auch Know-how.

© iStockphotoChina liefert an jene Staaten, in denen es Infrastrukturprojekte verwirklicht, nicht nur Geld, sondern auch Know-how.



Innsbruck, Wien – Im vergangenen Jahr betrug das chinesische Engagement in Europa mehr als 17 Milliarden Euro. Im Vergleich dazu wurden in der Hochphase 2016 allerdings rund 37 Milliarden Euro aufgewendet. Grund für die Abnahme chinesischer Investitionen sind strenge Regularien sowohl in Europa als auch in China, sagt der China-Experte Herbert Kovar. China bleibe jedoch für Österreich und die EU ein wichtiger Handelsmarkt.

Warum engagieren sich chinesische Unternehmer eigentlich im kleinen Österreich?

Herbert Kovar: Aufgrund der zentralen Lage Österreichs schätzen chinesische Unternehmer die Nähe sowohl zu den osteuropäischen Staaten als auch zu Deutschland, der Schweiz und Frankreich. Darüber hinaus genießt Österreich nicht nur aus kultureller Sicht einen exzellenten Ruf in China. Die zahlreichen internationalen Organisationen in Wien, allen voran die Vereinten Nationen, verstärken dieses gute Image. Die strategische Bedeutung Wiens wird durch die Etablierung des chinesischen Schiedsinstituts CIETAC verdeutlicht. China will damit die zahlreichen chinesischen Unternehmen beim Ausbau ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten in der EU unterstützen.

In welche Projekte stecken chinesische Unternehmen besonders gerne Geld? Gibt es Lieblingsbranchen?

Kovar: Je nach Region unterscheiden sich die Präferenzen für den Kauf von Beteiligungen, Verschmelzungen und Akquisitionen. In Westeuropa sind zunehmend strategische Beteiligungen und Forschungszentren für chinesische Konzerne attraktiv. In Südeuropa werden in Folge der Finanzkrise und der Privatisierung Beteiligungen an Elektrizitätswerken, Infrastruktureinrichtungen, Automobilunternehmen, Finanz- und Versicherungsdienstleistungsanbietern und Immobilien forciert.

Nach welchen Kriterien entstehen Beteiligungen?

Kovar: In den vergangenen Jahren erhielten vermehrt strategische Projekte und Assets erhöhte Aufmerksamkeit, da diese gerade bei der Belt-Road-Initiative eine maßgebliche Rolle spielen. Aus diesem Grund sind nicht nur ökonomische Faktoren von großer Bedeutung, sondern auch politische. Dabei ist der Hafen von Piräus in Griechenland zu erwähnen. Nicht ohne Grund wird dieser oftmals als Chinas Tor zu Europa bezeichnet.

Sie scheinen überall zu sein. Wo engagiert sich China eigentlich nicht in der Welt?

„In Westeuropa sind strategische Beteiligungen und Forschungszentren für chinesische Konzerne attraktiv", sagt Herbert Kovar
 (China-Experte Deloitte).
„In Westeuropa sind strategische Beteiligungen und Forschungszentren für chinesische Konzerne attraktiv", sagt Herbert Kovar
 (China-Experte Deloitte).
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Kovar: China hat seit der wirtschaftlichen Öffnung in den 1980er-Jahren seine globale Rolle in mehreren Phasen gefestigt. Zu Beginn konzentrierte sich der Handel auf die Vereinigten Staaten, Japan und weitere asiatische Staaten. Danach wurden die Beziehungen zu den aufsteigenden BRICS-Schwellenländern, zu denen Brasilien, Indien und Russland gehören, deutlich intensiviert. Mit der Belt-Road-Initiative forciert zudem Staatspräsident Xi Jinping ein verstärktes Engagement mit den europäischen, asiatischen und afrikanischen Nationen. Das Projekt umfasst eine Wiedereinführung der antiken Seidenstraße, einer Handelsstraße zwischen Europa und China, mehrere Landkorridore nach Zentralasien und in den Mittleren Osten und eine Seeroute, die Länder aus Südostasien, Afrika und Europa verbindet. Damit verdeutlicht China seine Ambitionen, sich als führender Handelspartner in allen Regionen der Welt zu positionieren.

Steckt ein politischer Plan dahinter oder geht es rein um Jobs für Chinesen und Export?

Kovar: Die Belt-Road-Initiative verfolgt nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische und militärische Interessen. China möchte sich durch die ökonomischen Anreize einen besseren Zugang zu den umliegenden Regionen verschaffen, um damit die Vereinigten Staaten in den kommenden Jahren als Wirtschaftsmacht Nummer eins abzulösen. Die Vielzahl an Infrastrukturprojekten im Ausland ermöglicht China sowohl physische Präsenz vor Ort als auch die Wahrung der strategischen Interessen in den jeweiligen Regionen.

Dominiert China – wie kürzlich bekannt wurde – deshalb die internationale Baubranche?

Kovar: Aufgrund des rasanten Wirtschaftswachstums konnte sich China auf die Errichtung von Hochhäusern, Schienennetzen, Straßen und Industrieeinrichtungen spezialisieren. Damit trägt man der hohen Inlandsnachfrage Rechnung. Durch die Belt-Road-Initiative konnte die Volksrepublik in den vergangenen Jahren die Überkapazitäten durch Großaufträge im Ausland kompensieren. Darüber hinaus versucht die chinesische Führung, oftmals staatsnahe Unternehmen und Banken mit der Ausführung und Unterstützung des Infrastrukturprojekts zu beauftragen. Dadurch konnte die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft diese dominante Stellung in der Baubranche erlangen.

Auch in Afrika werden etwa Staudammprojekte sehr oft von chinesischen Unternehmen durchgeführt. Warum werden Infrastrukturprojekte bevorzugt?

Kovar: Auf der einen Seite profitieren afrikanische Staaten vom ausländischen Knowhow und der finanziellen Unterstützung, die eine rasante Verbesserung der lokalen Infrastruktur ermöglicht. Auf der anderen Seite haben diese Infrastrukturprojekte aufgrund der Komplexität und Größe ein höheres Auftragsvolumen. Das macht sie attraktiv für zahlreiche chinesische Unternehmen und Banken. Die Errichtung von notwendigen Staudämmen, Straßen, Elektrizitätswerken und allen voran Häfen bringt für China auch strategische Vorteile. Das Land hält oft Beteiligungen an Schlüsselindustrien und kann somit wirtschaftliche und politische Interessen im Ausland wahren.

Das Gespräch führte Verena Langegger

China und die USA setzen auf Forschung

Und auch bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung liegt China – zusammen mit den USA – vorne. Laut einer aktuellen Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY steigern etwa deutsche Großkonzerne ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung deutlich langsamer als ihre Konkurrenten in den USA und China. Insgesamt habe sich das Innovationsbudget der 35 deutschen Unternehmen, die sich in der Liste der Top-500-Konzerne weltweit platzieren, 2018 um neun Prozent auf 60 Mrd. Euro erhöht. Zum Vergleich: Die stärksten Zuwächse wurden für chinesische Unternehmen mit 23 Prozent registriert, während die wichtigsten US-Konzerne auf plus zwölf Prozent kamen, wie die gestern veröffentlichte Untersuchung zeigt. Das höchstplatzierte deutsche Unternehmen im weltweiten Ranking ist Volkswagen (5. Platz) mit Ausgaben von 12,1 Mrd. Euro, was den Autobauer zu Europas Nummer eins beim Innovationsbudget macht. Auch Daimler (18.), Siemens (22.), BMW (25.) und der Pharmakonzern Bayer (26.) finden sich weit vorne. Das weltweit höchste Innovationsbudget wies mit umgerechnet 24,4 Mrd. Euro erneut der amerikanische Online-Händler Amazon aus, ein Plus von 27 Prozent. Auf Platz zwei liegt demnach unverändert die Google-Muttergesellschaft Alphabet mit 18,2 Mrd. Euro vor dem südkoreanischen Elektronikkonzern Samsung (14,4 Mrd. Euro) und dem US-Technologie-Riesen Microsoft (12,5 Mrd. Euro). Alle drei Unternehmen verzeichneten zweistellige Steigerungsraten ihrer Ausgaben für F&E. (APA, ver)