Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 12.08.2019


Europäisches Forum

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz: „Privates Gesundheitssystem versagt“

Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz rechnet beim Europäischen Forum Alpbach mit dem System privater Gesundheitsversorgung ab: Öffentliche Versorgung und Krankenkassen-System seien besser, so Stiglitz.

Joseph Stiglitz spricht sich klar für eine Finanzierung des Gesundheitssystems aus öffentlichen Mitteln aus.

© APAJoseph Stiglitz spricht sich klar für eine Finanzierung des Gesundheitssystems aus öffentlichen Mitteln aus.



Alpbach – Am 18. August hält Joseph Stiglitz, Träger des alternativen Wirtschaftsnobelpreises, den Hauptvortrag bei der Eröffnung der Gesundheitsgespräche im Rahmen des Europäischen Forums Alp­bach. Dem Experten zufolge haben auf privater Finanzierung basierende Systeme der Gesundheitsversorgung versagt. Das gelte besonders für die USA, erklärte er gegenüber der APA.

Die europäischen Systeme einer öffentlichen Gesundheitsversorgung mit Finanzierung aus Steuermitteln oder über soziale Krankenkassen biete klare Vorteile, betonte Stiglitz. „Da haben wir in den USA ein enormes Systemversagen. In den Vereinigten Staaten ist die Lebenserwartung in den drei vergangenen Jahren ständig gesunken. Wir geben enorm viel für Gesundheit aus. Aber davon profitieren vor allem die Pharmaindustrie und die privaten Krankenversicherungen.“ Private Krankenversicherungen seien da keine Lösung, wie der Wirtschaftsnobelpreisträger betonte: „Private Versicherungen maximieren ihre Prämieneinkommen und minimieren die Leistungen.“ Auch in Österreich befürchten Kritiker, dass die Krankenkassenfusion letztlich dazu führe, dass Menschen sich viel stärker privat krankenversichern werden müssen.

In den USA betrug der Anteil der Gesundheitsausgaben im Jahr 2017 am Bruttoinlandsprodukt 17,9 %. „Dabei haben wir Millionen Menschen ohne Krankenversicherung“, erklärte der Wirtschaftswissenschafter (Columbia University/New York). Laut OECD-Daten lag der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP 2017 in Österreich bei 10,3 % (EU-28-Durchschnitt: 9,6 %).

Der Weg könne für die USA nach dem Neoliberalismus nur in Richtung der Ausweitung der Gesundheitsversorgung mit öffentlicher Finanzierung gehen, meinte Stiglitz: „Ein öffentliches Gesundheitssystem hat den Vorteil, dass man Präventionsmaßnahmen ergreifen kann.“ Das sei in einem privat finanzierten System aus Gründen der Gewinnmaximierung kaum möglich. „Die Menschen gehen nicht zum Arzt, wenn sie es frühzeitig sollten.“ Das mache sich entwickelnde Krankheiten oft nur noch schlimmer.

Die sich in Teilen der Gesellschaft verschlechternde soziale Lage sei die zweite große Herausforderung, betonte Stiglitz. Die sozioökonomische Situation der Menschen – etwa in ehemaligen Schwerindustrieregionen der USA – entscheide mit über die Gesundheit. „Da haben wir es mit einem massiven Zusammenbruch der Gesellschaft zu tun. Das ist eine Entwicklung, wie wir sie nur in der auseinanderbrechenden UdSSR gesehen haben. Reihenweise Suizide und eine Drogen-Epidemie.“ Chancenlosigkeit, mangelndes Einkommen, Verzweiflung und Frustration würden Gesundheit und die Existenz der Menschen bedrohen. (APA)