Letztes Update am Mo, 18.11.2019 06:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Wifo-Ökonomin: Per CO2-Preis zum klimaschonenden Verhalten

Für Wifo-Ökonomin Angela Köppl ist der Preis auf CO2-Ausstoß ein wichtiges Element einer Klimapolitik mit spürbarem Lenkungseffekt.

Wer CO2 produziert, wird zur Kasse gebeten: Das trifft Branchen wie Industrie und Transport. Auch viele Lebensmittel und Reisen werden teurer.

© iStockphotoWer CO2 produziert, wird zur Kasse gebeten: Das trifft Branchen wie Industrie und Transport. Auch viele Lebensmittel und Reisen werden teurer.



Was spricht dafür, den Preis für den CO2-Ausstoß zu erhöhen, was spricht dagegen?

Angela Köppl: Durch einen CO2-Preis werden die so genannten sozialen Kosten dem individuellen Verhalten zugerechnet. Wenn jemand z. B. mit dem Auto fährt, dann zahlt er den Benzin, aber die Kosten, die durch die Emissionen entstehen, nicht. Aus ökonomischer Sicht spricht nichts gegen eine Steuer, wie sie wirkt, hängt stark davon ab, wie die Bepreisung ausgestaltet wird. Es kann zum Beispiel sein, dass es zu unerwünschten Verteilungseffekten kommt und soziale Härten für bestimmte Haushaltsgruppen entstehen.

Wie kann das verhindert werden?

Köppl: Indem man sich überlegt, wie die Einnahmen aus einer CO2-Bepreisung verwendet werden. Dafür gibt es mehrere Optionen. Die erste Möglichkeit wäre, dass die Einnahmen ins Budget fließen, es gibt aber weitere Maßnahmen wie einen Ökobonus, die Rückverteilungsoption durch die Senkung der Abgaben auf Arbeit oder Investitionen in Klimamaßnahmen. All diese Optionen haben Vor- und Nachteile.

Was macht mehr Sinn auf europäischer Ebene – und was kann Österreich beim CO2-Preis alleine machen?

Köppl: Grenzausgleichs-Zölle sind eine EU-Angelegenheit, ebenso wie die Kerosin-Besteuerung von europäischen Flügen. Einen CO2-Preis kann Österreich national einführen. Länder wie die Schweiz und Schweden haben das gemacht, haben aber z. B. Unternehmen im EU-Emissionshandel ausgenommen oder den Mobilitätssektor in der Schweiz. Ein CO2-Preis ist jedoch nur ein Puzzlestein in einem umfassenderen Zugang. Wenn man den Mobilitätsbereich neu denkt, könnte man bei Einführung einer CO2-Bepreisung überlegen, ob alle Steuern, die mit Mobilität zu tun haben, anders auszugestalten wären. Oder idealerweise gleich über eine vereinfachte und ökologische Gestaltung der Pendlerförderung nachdenken.

Hat die Politik genügend Mut zu entscheiden, dass manche verzichten müssen?

Köppl: Der Verzicht hängt immer sehr stark davon ab, wie ich etwas einführe und gestalte. Wenn Energiekosten durch bessere Gebäude langfristig reduziert werden, dann heißt das nicht notwendigerweise verzichten. Dann hat man das gleiche oder sogar ein höheres Wohlbefinden in einem Gebäude ohne Öl- oder Gasheizung. Die Herausforderung ist, wie ich eine CO2-Bepreisung in eine Transformationsvorstellung insgesamt einbinde, weniger der Verzicht. Wegen der kurzfristig unerwünschten Effekte wäre es sinnvoll, dass man ein Bepreisungsmodell schrittweise einführt, damit Anpassungen bei Investitionsentscheidungen wie z. B. einem Fahrzeugkauf erleichtert werden.

Der Angst vor dem Verzicht steht die Sorge der Industrie gegenüber, dass der Standort geschwächt werde.

Köppl: Da kommen wir wieder auf die Bemessungsgrundlage zurück. Wenn man z. B. nur den Sektor nimmt, der nicht im Emissionshandel reguliert wird, dann trifft es die energieintensive Industrie nicht. Es würde wohl andere Unternehmensbereiche betreffen wie den Dienstleistungsbereich und kleinere Unternehmen, die nicht so hohe Emissionen haben und daher nicht durch den EU-Emissionshandel reguliert werden, und die Haushalte.

In Deutschland soll ein CO2-Preis beginnend bei zehn Euro pro Tonne gelten. Dieser Preis hat laut Kritik keinen Lenkungseffekt.

Köppl: Bei 50 Euro pro Tonne CO2 würde sich der Liter Treibstoff inklusive Mehrwertsteuer ungefähr um 15 Cent verteuern. In der Vergangenheit waren viel höhere Schwankungen durch Ölpreisschwankungen oder unterschiedliche Preise an unterschiedlichen Standorten von Tankstellen beobachtbar, die nicht zu einem spürbaren Rückgang des Verkehrsaufkommens geführt haben.

Stoßen Ökonomen durch die spürbaren Auswirkungen der Erderwärmung auf offene Ohren in der Politik?

Köppl: Das ist unterschiedlich. Doch der ökonomische Grundgedanke, dass Kosten, die der Einzelne durch sein Handeln verursacht, nicht der Allgemeinheit auferlegt werden, sondern einen CO2-Preis haben, hat viel für sich.

Sind die Klimaziele überhaupt ohne CO2-Bepreisung erreichbar?

Köppl: Ich könnte im Prinzip auch durch Verbote und Standards viel machen. Aus meiner Sicht sollte man auf das Instrument CO2-Preis als ein Steinchen in einer Klimapolitik insgesamt nicht verzichten.

Das Gespräch führte Cornelia Ritzer