Letztes Update am Di, 07.05.2013 13:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Macht der Agrarkonzerne

Saatgut-Oligopol: Artenschwund und Abhängigkeit von Pestiziden

Eine Handvoll Konzerne kontrolliert den weltweiten Markt für Saatgut. Besonders alarmierend: Die selben Unternehmen spielen auch im Pestizidsegment eine führende Rolle.

© APADie Pensionshöhe ist bei den Bauern mit durchschnittlich 758 Euro monatlich deutlich geringer als bei Arbeitern (846), Angestellten (1.392) und Gewerbetreibenden (1.246 Euro).



Bern - Die EU-Kommission präsentierte heute Montag ihren Entwurf für eine neue Saatgut-Verordnung. Umweltschutzorganisationen und die Grünen sehen darin eine weitere Beschränkung der Artenvielfalt beim Saatgut. Sogar ÖVP-Umwelt- und Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich, der im Moment mit seiner Ablehnung eines Pestizidverbots für Aufsehen sorgt, unterzeichnete eine von Global 2000 und Arche Noah initiierte Online-Petition gegen den EU-Vorstoß.

Klar ist, dass die neue EU-Verordnung dazu führen würde, dass sich das Geschäft mit dem Saatgut noch stärker zugunsten der führenden Agrar-Konzerne entwickelt. In den letzten 20 Jahren konzentrierte sich der Markt derart, dass heute einige wenige Konzerne die globale Produktion beherrschen. „Dieses Oligopol ist das Resultat unzähliger Übernahmen und Fusionen“, erklärt die Schweizer NGO „Erklärung von Bern“, die unlängst die Dokumentation „Agropoly - Wenige Konzerne beherrschen die weltweite Lebensmittelproduktion“ herausgebracht hat.

Saatgutkonzerne mit führender Rolle am Pestizidmarkt

So habe etwa der Marktanteil der drei größten Saatgutproduzenten bei Zuckerrüben im Jahr 2011 rund 90 Prozent betragen, bei Mais 57 Prozent sowie bei Sojabohnen 55 Prozent. „Beängstigend“ sei auch die Tatsache, dass die „Top 3“ alle auch am Pestizidmarkt eine führende Rolle spielen. „Wegen der Zunahme von Hybridsaatgut, bei welchem es sich für die Bauern nicht lohnt, Saatgut aus der Ernte für die nächste Aussaat zurückzubehalten, und wegen geistigen Eigentumsrechten auf Saatgut, welche den Nachbau und den Saatguttausch zwischen den Bauern verbieten, wächst der kommerzielle Saatgutmarkt rasant“, heißt es in der Analyse.

In Tansania würden noch immer 90 Prozent des Saatgutes von den Bauern selbst hergestellt, in der Schweiz seien es bei Weizen nur noch fünf bis zehn Prozent. In Europa besitzen fünf Firmen (Monsanto, Dupont, Syngenta, BASF und Bayer) die Hälfte der Patente auf Pflanzen. Auf den Philippinen wurden laut „EvB“ vor der Grünen Revolution in den 1960er-Jahren mehr als 3000 verschiedene Reissorten angebaut. Zwanzig Jahre später gab es auf 98 Prozent der gesamten Anbaufläche nur noch zwei Reisvarietäten. Fazit der NGO: „Die weltweite Erosion der Vielfalt ist enorm. Schätzungsweise 75 Prozent aller Nutzpflanzensorten gingen im 20. Jahrhundert unwiederbringlich verloren.“

Fatale Abhängigkeit

Parallel dazu prägen die Agrochemiekonzerne seit Jahrzehnten die industrielle Landwirtschaft. Weil Schädlinge Resistenzen gegenüber den Chemikalien entwickeln, müssen stetig neue Pestizide entwickelt oder mehrere gleichzeitig angewendet werden. „Die Konzerne vernachlässigen ökologische Methoden in der Forschung oder verdrängen sie gar vom Markt. Mit dem Einstieg in die Saatgutindustrie begannen die Chemieriesen, das Saatgut von Pestiziden abhängig zu machen – ein Garant für fortlaufenden Absatz“, so EvB. Der Schweizer Konzern Syngenta ist laut der „Agropoly“-Studie mit 19 Prozent Marktanteil globaler Marktführer. Die zehn größten Hersteller kontrollieren 90 Prozent des Marktes.

Nach Angaben von EvB vergiften sich jährlich mehrere Millionen Bauern und Landarbeiter an Pestiziden – davon etwa 40.000 tödlich. Die Dunkelziffer sei hoch, oft mangle es an ärztlicher Betreuung. „Die Vergiftungen geschehen überwiegend in Entwicklungsländern, wo sich die Anwender nicht angemessen schützen können und wo Produkte verkauft werden, die bei uns längst verboten sind.“ Hinzu komme, dass viele Pestizide krebsfördernd seien, das Hormonsystem schädigen oder sich im Fettgewebe anreichern.

Bienensterben und Pestizidmüll

Natürlich haben Pestizide auch enorme Auswirkungen auf die Umwelt: „Das Bienensterben ist dafür ein aktuelles Beispiel. Aber auch Vögel, Hasen oder Böden sind betroffen. Die weltweite Bodenerosion ist stark von Düngemitteln und Pestiziden mitverursacht: Bodenorganismen, die für den Humus sorgen, werden durch Chemikalien dezimiert“, heißt es in dem Bericht. Selbst ungebrauchte und nicht sachgerecht entsorgte Pestizide führen zu Problemen: Rund 200.000 Tonnen Pestizidmüll haben sich laub EvB während der vergangenen 30 Jahre weltweit angesammelt. (tt.com, APA)




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