Letztes Update am Mi, 04.12.2013 09:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Libor-Skandal

EU will Rekordstrafen gegen Großbanken verhängen

Laut „Financial Times“ müssen bis zu zehn Banken mit Strafen im dreistelligen Millionenbereich rechnen. Das wäre die mit Abstand höchste jemals verhängte Kartellstrafe.

Unter den gesuchten Ex-Managern gehörten vier zur Deutschen Bank.

© KeystoneUnter den gesuchten Ex-Managern gehörten vier zur Deutschen Bank.



Brüssel - Wegen der Manipulation von Referenzzinssätzen will die Europäische Union einem Insider zufolge heute, Mittwoch, gegen die Deutsche Bank und weitere Institute eine Rekordstrafe verhängen. Demnach sollen neben der Deutschen Bank auch Geldhäuser wie Barclays, die Royal Bank of Scotland, Citigroup und JPMorgan Chase Geldstrafen zahlen. Beim Strafausmaß werden noch unterschiedliche Summen genannt.

Nach einem Bericht der „Financial Times“ könnten die Strafen jeweils im dreistelligen Millionenbereich liegen und bis zu zehn Banken betreffen. Der „FT“ zufolge geht es im Schnitt um Geldstrafen von 800 Mio. Euro pro Bank. Zusammen wäre es mit Abstand die höchste jemals verhängte Kartellstrafe der EU. Bisher liegt der Rekord bei 1,5 Mrd. Euro.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass insgesamt wohl mehr als 1,5 Mrd. Euro fällig seien. Bei der Deutschen Bank, dem größten deutschen Geldinstitut, gehe es um den Euribor, den Libor und den japanischen Tibor, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person der Nachrichtenagentur am Dienstag.

Die Schweizer UBS werde nicht bestraft, weil sie die Kartellwächter auf Manipulationen beim Yen-Zinssatz aufmerksam gemacht habe. EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia werde die Strafen voraussichtlich am Mittwochvormittag (11.30 Uhr MEZ) bekannt geben, sagte ein zweiter Insider. Die Deutsche Bank lehnte am Dienstagabend eine Stellungnahme ab.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Referenzsätze werden täglich ermittelt

Händlern der Geldhäuser wird vorgeworfen, die Zinssätze zu ihren Gunsten manipuliert zu haben, um Handelsgewinne einzustreichen. Referenzsätze wie Libor und Euribor werden täglich ermittelt und sind die Grundlage für Finanzgeschäfte im Volumen von mehr als 500 Billionen Dollar. Sie beruhen auf Angaben der Banken über ihre Refinanzierungskosten. Das System soll nach dem Willen vieler Aufseher wegen der Manipulationen geändert werden.

Über die bevorstehenden Strafen im Euribor-Fall ist bereits Anfang November berichtet worden. Davon sollen auch die französischen Institute Societe Generale und Credit Agricole sowie die britische HSBC betroffen sein.

Die Deutsche Bank, die eigentlich einen „Kulturwandel“ ausgerufen hatte, hat zurzeit juristischen Ärger ohne Ende. So steht Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen im Verdacht, im langjährigen Rechtsstreit des Instituts mit den Erben des Medienunternehmers Leo Kirch vor Gericht gelogen zu haben. Für Sünden der Vergangenheit hat die Bank schon mehr als vier Milliarden Euro zur Seite gelegt. Im Skandal um manipulierte Referenzzinssätze droht einem Insider zufolge aus Brüssel eine Geldstrafe in dreistelliger Millionenhöhe.

In der Regel verhängt die Kommission bei Wettbewerbsverstößen ein Bußgeld, das ein Zehntel der Einnahmen eines Jahres erreichen kann. Im Euribor-Fall liegt es aber deutlich darunter, wie aus den Kreisen im November verlautete. Die Deutsche Bank kam 2012 auf Einnahmen von 33,7 Milliarden Euro.

Weltweit bisher 3,7 Mrd. Euro an Strafen

In den Skandal sollen mehr als ein Dutzend Banken verwickelt sein. Vor und während der Finanzkrise sollen Händler durch falsche Meldungen die Zinsen zu ihren Gunsten verzerrt haben - nicht nur um Handelsgewinne einzustreichen, sondern auch um ihr Institut besser aussehen zu lassen.

Für die Ermittlung der sogenannten Benchmarks melden Banken, zu welchen Zinsen sie sich Geld leihen können. Aus diesen Daten werden Referenzsätze gebildet. Der bekannteste und wichtigste Zinssatz ist der Libor (London Interbank Offered Rate). Seit der Gründung der Euro-Zone gibt es zudem den Euribor (Euro Interbank Offered Rate) für die Banken in der Währungsunion.

Die Referenzzinssätze sind auch für private Kreditnehmer wichtig: In Europa haben nach Angaben der EU-Kommission 40 Prozent der Verbraucherkredite einen variablen Zinssatz.

Weltweit wurden gegen die UBS, die Royal Bank of Scotland, Barclays, die niederländische Rabobank und den Broker Icap bereits Strafen mit der Gesamtsumme von 3,7 Milliarden Dollar (2,72 Mrd. Euro) wegen der Manipulationen verhängt. Gegen sieben Personen laufen Strafverfahren. (APA/Reuters/dpa)