Letztes Update am Mi, 17.09.2014 07:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Landeck

Rote Ampeln beim Kraftwerk Sanna

Raftingverband, Anwalt und Steuerexperte präzisierten Fakten gegen das Sannakraftwerk. Grüne raten von Gemeindebeteiligung ab, Projektbetreiber Infra macht Überzeugungsarbeit.



Von Helmut Wenzel

Landeck, Pians, Zams – Ein Kraftwerksprojekt scheint geeignet, für einen heißen Herbst in der Sanna-Region zu sorgen. Beteiligte im spannungsgeladenen Dreieck sind sieben Anrainergemeinden, der Tiroler Projektentwickler Infra sowie eine Allianz von Touristikern, Wildwassersportlern, Lattenbach-Anrainern und Fischern.

Noch im Herbst, spätestens aber bis 30. Juni 2015, sollen rund 100 Mandatare über eine Beteiligung ihrer Gemeinde abstimmen. Es geht um einen 25-Prozent-Anteil beim Kraftwerk. Mit zehn Prozent ist vorübergehend die Infra beteiligt. Den Löwenanteil von 65 Prozent soll die Investorengruppe der öffentlich derzeit nicht bekannten Energieversorgungsunternehmen (EVUs) halten.

Auf Initiative des Landecker Touristikers Karl Graber hat der Tiroler Raftingverband (TRV) mit Koordinator Günter Kramarcsik am Montagnachmittag Argumente, Zahlen und Fakten aufgezeigt, die gegen das Kraftwerk sprechen. „Der Verband kämpft um die Existenz seiner Mitglieder. Allein im Oberland haben wir 600 Beschäftigte, 100 davon ganzjährig“, erläuterte TRV-Obmann Marcel Pachler.

Der regionale Umsatz der Raftingfirmen liege bei 38 bis 40 Mio. Euro jährlich. Zudem stünden bis zu 200.000 Nächtigungen auf dem Spiel, wenn dem Raftingsport das nötige Wasser abgegraben wird. „Unsere Existenzängste sind nicht allein durch das Sannakraftwerk begründet, auch durch Projekte im Zillertal oder in Osttirol“, schilderte Pachler. Zwar habe man mit der Infra kürzlich über Wassermengen und Betriebszeiten verhandelt, aber noch kein Ergebnis erzielt.

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Kramarcsik kommt nach Analysen zur langjährigen Entwicklung des Strompreises und der Wassermengen der Sanna zum Schluss: „Die regionale Wertschöpfung mit dem Wildwassersport ist deutlich höher als jene mit dem Kraftwerksbetrieb.“

Auch der Tiroler Steuerexperte Alois Pircher resümiert, das Kraftwerk würde unter den gegebenen Rahmenbedingungen fernab jeder Rentabilität laufen. Niemand könne seriöse Prognosen machen, ob sich die derzeit sinkende Strompreiskurve wieder nach oben bewegt. „Die den Gemeinden versprochene Gewinnausschüttung geht sich nicht aus“, erklärte Pircher, „wer weiß schon, was in 50 Jahren eine heute versprochene Rendite von 50.000 Euro noch wert ist.“ Niemand könne variable Größen wie Zinsentwicklung, Strompreis und Wasserführung der Sanna langfristig abschätzen.

Als hochriskantes Geschäft wertet der heimische Anwalt Robert Eiter die mögliche Beteiligung der Gemeinden. Diese hätten öffentliches Vermögen zum Wohle der Bevölkerung zu verwalten. „Wenn Warnungen bewusst missachtet, Gutachten nicht berücksichtigt und nachteilige Geschäfte geschlossen werden, kann das nach dem Strafgesetz zum Tatbestand der Untreue führen.“ Die Gemeinde müsse privatwirtschaftliche Aufgaben mit der Sorgfalt eines redlichen und verantwortungsbewussten Kaufmannes führen, zeigte Eiter auf.

Den Gemeinden könne von einer Kraftwerksbeteiligung nur abgeraten werden, erklärte LA Ahmet Demir von den Grünen, zugleich Mitglied des Landecker Gemeinderates. Er verweist auf das Prüfungsergebnis nach dem Kriterienkatalog Wasserkraft, das kürzlich vom Land veröffentlicht worden ist. „Dieses Gremium befürwortet die Weiterverfolgung nur bedingt“, hob Demir hervor.

Irritiert zeigt sich der Mandatar von der Einladung der Infra zu einer Besichtigung des Kraftwerks Stanzertal. Infra-Manager Manfred Roner schrieb ihm: „Ich weiß nicht, ob du dabei sein wirst, fände es aber schon eigenartig, wenn die Landesgrünen den fünf Tiwag-Projekten bedingungslos zustimmen, beim Sannakraftwerk aber die Muskeln spielen lassen.“

Die Infra versuche „ganz offensichtlich, die Entscheidungsträger für eine Gemeindebeteiligung zu gewinnen“, resümiert Demir. Doch unabhängig davon plädiert er: „Die Gemeinden sollten jetzt rasch abstimmen. Weitere Verzögerungen wären unfair gegenüber der Infra.“

Eine Einladung ohne Anmerkung erhielten hingegen BM Wolfgang Jörg (Landeck), BM Siggi Geiger (Zams) und weitere Mandatare.